Tag-Archiv für 'kritik'

…ums Ganze! TV


…ums Ganze! TV – Folge 5 – „Mr. Communism“


…ums Ganze! TV – Folge 6 – „Kein Finger krumm für diese Gesellschaft“

Restliche Folgen: I, II (derzeit wegen sog. „Urheberrechtsverletzung“ nicht verfügbar), III, IV, VII, VIII, IX, X

[via umsganze.de]

Kritische Theorie

In der Erkenntnis, dass das wirkliche Ganze nicht zugleich die ganze Wirklichkeit ist, wird Denken dem Falschen des Ganzen inne. Aber so Kritik am beschädigten Leben überhaupt noch teil hat, blitzt nicht die „Gesamtheit“ alles Falschen der gesellschaftlichen Totalität auf, zeigt sich die Sache nicht widerspruchsfrei im Begriff an: sie wird bestimmt negiert, nicht total.
Denken, das beansprucht, ein dialektisches zu sein, landet in einer Aporie, wenn es das abgeschlossen richtige Leben im Falschen als Unmittelbares stellen wollte. Die Sache ist allerdings komplex: die Idee der Freiheit gewinnt Wirklichkeit nur in der Erinnerung der Unfreiheit, ist ein Produkt derselben und entsprechend geschichtlich bedingt. Das heißt, die reale Möglichkeit des richtigen Lebens ist eine, die, ohne durch das Falsche hindurch zu gehen, nicht wäre. Dies markiert bis zu einem gewissen Grade selbst Verstrickung im universalen Verblendungszusammenhang und mündet im Unvermögen, positiv zu bestimmen, was das abgeschlossen Richtige im Falschen sei: entsprechend ist die Idee des Richtigen im Begriff ihrer geschichtlichen Entfaltung – die unmittelbar und unkritisch gesetzte „Verwirklichung“ erscheint dabei eher als Usurpation bürgerlicher Ideologie: sofern man nämlich von der realen, umfassenden Unfreiheit absieht, die auch das vermeintlich autonome Subjekt noch durchdringt in dem Maße, in dem sich das Bewusstsein vom je Notwendigen selbst verliert.

Die Spannung von Sache und Begriff, der der dialektische Gedanke inne wird, macht sich als „getrübter Rest“ (Bloch) geltend im Reich der Unfreiheit; dies Überschüssige steht ein für die Möglichkeit eines anderen, von jenem unterschiedenen gesellschaftlichen Seins. Doch eingrenzend gilt, dass die Idee der Freiheit, eingesenkt ins Falsche, nur Wirklichkeit gewinnt im Blick auf das aus dem Zwang gelöste praktisch Mögliche, nur in der Erinnerung der Notwendigkeit. Darin bleibt die Idee der Freiheit im antagonistischen Ganzen eingespannt in den Widerspruch auf die Sache selbst.
Der Satz, dass ein richtiges Leben im Falschen nicht sei, ist als bestimmte Negation des Falschen somit auch Kritik dessen, was das Richtige wäre: denn Denken, das sich gegen die unversöhnten Widersprüche und darin gegen sich selbst abgedichtet, wäre als ein borniert Positives schlechterdings Wiedergänger des Falschen, selbstverschuldet unmündig und unfrei.
Wo die nachbürgerliche Gesellschaft in diesem Sinne die Identität mit sich selbst feiert und angesichts der sich zuspitzenden gesellschaftlichen Widersprüche sich in die Brutalität, die der reinen Positivität innewohnt, verkrallt; wo umfassende Unfreiheit wiederum nicht allein, wie Adorno schrieb, in der Macht der Anderen, sondern zumal in der Dummheit der eigenen Ohnmacht besteht, da käme ein kritischer Begriff des Richtigen nicht zur Ruhe: bliebe bedürftig und unsicher tastend nach dem, was ein Besseres wäre.

Man hat der Kritischen Theorie Resignation, Verzweiflung vorgeworfen. Das aber bedeutete Absenz von Erkenntnis des Wirklichen schlechthin, nicht dessen gedankliche Durchdringung, die sie betreibt und darin stets ein Surplus zeugt: Kritik schlägt Fenster in den Wall des Tatsächlichen.
Wenn die gesellschaftlichen Verhältnisse bisher auch nicht das Ende der Herrschaft des Menschen über den Menschen einläuteten, im Gegenteil, Auschwitz möglich machten; wenn die Menschen auch heute – weitab vom Vermögen, sich ihres Bildes inne zu werden – sich fortgesetzt gegens Nichtidentische verhärten, rückt die Kritische Theorie doch kein Stück ab von der Idee eines Anderen, Unterschiedenen, das praktisch einzulösen wäre. Darin noch verharrt Kritik in sich selbst bewusster Erwartung, atmet Hoffnung: in der Negation der Negation, als die Erinnerung des Falschen verweist sie auf die praktische Möglichkeit eines Richtigen.