Tag-Archiv für 'krise'

Verschwörungstheorien kontern

Wie gehen wir auf die klassischen Verschwörungstheorien der „Truther“, „Infokrieger“ oder „Wahrheitsbewegten“ ein, wenn wir damit konfrontiert werden? An welchen grundsätzlichen Widersprüchen dieses ideologischen Feldes können wir ansetzen, um einen Erkenntnisschnitt zu provozieren? Was meint der Begriff der Ideologie im Allgemeinen und was lehrt uns Ideologiekritik über den Zustand einer Gesellschaft? Wie muss eine ideologiekritische Methode beschaffen sein und wo liegen ihre Grenzen?

Hier veröffentliche ich Diskussionsbeiträge zu zwei Videos (gefunden auf Facebook), von denen das erste in unsäglichem Szene-Jargon geradewegs die abgefeimtesten Wahnvorstellungen in den Raum stellt und das zweite die spezifischen ideologischen Formen, dies „imaginäre Verhältnis zum Realen“, ebenso wenig überwinden kann. Indes kann ihm die Nähe zu linken Positionen trotz allem nicht abgesprochen werden.
Zudem mache ich hier Auszüge einer „Diskussion“ zugänglich, die vor Kurzem auf der Seite der Gruppe „Echt Demokratie Jetzt!“ stattfand. Dabei ging es um den Stand der Verschwörungstheorien innerhalb der jungen EDJ-Bewegung. Ich werde den Diskussionsverlauf auf meine Auseinandersetzung mit Y eingrenzen und mir damit nicht die Mühe machen, sie als ganze oder in Teilen zu rekonstruieren. Ich denke, damit kann ich die Problematik klarer herausstellen.

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begleitender Kommentar: „Die Ursache der ganzen Scheiße!“

Ich poste die folgende Replik:

bevor einer meiner besten freunde ein psychose erlitt, in der er glaubte, er sei der messias, wies er mich drauf hin, dass ein artikel auf der titelseite der süddeutschen zur öffnung der freimaurerloge gegenüber frauender kein zufall sein könne: die freimaurer würden selbst dahinter stecken. damals hatte er schon immer sein handy ausgeschaltet aus angst, die strahlen können ihm schaden. er wisse ohnehin im voraus, wann jemand anrufen werde. dass ein paar tage später auf vox eine unausstehlich suggestive „dokumentation“ zu einer vermeintlichen verschwörung hinter 9/11 lief, muss ihm wohl den rest gegeben haben. nun zu dieser „dokumentation“. fangen wir mit dem offensichtlichsten unfug an: der „experte“ andreas von rétyi, der hier so beredet über die globale verschwörung parliert, vornehmlich bücher wie „Gefahr aus dem All : die Erde im Visier“ als „Das Alien-Imperium“ schreibt. http://de.wikipedia.org/wiki/Andreas_von_R%C3%A9tyi – der kopp-verlag, der dieses video offenbar produziert hat, verlegt „unter anderem Bücher zu Themen der Prä-Astronautik, der Ufologie, des Erfundenen Mittelalters, des Kreationismus, der Astrologie, der Geomantie sowie der Germanischen Mythologie, des Islamismus, der Freiwirtschaftslehre und „Enthüllungen“ wie zu sogenannten „linken Lebenslügen“.“ – http://de.wikipedia.org/wiki/Kopp_Verlag – inhaltlich würde ich aus dem ganzen ideologischen wust hervorheben: kapitalistische krisen sind schlicht nichts, worauf die ökonomie „bewusst“ oder „geplant“ hinarbeit. hier wird die dimension der gesellschaftlichen ohnmacht gegenüber der mehrwertproduktion – dem kapital – in den schillerndsten bildern rationalisiert, nicht gedanklich durchdrungen. daher streifen solche „theorien“ die objektive wirklichkeit nur: sie stellt die phänomene gesellschaftlicher prozesse aus und konstruiert eine kausalität auf abstruse, hanebüchene weise. die zugrunde liegende ideologie steht dabei immer halbwegs transparent im vordergrund. was diese dokumentation fordert, ist gehorsam gegenüber dieser ideologie, die wirkliche probleme durchwegs falsch „erklärt“. sie lässt keinen freiraum, sie engt vielmehr gedanklich ein: der zersplitterte, atemlose bilderlauf in verbindung mit der plötzlich einsetzenden, immer recht bedrohlichen musik fordert den prompten reflex, nicht reflexion. parallel grenzt der umstand, dass hier alles auf den subjektiven willen eingegrenzt wird, dass nichts jenseits dessen gilt und die welt daher eo ipso dem willen eines globalen, geheimen zirkels unterworfen ist, an eine zwanghafte wahnvorstellung. da fühle ich mich an meinen früheren freund erinnert, den infokrieg noch in die psychose hinein begleitete, in der er ganz ein seinen wahnvorstellungen aufging, zum preis der totalen desintegration als subjekt. nichts für ungut, aber als historischer materialist, der meint, etwas von psychologie zu verstehen, sehe ich mir diesen schund zu meiner belustigung an.

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Ich kommentiere:

the composition of the pictures, the cheesy music and the discourse that claims to be resuming what is being shown, seems arbitrary – and plain, i think. to link these disparate moments, the discourse conjures the worn-out ideology of nature as a holistic entity, as some sort of superiour being that must guide us. so while the voice refers to manipulation on a quite weak argumentative basis, the lack of substance is compensated by its ideological form (although the field of ideology cannot be reduced to mere manipulation). don‘t get me wrong, i don‘t doubt the good intention behind it, but i do doubt that crawling back into mother’s womb solves the problems that we‘re facing. (instead, i would recommend slavoj zizek’s comment on ecology: http://www.youtube.com/watch?v=9LxkmO7hnM0&playnext=1&list=PL5F58A8182812E81B)

X antwortet:

the corporations are not „greedy“. they are just playing the game they are suppose to play within the capitalist system.
the fear part is not bad though. […]

Ich halte dagegen:

of course, they‘ve got some good arguments there too. but i think, the problem is, that the composition seeks to stimulate the need for meaning that one cannot within „nature“, if its notion is not contextualised and thus regarded as a historical product which is literally being produced in terms of a material praxis. still, the idealisation and mystification of nature is something that conspiracy theories usually incorporate. but think of our psyche for example: as if the drive (an integral part of human nature) could guide us by means of reason! moreover, if you consider complementary, that on the website of the video (conspoetry.com) „conspiracy“ is defined das „a secret agreement between two or more people to perform an unlawful act“ or „a group of conspirators banded together to achieve some harmful or illegal purpose“, it stands on an ideological basis that is highly doubtful in general, since it mystifies bourgeois society and its legal forms. moreover, this approach personalises problems within late capitalism in a very inadequate way, as you said, mo. so as much as any contribution is valuable in itself, i consider this to be a shaky and in fact missleading basis for a genuine emancipatory cause. and yet, i do share the hope and the will for change therein!

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  • „Echte Demokratie Jetzt!“ postet den Link zum Artikel „Verschwörungstheorien – Gefahr für die Demokratie“
  • Y postet folgende Kommentare:

    „Es ist grundsätzlich strunzdämlich und einzig der umfassenden Gehirnwäsche zu danken,der klassischen „Teile und Herrsche“Methode der Eliten,zu glauben,Whrheit ordne sich nach Sitzordnungen,Idiologien oder Religionen.FREE YOUR MIND !!!“

    „Verschwörungen sind ein Fakt,nicht umsonst gibt es Geheimdienste solche aufzudecken oder aber eben selbst zu begehen.Wer diese Tatsache ignoriert bewegt sich am Rande des Schwachsinns oder befindet sich bereits tief darin.“

    „Es gibt keine Zufälle in der Politik,keine Irrationalität,wie sie so gern von den Alliierten Hitler unterstellt wird,welcher angeblich in seinem „Wahn“ die Welt erobern wollte.Wer einen solchen Unfug glaubt,der glaubt auch das Zitronenfalter Zitronen falten.“

    „Es gibt Zufälle welche auf die Politik einwirken,Umwelteinflüsse,welche die Politik nicht zu beeinflussen vermag,die Politik ansich aber ist plausibel,wenn auch nicht immer rational.“

    „Ein Beispiel sei genannt von unendlich vielem Blödsinn,welcher verbreitet wird als „historischer“Fakt.Es sollen LKW benutzt worden sein zwecks Vergasung von Menschen,so wird es gelehrt,steht es in den Geschichtsbüchern.Jeder Dorfschrauber w…ird euch aber sagen können,das Dieselabgase völlig ungeeignet sind dazu,da kaum CO uftritt,dieser als Ruß anfällt.Selbst nach Stundenlanger „Begasung“könnten höchstens Kopfschmerzen auftreten.Klar das die Lügner nicht wollen,das man sie ertapt.So ist es erwiesener Unsinn,das Schrumpfköpfe hergestellt wurden,es fehlte nicht nur das Wissen um die Technik,die vorgezeigten Exemplare aus dem Völkerkundemuseum waren Langharig und keine Ethnie fand sich bereit sich darin wiederzuerkennen.Polen bewieß nachdrücklich das sie im entscheidenden Zeitraum Friseure besuchten.Absurdistan läßt grüßen…“

    „Weit interessanter ist die sog. Oktoberrevolution in Rußland,die tatsächlich eine der jüdischen Bankster um Rothschild,Warburgs und Jakob Schiff war,das Resultat war eine jüdische Nomenkltura und 66 Millionen christliche ermordete.“

    Ich kontere:

    vorab vielen dank für diesen beitrag, der gerade hier, wie mir scheint, unheimlich wichtig ist! [Ys] kommentare haben mich derart aufgebracht, dass ich mir den frust erstmal von der seele schreibe musste. weil ich an dem folgend……en gerade eine ganze zeit lang saß, konnte ich auf die letzten erbärmlichen wortkaskaden nicht einehen. darum, sehen wir uns nur mal exemplarisch diese beiden kommentare von [Y] an, um zu sehen, wie ein beschränktes bewusstsein sich ausnimmt:
    1) „Es gibt Zufälle welche auf die Politik einwirken,Umwelteinflüsse,welche die Politik nicht zu beeinflussen vermag,die Politik ansich aber ist plausibel,wenn auch nicht immer rational.“
    2) „Es gibt keine Zufälle in der Politik,keine Irrationalität,wie sie so gern von den Alliierten Hitler unterstellt wird,welcher angeblich in seinem „Wahn“ die Welt erobern wollte.Wer einen solchen Unfug glaubt,der glaubt auch das Zitronenfalter Zitronen falten.“
    wo sich die mittelalterliche theologie sich noch mit dem providenz-kontingenz-problem und damit mit der frage, was gottes vorsehung sei und was davon abweiche, herum schlagen musste, hat sich hier im grunde nicht geändert und wenn, dann überhaupt zum schlechteren. schauen wir uns mal die zweite aussage an: wir haben hier einen politischen bereich, der dadurch ausgezeichnet ist, dass sich in ihm nichts zufälliges zuträgt und daher die notwendigkeit politischen handelns die bedingung der möglichkeit des ohnehin notwendigen ist. diese vermeintliche politische realität, die du beschreibst, stellt also ein horror vacui dar, in dem ein jedes mit notwendigkeit auf das vorhergehende folgt. ebensogut könntest du in diesem sinne argumentieren, dass ein göttlicher wille – die transzendente notwendigkeit höchstselbst – die geschichte formt.
    ehe ich dir einen verkappten, unbewussten theismus unterstelle: du meinst, dieser böse plan werde allein durch „umwelteinflüsse“ durchbrochen. damit ist es die natur, die dieses horror vacui der perpetuierten notwendigkeit füllt. weiters behauptest du, dass die politik „an sich“ (bei hegel gefunden?) „pausibel, wenn auch nicht immer rational“ sei. ist der bereich des politischen nun eine abfolge von notwendigkeiten, denen ein böser plan von menschenhand zugrunde liegt? das setzt voraus, dass eben jenen geheimen zirkeln alles rational (verstandesgemäß) zugänglich sei – die dubiosen „umwelteinflüsse“ freilich ausgeschlossen. ist der umstand, dass die produktionsverhältnisse unter dem kapital nicht vernunftgemäß sondern im kern irrational eingerichtet sind? das die kapitalistischen krise am ende nicht das resultat des willens eines geheimen souverän ist – sei’s die weltregierung, illuminaten, freimaurer oder zionisten – sondern das produkt eines „negativen souveräns“, den wir kapital nennen wollen und ein gesellschaftliches verhältnis zur produktion von mehrwert meint? einer herrschaftsform, die, wo wir mit ihr zwar tagtäglich konfrontiert sind, doch so abstrakt ist, dass wir uns dessen mitunter gar nicht bewusst sind und allerlei erklärungen suchen, um diesen mangel zu füllen?

    verschwörungtheorien sind voraufklärerisch zum einen in dem sinne, dass das ancien régime im 18./19. jahrhundert selbst die verschwörungstheorien um die „geheimen konspirativen zirkel“ der jesuiten oder illuminaten lancierte (Friedrich Schiller greift das im „Geisterseher“ ironisch auf). voraufklärerisch sind sie aber auch, weil die eine übergesellschaftliche macht ausmachen – eben einen gottgleichen willen – demgegenüber die menschen immer schon als opfer figurieren. ich behaupte hingegen, dass die reale, gobale herrschaftsform die des kapitals ist, die die menschen reprozudieren, indem sie waren unter dem kapitalverhältnis produzieren. die lohnabhängigkeit ist in diesen verhältnissen freilich stummer zwang und so schaffen die menschen – ob sie sich dessen bewusst sind oder nicht – ihre eigene gesellschaftliche ohnmacht, deren höchster ausdruck die gegenwärtige krise ist.
    vernunft würde dich dahin führen, diese verschränkung von rationalität und irrationalität, von wille und fremdbestimmung verstandesgemäß zu befragen und auf der grundlage einer eben vernünftigen kritik praktische möglichkeiten abzuleiten. du siehst, ich verschreibe mich dem ideal der aufklärung, dem erkenntnisgeleiteten interesse. wenn du mich nun fragen würdest, ob DU, [Y], vernünftig bist, dann will ich dir kurzerhand die antisemitische fratze entgegen halten, die auf der seite der gruppe „jewish bolshevism“ prangt (https://www.facebook.com/pages/Jewish-Bolshevism/135143833186054), der du angehörst (18:03). sie sagt weniger über das zionistische weltkomplott denn über dein eigenes defizitäres bewusstsein aus. get a life.“

    Y geht schlicht nicht auf meine Kritik ein. Anstatt dessen postet er – offensichtlich ohne auf jemandes Beitrag konkret Bezug zu nehmen – dies:

    „Der wahre Feind der Wahrheit ist nicht die Ignoranz allein,sondern insbesondere die Ilusion des Wissens .“

    Weiß man noch, was hier Überhand greift? Ist es Selbstgefälligkeit oder Selbstverleugnung?

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    In der Auseinandersetzung mit der Unvernunft, die sich in den Mantel der „Theorie“ kleidet, tut sich besonders das Blog Reflexion hervor. An dieser Stelle möchte ich seinem Verfasser meine Hochachtung für sein unermüdliches Engagement aussprechen. Weiter so!

    Debtocracy (2011)

    Die Dokumentation „Debtocracy“ von Katerina Kitidi und Aris Hatzistefanou stellt die Schuldenkrise des Staates in einen umfassenden, globalen Kontext und versucht, Perspektiven einer verallgemeinerten widerständigen Praxis aufzuzeigen.

  • Offizielle Website: debtocracy.gr (Englisch)
  • Artikel auf der englischen Wikipedia
  • Angelus Novus

    Angesicht der globalen Krise befindet sich die Welt in einem gesellschaftlichen Gärungsprozess, dessen Wucht der arabische Frühling bereits vor Augen führt. Doch wo in dessen Rahmen sich zunächst bürgerliche Demokratien im Kampf gegen die personale Despotie etabliert haben, tritt dieser globale Prozess in den fortgeschrittensten kapitalistischen Gesellschaften allerdings in anderer Form, mit anderen Inhalten, zutage: diese sozialen Kämpfe sind im Zuge des Niedergangs der bürgerlichen Gesellschaft auf die Befreiung von der Logik des Kapitals hin gespannt. So ist die gegenwärtige kapitalistische Krise die Krise des Spätkapitalismus selbst. Seine grundlegenden Widersprüche treten in den Ländern, die dem Abgrund am nächsten stehen, in aller Irrsinnigkeit und daher voller Klarheit zutage. Deshalb wollen wir zunächst die Situation der griechischen Gesellschaft und die Widersprüche der transnationalen Kapitalien umreißen. Im Rahmen dieser Bezugssysteme wollen wir uns der widerständigen Praxis des Generalstreiks aus einer erkenntistheoretischen Perspektive nähern.

    Der griechische Staat, wie die meisten fortgeschrittenen Industriestaaten, sieht sich mit einer Krise konfrontiert, die seine Funktionsweise selbst zu beeinträchtigen droht. Eine bewusste und organisierte Bewegung der Lohnabhängigen – vom Industrieproletariat bis hin zu den Angestellten im Dienstleistungssektor – ist offensichtlich nicht gewillt, die Austeritätspolitik hinzunehmen, die die EU und der IWF im Zuge der griechischen Hilfskredite der sozialistischen Regierung unter Giorgos Papandreou oktroyieren. Dies hat der Generalstreik vom 11. Mai mit überwältigendem Erfolg ein weiteres Mal gezeigt.

  • zur Einbindung der Angestellten im öffentlichen Dienstleistungssektor – eine erstaunliche Erklärung in Reaktion auf die widerwärtige Brutalität der Athener Polizei: „Announcement of Hospital Doctors Union (Local Branch of Nikaia General Hospital)“occupiedlondon.org
  • Die Niederlegung der Arbeit trifft die empfindlichste Stelle eines Staates, der notwendig darauf angewiesen ist, gerade in der Beschneidung der individuellen Konsumption, etwa durch die Kürzung von Löhnen im öffentlichen Sektor, das Einfrieren von Renten (was de facto auch eine Kürzung bedeutet) oder der Erhöhung der Mehrwertsteuer, im Angriff auf die Lohnabhängigen den Staatsbankrott abzuwenden. Doch die griechische Wirtschaft, die in den ersten drei Monaten dieses Jahres zwar um 0,8% gewachsen ist, aber deren Arbeitslosenrate neuerdings bei 15,9% liegt (Quelle: Athens News), hat, auch bedingt durch die unerbittliche Sparpolitik, die den bescheidenen Aufschwung abwürgen könnte, realistischerweise über Jahre hinweg nicht die Kraft, ein Wachstum zu generieren, das über dem Niveau der Zinsen auf die staatlichen Schuldscheine liegt. Selbst wenn dem griechischen Staat der Zugang zum Staatsanleihenmarkt offen stünde, müsste er für Bonds mit zweijähriger Laufzeit untragbare Zinsen von 23,4 Prozent bieten. Zum Vergleich, die Rendite vergleichbarer Bundesanleihen beläuft sich auf 1,8 Prozent. so offenbart die Kreditwürdigkeit einer fortgeschrittenen westlichen Industriegesellschaft, die wie die griechische nach Einschätzung der Ratingagentur Standard & Poor’s auf der selben Stufe wie der Kenias und gar noch unterhalb der der Mongolei rangiert, die krasse Ungleichzeitigkeit der Entwicklung, die die Währungsunion zu zerreissen droht. Angesichts dieser unheilvollen Konstellation ist eine kontinuierliche Neuverschuldung des Staates, der gegenüber es unmöglich sein dürfte, die Schuldenmasse auf ein tragbares Niveau zu reduzieren, ohne den berüchtigten „Haircut“, also eine Teilumschuldung der staatlichen Kredite, zu wagen, was selbst bürgerliche Ökonomen und Fondsmanager kaum noch anzweifeln, wie Reuters ermittelte.
    Ohne hinreichendes Wirtschaftswachstum klammert sich die griechische Regierung als willfähriger Büttel der ach so gütigen Helfer eine drakonische Sparpolitik zur Wiederaufrichtung der Kredibilität des Staates, damit die Abwendung der Umschuldung die Weltwirtschaft davor bewahre, in den nächsten Krisenzyklus zu geraten, dessen mögliche Folgen bereits mit dem globalen finanziellen Kollaps nach der Pleite der Lehman Brothers verglichen wird. So würde das griechische Bankensystem bei einer Umschuldung vollkommen darnieder liegen. Ebenso würde ein Zahlungsausfall dieser Größe ein globales Bankensystem treffen, das auch nach dem Basel III-Abkommen gegen den massiven Liquiditätseinbruch nicht hinreichend abgesichert scheint. Die EU-Hilfen, die heute schon gegen den Widerstand der Bevölkerung vieler EU-Staaten lanciert wurden, würden, da sie im Falle des Kollaps des griechischen Bankensystems ausgedehnt werden müssten, wahrscheinlich endgültig versiegen, was selbstverständlich noch einen viel größere fiskalische Einschnitte erfordern würde. Nun, die Folgen für Irland und Portugal, ja selbst Spanien, Italien oder Belgien, sind heute unklar, doch man annehmen, dass die gesamte Chose den Bach runter gehen wird, da das „Krisenlabor Griechenland“ als lodernde Lunte im Pulverfass die Vorhut des verallgemeinerten Verhängnisses darstellt.
    Kein Politiker, der sich halbwegs bei Verstand wähnt, möchte es auf eine Umschuldung ankommen lassen, zumal ein Schuldenschnitt den französischen Staat, der nach Berechnungen von der „Bank for International Settlements (BIS)“ über 20 Milliarden Euro an griechischen Schuldscheinen hält. Rechnet man die Darlehen, die Rückkaufgarantien und ausstehende Kreditzahlungen des privaten Sektoren hinzu, stehen allein in Frankreich sogar Zahlungsansprüche von über 92 Milliarden Euro ins Haus. (Quelle: Athens News) Indessen sind die Liquiditätshilfen, die den Schuldenschnitt abwenden sollen, zunehmend unpopulär. Somit ist die europäische Einheitsfront längst schon am bröckeln, zumal rechtspopulistische Bewegungen europaweit an Fahrt gewinnen. (In der totalen Verweigerung, dieser unsäglichen und fast schon bemitleidenswerten Blauäugigkeit, begehen die Kinder des Systems Vatermord, wo sie diesen doch vorgeblich zu verhindern suchen. Die Mystifizierung des Kapitalismus und daher die Regression auf seine aggregierten, unvermittelten ideologischen Versatzstücke verlangen es, die Ratlosigkeit ihres ökonomischen Liberalismus angesichts seiner überkommenen materiellen Grundlage mit den schlichtesten rassistischen Parolen zu übertönen. Man nehme die niederländische Partij voor de Vrijheid, die schwedischen Sverigedemokraterna oder die Freiheitliche Partei Österreichs. Was den Menschen ins Haus steht, wenn die faschistoiden Marionetten die Regierungsgewalt in die Hand nehmen, sieht man in Ungarn mit der Fidesz: es folgt die Errichtung einer autokratischen Herrschaftsform zur Unterdrückung des gesellschaftlichen Antagonismus, dessen Auslagerung auf Randgruppen im Inneren oder den äußeren Feind und, damit verbunden, die Mystifizierung der geschichtlichen „Mission“ der sei’s rassisch, sei’s kulturalistisch begründeten Volksgemeinschaft.)

    Die griechische Misere hat ihren Ursprung im ökonomischen Ungleichgewicht von Zentrum und Peripherie im Euro-Raum. Denn angesichts eines Exportüberschusses etwa auf deutscher und dem damit verbundenen Außenhandelsdefizit auf griechischer Seite scheitert der Anspruch der Griechen auf Wohlstand im Schoße Europas im Kern gerade am Wohlstand der Anderen. In diesem Spannungsfeld ist der Generalstreik ein Affront nicht nur gegenüber der Regierung und dem Staat, den sie verwaltet, sondern darüber hinaus angesichts des internationalen Charakters der Problematik, eine praktische Kritik an den Verwerfungen des transnationalen Kapitals und damit wesentlich universalistischer, antikapitalistischer Natur, mögen in dessen Zuge auch reformistische Forderungen gestellt werden. Denn anstatt einem bornierten Nationalismus zu verfallen, hat der zweite Gerenalstreik dieses Jahres das Land ein weiteres Mal lahmgelegt: „eine erste Antwort“ auf die Pläne zur Verschärfung der Sparpolitik.

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    „Ein Sturm weht vom Paradiese her“

    Mit der Tertiärisierung der Industriestaaten verallgemeinert sich der Begriff des einstigen Proletariats zur Klasse der Lohnabhängigen, die sowohl die produktiven Arbeiter wie die unproduktiven „Zirkulationsarbeiter“, die mit dem reibungslosen Ablauf des Gesamtprozesses betraut sind, oder die Angestellten im Dienstleistungssektor umfasst (vgl. Hans-Günter Thien: „Die verlorene Klasse – ArbeiterInnen in Deutschland“, Münster 2010). In ihr schlägt sich nun die maßgeblich apersonale Herrschaftform des Kapitals nieder, die ohne das Privateigentum an den Produktionsmitteln und damit ohne dem Prinzip der Mehrwertproduktion, derer sich der Staat eben in vermittelter Form annimmt, schlicht nicht zu denken ist. Zugleich sind es die Lohnabhängigen selbst, „die ihre Arbeitskraft gegen Geld in der Form von Kapital tauschen“ (Thien 2010, S. 41). Die Erkenntnis dieses Widerspruchs von der Produktion der realen Ohnmacht eben durch die entfremdete Arbeit – die Erkenntnis, die wir Klassenbewusstsein nennen wollen – vermittelt dem gesellschaftlichen Ganzen jenseits aller ideologischen Verfremdungen das Bewusstsein seiner materiellen Grundlage und Funktionsweise, seiner Grenzen und Möglichkeiten. Diesen Gedanken wollen wir nun entfalten.

    Ob befristete Leiharbeit, Lohn- oder Rentenkürzungen, Einsparungen im Gesundheitsbereich oder der Bildung: all die garstigen Mittel, den Wert lebendiger Arbeit über die Drosselung der individuellen Konsumption zu Gunsten der verfügbaren Kapitalmasse mindern, führt dem Produzenten seinen Status als Objekt der Verfügung vor Augen, das als bloße Ware auf die Wertigkeit unbelebter Materie nivelliert scheint. Sein Schicksal ist, wie Georg Lukács im Essay „Die Verdinglichung und das Bewußtsein des Proletariats“ in Bezug auf das Industrieproletariat darlegt, „für den Aufbau der ganzen Gesellschaft typisch“ und offenbart die „Selbstobjektivierung, dieses Zur-Ware-Werden einer Funktion des Menschen, den entmenschten und entmenschlichenden Charakter der Warenbeziehung in der größten Prägnanz.“ Der Lohnarbeiter ist heute, wie einst der Industrieprolet, das Erkenntnissubjekt des gesellschaftlichen Ganzen:

    „Sein [des Arbeiters] unmittelbares Sein stellt ihn […] als reines und bloßes Objekt in den Produktionsprozeß ein. Indem sich diese Unmittelbarkeit [der Warenform] als Folge von mannigfaltigen Vermittlungen erweist, indem es klar zu werden beginnt, was alles diese Unmittelbarkeit voraussetzt, beginnen die fetischistischen Formen der Warenstruktur zu zerfallen: der Arbeiter erkennt sich selbst und seine eigenen Beziehungen zum Kapital in der Ware. Soweit er noch praktisch unfähig ist, sich über diese Objektsrolle zu erheben, ist sein Bewußtsein: das Selbstbewußtsein der Ware; oder anders ausgedrückt: die Selbsterkenntnis, die Selbstenthüllung der auf Warenproduktion, auf Warenverkehr fundierten kapitalistischen Gesellschaft.“
    - Georg Lukács: „Die Verdinglichung und das Bewußtsein des Proletariats“, in: „Geschichte und Klassenbewußtsein“, Darmstadt/Neuwied 1983, S. 295.

    Der Kern der Einsicht, dass weder die reformistische PASOK noch eine andere bürgerliche Partei die drängenden Probleme wird lösen können, liegt in der Enthüllung der Herrschaft partikularer Interessen innerhalb der bürgerlichen Gesellschaft, die sich in den ideologischen Schleier des Allgemeinen kleiden. So finden wir mit dem alten ökonomischen Liberalismus, der im Neoliberalismus eine späte Blüte erlebte, eine geschichtlich spezifische Ideologie vor, der das Einzelinteresse als mit dem allgemeinen identisch gilt, jedoch nur in dem Sinne, dass sie aufseiten der Arbeiter die Verwertung der Ware Arbeitskraft als die Wirklichkeit der bürgerlich-formalen Freiheit denkt.
    Diese Freiheit bedeutet aber weiter nichts als den stummem Zwang, dem bei Untergang des Einzelnen genüge getan werden muss – zu Konditionen, die weder der Arbeiter bestimmt, noch im Kern Ausdruck des Willens der ausbeuterischen Klasse ist. Denn der Bourgeoisie ihre eigene Verlogenheit vorzuhalten, mag im politischen Kampf sicherlich sinnvoll sein. Eine radikale Kritik muss indes tiefer gehen: mit Marx betrachten wir die herrschende Klasse als „Charaktermaske des Kapitals“, die sich seiner Macht weitgehend unterworfen sieht, zumal in Zeiten der Krise, die weder Produkt der Gier weniger, noch der übermäßigen Konsumption weniger ist. Es gilt zu erkennen, dass die Krise Resultat einer Produktionsweise ist, die sich durch die Verwertung von Wert – Mehrwert – auszeichnet. Doch dem prozessierenden Wert steht der gesellschaftlichen Reichtum der Produzenten gegenüber, die zu beschneiden das Kapital notwendig angewiesen ist, damit es sich reproduziere: diesen sich mal um mal zuspitzenden und in der Krise sich entladenden Widerspruch „zwischen den Bedingungen, worin dieser Mehrwerth producirt, und den Bedingungen, worin er realisirt wird“ („Das Kapital – Kritik der politischen Ökonomie, Dritter Band“) nannte Marx das „Gesetz der fallenden Profitrate“.
    Um die Kapitalkontraktion, die die Krise in der Mehrwertproduktion meint, zu beheben, müsste die individuelle Konsumption über Lohnerhöhung oder die Sozialpolitik angekurbelt werden: hier finden sich in der bürgerlichen Ökonomie die Keynesianer ein. Was zunächst so einleuchtend scheint, wird erschwert durch die immanenten Widersprüche des Systems: Denn das nationale Kapital (der Einfachheit halber wollen wir hier das transnationale Kapital unterschlagen) steht nun freilich in Konkurrenz zu den anderen nationalen Kapitalien, weshalb die Mehrwertproduktion im eigenen Land – auf Kosten des Wertes der Arbeit – belebt werden müsse: der Neoliberalismus lässt grüßen. Seine letzten verzweifelten Ausläufer dürfen in Europa die drakonischen Sparprogramme sein. Damit tritt der Grundwiderspruch von Arbeit und Kapital in Zeiten der Krise, die nicht die Ausnahme ist, sondern die Regel selbst, klar hervor: das Versprechen der bürgerlichen Freiheit meint die brutale, warenförmige Verwertung des unter seiner bloßen Produktivität subsumierten, geschundenen Leibes des Lohnabhängigen. Wir sehen, wie die bürgerliche Gesellschaft immer weniger fähig ist, selbst dies kümmerliche Recht zu stützen, gilt es doch tendenziell nur in Zeiten der Prosperität und des Burgfriedens der Klassen. Beides scheint mit der Krise des Spätkapitalismus unwiderruflich verloren.
    Doch wo sich das subjektive Bewusstsein gegen die Transformation der objektiven materiellen Grundlage sperrt, da droht emminente Gefahr. Denn die „Sachzwänge“, denen ohnmächtig entsprochen wird, verlangen von Neuem nach dem gesellschaftlichen Blutopfer: „Arbeit macht frei“ sagt der deutsche Faschismus zynisch, der unerbittlichste, mörderischste Krisenverwalter aller; „Wahrheit macht frei“ skandieren sie heute, da sie, die Unbelehrbaren, einfordern, was sei nicht verstehen: die unheilvolle Verschlingung von Gewalt und Sinnlosigkeit, die das Kapital meint!

    Wir Marxisten sehen die Ware als die „Universalkategorie des gesamten gesellschaftlichen Seins“ (Georg Lukács) und somit als die Wurzel an, die radikale Theorie und Praxis packen muss. In dieser Reflexion auf die Vermittlung der von den materiellen Verhältnissen bestimmten Basisstruktur und der auf sie bezogenen ideologischen Formen, erweist sich die wahrhaftige Materialität der gesellschaftlichen Wirklichkeit jenseits aller Mystifizierung. So sind der Überzeugung, dass dem Subjekt die Warenform sich als die reale Herrschaftsform enthüllen muss, in deren Bann es im vollen Sinne des Begriffes nicht Mensch ist, sondern Ding.

    Deshalb setzen wir auf den Generalstreik: er erreicht das höchste Maß an materieller Wahrhaftigkeit, indem er die Funktionsweise der Produktion radikal packt, was die Entschleierung des so hartnäckig mystifizierten Klassenantagonismus, dessen Zuspitzung allzu oft als bloßes Kommunikationsproblem dargestellt wird, bereits voraus setzt. Denn wo die Produzenten die sie beherrschende gesellschaftliche Macht – das Kapital – und somit ihre eigene Ohnmacht reproduzieren, indem sie produzieren; wo die verallgemeinerte Warenproduktion (was die warenförmigen Dienstleistungen natürlich mit einschließt) die Gesamtheit der Lohnabhängigen als unterdrückte Klasse und somit die grundlegende gesellschaftliche Herrschaftsform konstituiert, da antizipiert die partielle Arbeitsniederlegung schon die praktische Aufhebung der Klassengesellschaft und aller ihr vermittelten Erscheinungsformen von Knechtschaft:

    „Aus dem Verhältnis der entfremdeten Arbeit zum Privateigentum folgt ferner, daß die Emanzipation der Gesellschaft vom Privateigentum etc., von der Knechtschaft, in der politischen Form der Arbeiteremanzipation sich ausspricht, nicht als wenn es sich nur um ihre Emanzipation handelte, sondern weil in ihrer Emanzipation die allgemein menschliche enthalten ist, diese ist aber darin enthalten, weil die ganze menschliche Knechtschaft in dem Verhältnis des Arbeiters zur Produktion involviert ist und alle Knechtschaftsverhältnisse nur Modifikationen und Konsequenzen dieses Verhältnisses sind.“
    - Karl Marx: „Ökonomisch-philosophische Manuskripte“, 1. Manuskript

    Nicht erst, seitdem die Schergen englischer Kapitalisten streikende Proletarier zurück an die Arbeitsplätze prügelten, wie Engels in „Die Lage der arbeitenden Klasse in England“ von 1844/1845 beschreibt, gilt ihnen wie uns unumstößlich, dass die subjektiven Grenzen der Misere der Lohnarbeiterschaft die objektiven Grenzen der Produktionsweise markieren. In diesem Sinne erkennen wir im militanten Generalstreik den höchsten Ausdruck der Selbsterkenntnis der fortgeschrittenen kapitalistischen Gesellschaft und damit des geschichtlichen Fortschrittes des Menschheit: da die unversöhnliche Opposition im Bewusstsein ihrer gesellschaftlichen Macht das dräuende Verhängnis praktisch verneint, antizipiert sie die Verwirklichung eines Anderen, Besseren auf dem Boden des Faktischen: die Vernunft, die sie meinen, verlangt im Anblick des Trümmerhaufens einer darbenden Gesellschaftsformation zunächst die Aneignung der Produktionsmittel, die Etablierung der Arbeiterdemokratie über ein vertikales, zentralisiertes Rätesystem und endlich die selbstbestimmte und rational, also an den Bedürfnissen der Menschen, ausgerichtete Produktion.

    Unsere Solidarität gilt dem Willen der revolutionären griechischen Lohnarbeiter, sich der duldenden, kontemplativen Objektrolle zu entwinden und als handelnde Subjekte, als lebendige Menschen gegen die „Herrschaft der toten Materie über den Menschen“ (Marx) – gegen das Kapital als dem negativen Souverän der Gesellschaft – im Sinne aller zu kämpfen, um den Universalismus vom Menschen ausgehend zu verwirklichen, der die Totalität seines Werdens als übergeordnetes Prinzip, als Selbstzweck, setzt. Denn um mit Marxens Worten zu fragen:

    „Was ist der Reichtum anders, als die im universellen Austausch erzeugte Universalität der Bedürfnisse, Fähigkeiten, Genüsse, Produktivkräfte etc. der Individuen? Die volle Entwicklung der menschlichen Herrschaft über die Naturkräfte, die der sog. Natur sowohl wie seiner eignen Natur? Das absolute Herausarbeiten seiner schöpferischen Anlagen, ohne andre Voraussetzung als die vorhergegangne historische Entwicklung, die diese Totalität der Entwicklung, d.h. der Entwicklung aller menschlichen Kräfte als solcher, nicht gemessen an einem vorhergegebnen Maßstab, zum Selbstzweck macht? Wo er sich nicht reproduziert in einer Bestimmtheit, sondern seine Totalität produziert? Nicht irgend etwas Gewordnes zu bleiben sucht, sondern in der absoluten Bewegung des Werdens ist? Wo er sich nicht reproduziert in einer Bestimmtheit, sondern seine Totalität produziert? Nicht irgend etwas Gewordnes zu bleiben sucht, sondern in der absoluten Bewegung des Werdens ist?“
    - Karl Marx: „Grundrisse der Kritik der politischen Ökonomie“

    Wir sind der Ansicht, dass die antithetische Klasse der Lohnabhängigen und aller Unterdrückten, Marginalisierten und Ausgesonderten – in einer Abwandlung eines Zitats von Horkheimer und Adorno aus der „Dialektik der Aufklärung – lehrt, in den Zügen des gesellschaftlichen Ganzen „das Eingeständnis seiner Falschheit lesen, das ihm seine Macht entreißt und sie der Wahrheit zueignet“. Eben diesen dialektischen Gedanken finden wir bei Walter Benjamin, in seinen Geschichtsthesen, mit der wunderbaren Allegorie des „Engels der Geschichte“, dessen Bewegung er im Paul Klees Gemälde „Angelus Noves“ zu erkennen meint: „Seine Augen sind aufgerissen, sein Mund steht offen und seine Flügel sind ausgespannt. Der Engel der Geschichte muß so aussehen. Er hat das Antlitz der Vergangenheit zugewendet. Wo eine Kette von Begebenheiten vor uns erscheint, da sieht er eine einzige Katastrophe, die unablässig Trümmer auf Trümmer häuft und sie ihm vor die Füße schleudert. Er möchte wohl verweilen, die Toten wecken und das Zerschlagene zusammenfügen. Aber ein Sturm weht vom Paradiese her, der sich in seinen Flügeln verfangen hat und so stark ist, daß der Engel sie nicht mehr schließen kann. Dieser Sturm treibt ihn unaufhaltsam in die Zukunft, der er den Rücken kehrt, während der Trümmerhaufen vor ihm zum Himmel wächst. Das, was wir den Fortschritt nennen, ist dieser Sturm.“

    Paul Klee - Angelus Novus

    Möge der griechischen Bewegung die Einsicht und lebendige Kraft zuteil werden, die verhärteten Zustände zu lösen und den Nebelflug ins Ungewordene zu wagen, das im Schoße des Faktischen seiner Wirklichkeit harrt: Utopie! Ihre Bedingung und Möglichkeit aber wäre die Freiheit, das Glück des Anderen als die Bedingung des je eigenen zu denken – die Freiheit zur Versöhnung.

    Für die Durchbrechung der schlechten Immanenz des Bestehenden! Für den Communismus!

    Hoch die internationale Solidarität!

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    Neben den Kundgebungen der größten griechischen Gewerkschaft GSEE im Privatsektor und der Gewerkschaft der öffentlichen Angestellten ADEDY, organisierte die „mit Abstand größte“ Kundgebung indes die PAME, die der griechischen KP (KKE) nahe steht. Eine bedeutende Rolle spielt auch das linke Wahlbündnis „Koalition der Radikalen Linken“ (SYRIZA).

  • Erklärung der PAME zum Generalstreik von 11 Mai: „We refuse to make further sacrifices for the plutocracy. STRIKE on MAY 11″pamehellas.gr
  • „SYRIZA: Neue linke Kraft in Griechenland im Aufwind Interview mit Christina Ziaka von Xekinima, der griechischen Sektion des CWI.“Infopartisan (außerdem ein schönes Plakat der SYRIZA aus dem Jahre 2007
  • Seit Jahren hat sich auf breiter Basis zudem ein Bündnis zwischen der Bewegung der Lohnarbeiterschaft und eine breite Masse progressiver Studierender formiert:

  • „Greek Student strike — 90% of universities occupied, shut down — An Interview with Justice“ (2006)socialistalternative.org
  • „Greece: new wave of student protests against privatisation of universities“ (2007)marxist.org
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  • Eine Analyse des Generalstreiks vom 11. März 2010 und, allgemeiner, der Frage nach Reformismus und Radikalismus innerhalb der griechischen Arbeiterbewegung: „Greece: March 11 general strike – conclusions and tasks“ – marxist.org
  • Ein wirklich lesenswerter Artikel zur ökonomischen Lage Griechenlands: „Europe’s Greek tragedy“
  • Äußerdem findet am Samstag, den 14.05 um 18Uhr am Heinrichplatz in Berlin eine Demonstration in Solidarität mit den sozialen Kämpfen in Griechenland statt. Infos gibt’s auf arab.blogsport.de.
  • David Harvey – „Crises of Capitalism“

    Eine luzide Analyse der inhärenten Struktur des Kapitalverhältnisses, das nach Marx‘ Erkenntnis unausweichlich selbst seiner Aufhebung zuarbeitet. Den Vortrag hält David Harvey, die Visualisierung stammt von RSAnimate.

    Die Zeit fault und kreißt zugleich. Der Zustand ist elend oder niederträchtig, der Weg heraus krumm. Kein Zweifel aber, sein Ende wird nicht bürgerlich sein.
    - Ernst Bloch (1923)

    Living in the End Times

    Slavoj Žižek zur Krise der liberalen Demokratie als Krise des Spätkapitalismus.

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    Literaturhinweis

    Slavoj Žižek: „Living in the End Times“, Verso 2010.

    But it’s not merely that Žižek’s energy for self-promotion is prodigious. Rather, it’s his range that impresses – he’s equal parts forbidding theorist of the contemporary political and Zizek Living in the End Times Cover Imagecultural scene, and contriver of entertainingly elaborate paradoxes. If it weren’t for the hangdog persona and residual communism, he’d be an intellectual dandy: the closest thing we have to the mock-aristocratic socialist Oscar Wilde.

    Žižek, who is a professor at the University of Ljubljana, has been writing in a hectically engaging English for more than 20 years, enlivening his analysis of Marxism and psychoanalysis with sly forays into popular culture. (For example, he’s one of the smartest critics ever of Hitchcock.)

    Though the writing never ceases to dazzle, Žižek reveals himself here, surprisingly, as something like an old-fashioned moralist.

    Vollständiger Artikel auf telegraph.uk