Tag-Archiv für 'kapital'

Debtocracy (2011)

Die Dokumentation „Debtocracy“ von Katerina Kitidi und Aris Hatzistefanou stellt die Schuldenkrise des Staates in einen umfassenden, globalen Kontext und versucht, Perspektiven einer verallgemeinerten widerständigen Praxis aufzuzeigen.

  • Offizielle Website: debtocracy.gr (Englisch)
  • Artikel auf der englischen Wikipedia
  • Zur Dialektik des Fortschritts

    Meine Gedanken zum italienischen Futurismus, die ich im Rahmen eines Textes mit dem Titel „,Mit immer gebrechlicheren Schritten schreite ich meiner Wiege entgegen…‘ – Zur Dialektik des Fortschritts im italienischen Futurismus“ zusammen getragen habe, will ich dem interessierten Leser hier zugänglich machen.
    Die Arbeit betrachtet die Avantgardebewegung unter dem Blickpunkt der in seinen Manifesten vermittelten Verdinglichungsstruktur. Dabei ist sie maßgeblich beeinflusst von Georg Lukács‘ Essay „Die Verdinglichung und das Bewußtseins des Proletariats“, der 1923 im Sammelband „Geschichte und Klassenbewußtsein. Studien über marxistische Dialektik“ erschien.
    Hierbei vertrete ich den Ansatz einer kritisch-materialistischen Wendung von ästhetischer Theorie, der es vermag, den unbewussten, destruktiven Dispositionen des fiktiven Ich die Einsicht zu entlocken, die es selbst sich nicht eingesteht. Ebenso, wie der Protagonist sich gewissermaßen fremd gegenüber steht, findet eben jene Entfremdung auch in seiner empirischen Entsprechung – in der konkreten Lebenswelt eines jeden – ihren Ursprung zuletzt in den konkreten materiellen Lebensbedingungen. Die geknechteten Subjekte wähnen sich dem negativen Souverän des Kapitals gegenüber ohnmächtig, das sie doch selbst unweigerlich und dabei wesentlich unwillentlich, unbewusst auf immer höherer Stufe reproduzieren: „Sie wissen das nicht, aber sie tun es.“ (Marx) In der besinnungslosen, todbringenden Raserei des Protagonisten verweist das futuristische Kunstwerk auf sein gesellschaftliches Substrat: die moderne kapitalistische Industriegesellschaft im Bann der unendlichen, bestimmungslosen Dynamik der Mehrwertproduktion, inmitten derer der Mensch verkümmert
    Es sei die Verdunkelung der Welt, schreibt Adorno in der „Ästhetischen Theorie“, die „die Irrationalität der Kunst rational“ mache. Diesen Umstand also gilt es zu interpretieren und nicht Sinn da zu rekonstruieren, wo das Kunstwerk selbst ihn negiert.

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    Ergänzend sei hier auf das „Manifest des Futurismus“ von F.T. Marinetti und „Der multiplizierte Mensch und das Reich der Maschine“ verwiesen.

    Living in the End Times

    Slavoj Žižek zur Krise der liberalen Demokratie als Krise des Spätkapitalismus.

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    Literaturhinweis

    Slavoj Žižek: „Living in the End Times“, Verso 2010.

    But it’s not merely that Žižek’s energy for self-promotion is prodigious. Rather, it’s his range that impresses – he’s equal parts forbidding theorist of the contemporary political and Zizek Living in the End Times Cover Imagecultural scene, and contriver of entertainingly elaborate paradoxes. If it weren’t for the hangdog persona and residual communism, he’d be an intellectual dandy: the closest thing we have to the mock-aristocratic socialist Oscar Wilde.

    Žižek, who is a professor at the University of Ljubljana, has been writing in a hectically engaging English for more than 20 years, enlivening his analysis of Marxism and psychoanalysis with sly forays into popular culture. (For example, he’s one of the smartest critics ever of Hitchcock.)

    Though the writing never ceases to dazzle, Žižek reveals himself here, surprisingly, as something like an old-fashioned moralist.

    Vollständiger Artikel auf telegraph.uk

    „The beginning of everything hopeful“

    Someone has to say it: mass violence against the police is necessary as part of any social struggle. We wish it wasn’t but it is. The reason is simple: the police defend the state unconditionally, the state defends capital unconditionally, and capital attacks us without remorse – or even a second thought. Reasonable liberals yearn for a compromise: but the state isn’t listening. Neither should protestors.
    - On violence against the police – The Commune

    Vom Widerspruch

    „Der Zirkel schließt sich. Es bedürfte der lebendigen Menschen, um die verhärteten Zustände zu verändern, aber diese haben sich so tief in die lebendigen Menschen hinein, auf Kosten ihres Lebens und ihrer Individuation, fortgesetzt, daß sie jener Spontaneität kaum mehr fähig scheinen, von der alles abhinge.“
    - Theodor W. Adorno

    Mit Blick aufs Proletariat schrieb Georg Lukásc in Geschichte und Klassenbewusstsein: „Da das Bewußtsein hier nicht das Bewußtsein über einen ihm gegenüberstehenden Gegenstand, sondern das Selbstbewußtsein des Gegenstandes ist, umwälzt der Akt des Bewußtwerdens die Gegenständlichkeitsform seines Objekts.“

    Kritik hebt da an, wo dem Unerfüllten ein Überschüssiges entsteigt, das als Wunsch, der der utopische Gedanke zumal ist, sich geltend macht. Kritik steht in Spannung zum gesellschaftlichen Gegenstand, betrachtet ihn allseitig, lässt nicht ab von ihm und will praktisch die in ihm befassten Potenzen wecken. Wenn das wirkliche Ganze nicht das ganze Wirkliche begreift, wenn mit anderen Worten das Individuum im unversöhnten Widerspruch zur gesellschaftlichen Totalität, der unterzuordnen es sich – ob er darum weiß oder nicht – gezwungen sieht, steht, reift endlich die Idee eines gesellschaftlichen Seins, in dem der Mensch selbst als übergeordnetes Ganzes und in der Totalität seines Werdens befreit gedeiht – im Sein als Selbstzweck.

    Indes, da jene Dialektik durchs und im Subjekt erstarrt und der Blick auf die eigene Lage sich nicht zugleich auf die gesellschaftliche Totalität richtet und daher Wirklichkeit als gesellschaftlich bedingter Prozess bis in die Unkenntlichkeit zersplittert, trägt das falsche Ganze unablässig bloß die sich gegen alles Nicht-Identische abdichtende, fühllose Monade aus, die im Zwinger des Faktischen allerdings allein durch körperliche und seelische Beschneidung reüssiert: die Entfremdung greift in alle Richtung aus, von den im Bauch der Fabrikshöllen, in ewig gleiche Bewegungen eingespannten Arbeitkraftbehältern bis hin zur Bourgeoisie, die sich frei von der universalen Unfreiheit dünkt, weil sie noch an der Spitze der Fäulnis um sich kreiselt.
    Darin treffen sich die sonst unversöhnlichen Schicksale der hervorbringenden und der aneignenden Klasse: gleichermaßen sind sie Opfer der Kälte des atomisierten Ganzen, das dies verdinglichte Bewusstsein doch produziert und reproduziert. Das Subjekt, gegen die Erfahrung von Differenz im Schattenwinkel der warenförmigen Zurichtung seiner Bedürfnisse abgedichtet, findet sich in einer bis ins Äußerste rein zweckdienlichen, abgegrabenen, ganz und gar luftleeren Welt gefangen. Wo der emportauchende Gedanke im Zwinger der bloßen Fungibilität seiner Spontaneität enträt, wo der in schlechter Immanenz verschüttete Geist mit anderen Worten zur vollkommenen Desintegration im Stahlbad der Zwecke hintreibt, da muss auch alle Sehnsucht im und durchs Subjekt unter der Walze des abgelagerten, toten Dinglichen zerstieben, damit es überhaupt noch Sein geltend mache, als borniert sinnliche Gewissheit nämlich: Konsumismus als die letzte Stufe der Regression.
    Aber wie kräftezehrend die Windungen im horror vacui dessen, was bloß ist! Wie unendlich mühsam der Schritt übers So-Sein hinaus im widerstrebenden Raum des Nicht-Ich, darin das Subjekt nur durch die Erfahrung der sublimen Schönheit aller Differenz, ins Andere sich einfühlend erst die gespannten Marionettenfäden abstreifte! Nein, auf immer fremd muss der beschwingte Tanz des Träumers wirken, aller Trott zieht Kreis um Kreis: Im verpflichtenden Allerlei, worin ein jedes auch ein anderes sein mag und das Ego ohne Müh‘ die schiere Möglichkeit ohne Wirkliches, im wunschlosen Unglück, verliert es mit dem Glauben ans Noch-Nicht-Gewordene auch jede Hoffnung, wird Leid ohnmächtig und stumm.

    Der mündige Mensch kann nicht sein, so er ans Schicksal der Warengesellschaft gekettet bleibt, solange darin die Sphäre der Distribution jene der Produktion mal um mal sich einverleibt und das Allgemeine, der vergorene Geist des spätkapitalistischen, falschen Ganzen, nicht Progress, sondern allemal Barbarei verheißt; solange schließlich der Widerspruch von Kapital und Arbeit besteht, der Kern Klassengesellschaft und die Treibkraft ihrer Aufhebung.
    In einem Prozess des Bewusstwerdens nun in Widerspruch zu treten zur kapitalen Verwertung, die sich gegenwärtig einmal mehr als der blanke Terror der Ökonomie enthüllt; als unversöhnliche Antithese zur Totenstarre den utopischen Impuls, der im Kleinsten, in der unscheinbarsten, lebendigen Geste noch auratisch vorglüht, gegen das eingeschliffene Immergleiche praktisch geltend zu machen: dies stünde an, damit die Sehnsucht nach dem je eigenen Glück, das ungezwungen das Glück des Anderen hegte, im fahl dämmernden Licht der alten Ordnung noch die Kraft aufbringe, den Nebelflug ins Ungewordene anzutreten.