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Peter Handke: „Wunschloses Unglück“ (1972)

„Natürlich ist es ein bißchen unbestimmt, was da über jemanden Bestimmten geschrieben steht; aber nur die von meiner Mutter als einer möglicherweise einmaligen Hauptperson in einer vielleicht einzigartigen Geschichte ausdrücklich absehenden Verallgemeinerungen können jemanden außer mich selber betreffen. Die bloß Nacherzählung eines wechselenden Lebenslaufs mit plötzlichem Ende wäre nicht als eine Zumutung.
Ich vergleiche also den allgemeinen Formalvorrat für die Biographie eines Frauenlebens satzweise mit dem besonderen Leben meiner Mutter, aus den Übereinstimmungen und Widersprüchlichkeiten ergibt sich dann die eigentliche Schreibtätigkeit.“
- Peter Handke

„Der Nachrieg; die Großstadt: ein Stadtleben wie früher war in dieser Stadt nicht möglich. Bergau und bergab lief man über Schutt durch sie hindurch, um Wege abzukürzen, und mußte doch immer wieder in den langen Schlangen ziemlich hinten stehen, abgedrängt von den zu Ellenbogen verkümmerten, in die Luft schauenden Zeitgenossen. Ein kurzes, unglückliches Lachen, Wegschauen von einem selber, wie die andern in der Luft herum, dabei ertappt, daß man ein Bedürfnis gezeigt hatte wie diese andern, gekränkter Stolz, Versuche, sich doch noch zu behaupten, kläglich, weil man gerade dadurch verwechselbar und austauschbar mit den Umstehenden wurde: etwas Stoßendes Gestoßenes, Schiebendes Geschobenes, Schimpfendes Beschimpftes.
Der Mund, bis jetzt noch wenigstens ab und zu offengeblieben, im jugendlichen Erstaunen (oder im weiblichen So-Tun-Als-Ob), in der ländlichen Schreckhaftigkeit, am Ende eines Tagtraums, der das schwere Herz erleichterte, wurde in dieser neuen Lebenslage übertrieben fest geschlossen, als Zeichen der Anpassung an eine allgemeine Entschlossenheit, die, weil es kaum etwas gab, zu dem man sich persönlich entschließen konnte, doch nur eine Schau sein konnte.
Ein maskenhaftes Gesicht – nicht maskenhaft starr, sondern maskenhaft bewegt –, eine verstellte Stimme, die, ängstlich um Nicht-Auffallen bemüht, nicht nur den andern Dialekt, sondern auch die fremden Redensarten nachsprach – „Wohl bekomm’s!“, „Laß deine Pfoten davon!“, „Du ißt heute wieder wie ein Scheunendrescher!“–, eine abgeschaute Körperhaltung mit Hüftknick, einen Fuß vor den andern gestellt… das alles, nicht um ein andrer Mensch, sondern um ein TYP zu werden: von einer Vorkriegserscheinung zu einer Nachkriegserscheinung, von einer Landpomeranze zu einem Großstadtgeschöpf, bei dem als Beschreibung genügt: GROSS, SCHLANK, DUNKELHAARIG.
In einer solchen Beschreibung als Typ fühlte man sich auch von seiner eigenen Geschichte befreit, weil man auch sich selber nur noch erlebte wie unter dem ersten Blick eines erotisch taxierenden Fremden.
So wurde ein Seelenleben, das nie die Möglichkeit hatte, beruhigt bürgerlich zu werden, wenigstens oberflächlich verfestigt, indem es hilflos das bürgerliche, vor allem bei Frauen übliche Taxiersystem für den Umgang miteinander nachahmte, wo der andre mein Typ ist, ich aber nicht seiner, oder ich seiner, er aber nicht meiner, oder wo wir füreinander geschaffen sind oder einer den andern nicht riechen kann, – wo also alle Umgangsformen schon so sehr als verbindliche Regeln aufgefaßt werden, daß jedes mehr einzelne, auf den andern ein bißchen eingehende Verhalten nur eine Ausnahme von diesen Regeln bedeutet. „Eigentlich war er nicht mein Typ“, sagte die Mutter zum Beispiel von meinem Vater. Man lebte also nach die Typenlehre, fand sich dabei angenehm objektiviert und litt auch nicht mehr an sich, weder an seiner Herkunft, noch an seiner vielleicht schuppigen, schweißfüßigen Individualität, noch an den täglich neu gestellten Weiterlebensbedingungen, als Typ trat ein Menschlein aus seiner beschämenden Einsamkeit und Beziehungslosgikeit hervor, verlor sich und wurde doch einmal wer, wenn auch nur im Vorübergehen.
Dann schwebte man nur so durch die Straßen, beflügelt von allem, an dem man sorglos vorbeigehen konnte, abgestoßen von allem, das ein Stehenbleiben forderte und einen dabei wieder mit sich selber behelligte: von den Menschenschlangen, einer hohen Brücke über der Spree, einem Schaufester mit Kinderwagen. (Wieder hatte sie heimlich ein Kind abgetrieben.) Ruhelos, damit man ruhig bleib, rastlos, um von sich selber loszukommen. Motto: „Heute will ich an nicht denken, heute will ich nur lustig sein.“
Zeitweise glückt das, und alles Persönliche verlor sich ins Typische. Dann war sogar das Traurigsein nur eine kurze Phase der Lustigkeit: „Verlassen, verlassen, / wie ein Stein auf der Straßne / so verlassen bin ich“; mit der narrensicher imitierten Melancholie dieses künstlichen Heimatliedes steuerte sie ihren Teil zur allgemeinen und auch eigenen Lustbarkeit bei, worauf das Programm zum Beispiel weiterging mit männlichen Witzerzählen, bei dessen schon im voraus zotenhaften Tonfall man erlöst mitlachen konnte. Zu Hause freileich die VIER WÄNDE, und mit diesen allein; ein bißchen hielt die Beschwingtheit noch an, ein Summen, der Tanzschritt beim Schuhausziehen, ganz kurz der Wunsch, aus der Haut zu fahren, aber schon schleppte man sich durch das Zimmer, vom Mann zum Kind, vom Kind zum Mann, von einer Sache zur andern. Sie verrechnete sich jedesmal; zu Hause funktionierten die kleinen bürgerlichen Erlösungssysteme eben nicht mehr, weil die Lebensumstände – die Einzimmerwohnung, die Sorge um nicht als das tägliche Brot, die fast nur auf unwillkürliche Mimik, Gestik und verlegenen Geschlechtsverkehr beschränkte Verständigungsform mit dem LEBENSGEFÄHRTEN – sogar noch vor-bürgerlich waren. Man mußte schon außer Haus gehen, um wenigstens ein bißchen etwas vom Leben zu haben. Draußen der Sieger-Typ, drinnen die schwächere Hälfte, der ewige Verlierer. Das war kein Leben!
Sooft sie später davon erzählte – und sie hatte ein Bedürfnis, zu erzählen –, schüttelte sie sich zwischendurch oft vor Ekel und vor Elend, wenn auch so zaghaft, daß sie beides damit nicht abschüttelte, sondern eher nur schaudernd wiederbelebte.
Ein lächerliches Schluchzen in der Toilette aus meiner Kinderzeit her, ein Schneuzen, rote Hasenaugen. Sie war; sie wurde; sie wurde nichts.“

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aus: Peter Handke: „Wunschloses Unglück“, Frankfurt/M. 1979, S. 39 – 44.

Kommunismus

In fact aber, wenn die bornierte bürgerliche Form abgestreift wird, was ist der Reichtum anders, als die im universellen Austausch erzeugte Universalität der Bedürfnisse, Fähigkeiten, Genüsse, Produktivkräfte etc. der Individuen? Die volle Entwicklung der menschlichen Herrschaft über die Naturkräfte, die der sogenannten Natur sowohl, wie seiner eignen Natur? Das absolute Herausarbeiten seiner schöpferischen Anlagen, ohne andre Voraussetzung als die vorhergegangne historische Entwicklung, die diese Totalität der Entwicklung, d.h. der Entwicklung aller menschlichen Kräfte als solcher, nicht gemessen an einem vorhergegebnen Maßstab, zum Selbstzweck macht? wo er sich nicht reproduziert in einer Bestimmtheit, sondern seine Totalität produziert? Nicht irgend etwas Gewordnes zu bleiben sucht, sondern in der absoluten Bewegung des Werdens ist?
- Karl Marx: „Grundrisse der Kritik der politischen Ökonomie“

Der Bruch mit dem Terror der Ökonomie, den die Emanzipation der hervorbringenden gegenüber der aneignenden Klasse setzt, vollbrächte die Aufhebung jener Verhältnisse, „in denen der Mensch ein erniedrigtes, ein geknechtetes, ein verlassenes, ein verächtliches Wesen ist“ (Karl Marx), das Ende der Herrschaft des Menschen über den Menschen.

Kommunismus hat nichts von Parteilinie noch unerbittlicher Stechuhr, kein Grau in Grau gleichförmiger Wohnburgen! Als Utopie und Realität, die allein als „ungehemmt schäumendes Leben“ (Rosa Luxemburg) sein kann, ist er seinem Wesen nach wahr nur als Werdender. Die im Bestehenden ruhende konkrete Utopie meint das gute Leben, das sich in der Freiheit zum authentischen Ausdruck, zur erfüllenden Tätigkeit, zur ungezwungenen Erregung erwiese. Denn was sich dem besonnenen Betrachter gewissermaßen als das Göttliche in der Welt mal um mal enthüllt, beflügelte das Ende der Herrschaft des Abstrakten – der Produktion von Mehrwert – zumal: den Wärmestrom der Erfahrung von der sublimen Schönheit und schöpferischen Kraft aller Differenz, die frei sich erst entfaltet in der offenen, werdenden Totalität des lebendigen Menschen – im Sein als Selbstzweck.

Darin erst fände sich das je eigene Glück wieder, welches ungezwungen das Glück des Anderen hegte.

- Eintrag vom 19.10.

Vom Widerspruch

„Der Zirkel schließt sich. Es bedürfte der lebendigen Menschen, um die verhärteten Zustände zu verändern, aber diese haben sich so tief in die lebendigen Menschen hinein, auf Kosten ihres Lebens und ihrer Individuation, fortgesetzt, daß sie jener Spontaneität kaum mehr fähig scheinen, von der alles abhinge.“
- Theodor W. Adorno

Mit Blick aufs Proletariat schrieb Georg Lukásc in Geschichte und Klassenbewusstsein: „Da das Bewußtsein hier nicht das Bewußtsein über einen ihm gegenüberstehenden Gegenstand, sondern das Selbstbewußtsein des Gegenstandes ist, umwälzt der Akt des Bewußtwerdens die Gegenständlichkeitsform seines Objekts.“

Kritik hebt da an, wo dem Unerfüllten ein Überschüssiges entsteigt, das als Wunsch, der der utopische Gedanke zumal ist, sich geltend macht. Kritik steht in Spannung zum gesellschaftlichen Gegenstand, betrachtet ihn allseitig, lässt nicht ab von ihm und will praktisch die in ihm befassten Potenzen wecken. Wenn das wirkliche Ganze nicht das ganze Wirkliche begreift, wenn mit anderen Worten das Individuum im unversöhnten Widerspruch zur gesellschaftlichen Totalität, der unterzuordnen es sich – ob er darum weiß oder nicht – gezwungen sieht, steht, reift endlich die Idee eines gesellschaftlichen Seins, in dem der Mensch selbst als übergeordnetes Ganzes und in der Totalität seines Werdens befreit gedeiht – im Sein als Selbstzweck.

Indes, da jene Dialektik durchs und im Subjekt erstarrt und der Blick auf die eigene Lage sich nicht zugleich auf die gesellschaftliche Totalität richtet und daher Wirklichkeit als gesellschaftlich bedingter Prozess bis in die Unkenntlichkeit zersplittert, trägt das falsche Ganze unablässig bloß die sich gegen alles Nicht-Identische abdichtende, fühllose Monade aus, die im Zwinger des Faktischen allerdings allein durch körperliche und seelische Beschneidung reüssiert: die Entfremdung greift in alle Richtung aus, von den im Bauch der Fabrikshöllen, in ewig gleiche Bewegungen eingespannten Arbeitkraftbehältern bis hin zur Bourgeoisie, die sich frei von der universalen Unfreiheit dünkt, weil sie noch an der Spitze der Fäulnis um sich kreiselt.
Darin treffen sich die sonst unversöhnlichen Schicksale der hervorbringenden und der aneignenden Klasse: gleichermaßen sind sie Opfer der Kälte des atomisierten Ganzen, das dies verdinglichte Bewusstsein doch produziert und reproduziert. Das Subjekt, gegen die Erfahrung von Differenz im Schattenwinkel der warenförmigen Zurichtung seiner Bedürfnisse abgedichtet, findet sich in einer bis ins Äußerste rein zweckdienlichen, abgegrabenen, ganz und gar luftleeren Welt gefangen. Wo der emportauchende Gedanke im Zwinger der bloßen Fungibilität seiner Spontaneität enträt, wo der in schlechter Immanenz verschüttete Geist mit anderen Worten zur vollkommenen Desintegration im Stahlbad der Zwecke hintreibt, da muss auch alle Sehnsucht im und durchs Subjekt unter der Walze des abgelagerten, toten Dinglichen zerstieben, damit es überhaupt noch Sein geltend mache, als borniert sinnliche Gewissheit nämlich: Konsumismus als die letzte Stufe der Regression.
Aber wie kräftezehrend die Windungen im horror vacui dessen, was bloß ist! Wie unendlich mühsam der Schritt übers So-Sein hinaus im widerstrebenden Raum des Nicht-Ich, darin das Subjekt nur durch die Erfahrung der sublimen Schönheit aller Differenz, ins Andere sich einfühlend erst die gespannten Marionettenfäden abstreifte! Nein, auf immer fremd muss der beschwingte Tanz des Träumers wirken, aller Trott zieht Kreis um Kreis: Im verpflichtenden Allerlei, worin ein jedes auch ein anderes sein mag und das Ego ohne Müh‘ die schiere Möglichkeit ohne Wirkliches, im wunschlosen Unglück, verliert es mit dem Glauben ans Noch-Nicht-Gewordene auch jede Hoffnung, wird Leid ohnmächtig und stumm.

Der mündige Mensch kann nicht sein, so er ans Schicksal der Warengesellschaft gekettet bleibt, solange darin die Sphäre der Distribution jene der Produktion mal um mal sich einverleibt und das Allgemeine, der vergorene Geist des spätkapitalistischen, falschen Ganzen, nicht Progress, sondern allemal Barbarei verheißt; solange schließlich der Widerspruch von Kapital und Arbeit besteht, der Kern Klassengesellschaft und die Treibkraft ihrer Aufhebung.
In einem Prozess des Bewusstwerdens nun in Widerspruch zu treten zur kapitalen Verwertung, die sich gegenwärtig einmal mehr als der blanke Terror der Ökonomie enthüllt; als unversöhnliche Antithese zur Totenstarre den utopischen Impuls, der im Kleinsten, in der unscheinbarsten, lebendigen Geste noch auratisch vorglüht, gegen das eingeschliffene Immergleiche praktisch geltend zu machen: dies stünde an, damit die Sehnsucht nach dem je eigenen Glück, das ungezwungen das Glück des Anderen hegte, im fahl dämmernden Licht der alten Ordnung noch die Kraft aufbringe, den Nebelflug ins Ungewordene anzutreten.

D. schaufelt sich ins Grab

„Zart wäre einzig das Gröbste: daß keiner mehr hungern soll.“ – Theodor W. Adorno

Hier zunächst ein ausgezeichneter Artikel der Financial Times Deutschland, der skizziert, wie die deutsche Exportwirtschaft dank des allgemeinen Burgfriedens – dem Diktat der Sozialpartnerschaft – die individuelle Konsumrate relativ zu den Produktionskosten, sprich die „Lohnstückrate“, unter dem europäischen Durchschnitt halten konnte, sodass deutsche Waren bei der stabilen (i.e. zumal von deutschen Interessen dominierten) Währungspolitik der EZB innerhalb der europäischen Währungsunion als chronisch unterbewertet gelten müssen – ein Umstand, der im eigenen Lager geflissentlich ignoriert, zugleich der chinesischen Wirtschaft angelastet wird. Worauf man hierzulande freilich stolz verweist – Exportstärke mittels restriktiver Lohn- und, damit untrennbar verbunden, Sozialpolitik –, richtet die schwache europäische Peripherie durch billige Exportwaren zugrunde und bringt den Euro an seine Grenzen, bald wohl darüber hinaus. Zitat:

„Nebenbei erzeugt die deutsche Strategie zwar die Spannungen innerhalb der Euro-Zone, an denen der Euro zerbrechen wird. Aber bis dahin hat es noch ein bisschen Zeit.“

Es gälte, den deutschen Koloss zu zähmen:

„Die Euro-Partnerländer würden sich (…) selbst den größten Gefallen tun, wenn sie zunächst von Deutschland verlangen, was sie von China erwarten. Konkret bedeutet das eine EWU-weit koordinierte Lohnpolitik, bei der Deutschland einen Teil seiner internationalen Wettbewerbsfähigkeit abgibt.“

Jedoch, der Raserei ein Ende bereiten, einmal innezuhalten, das wäre freilich zu viel des Guten: es wird die blinde Ökonomie nicht einlenken, wo „der starke Aufschwung“ – der Statistik nach – auch die Bürger heut‘ süß träumen läßt. Wohlan! meint der deutsche Souverän, so wird Europa denn sparen müssen, damit es an der alten „wohlfahrtsstaatlichen“ Politik nicht krepiere! Und wenn sie nicht nicht spuren, dann gibt’s was auf die Finger! Nun ist den supranationalen Kapitalbewegungen herzlich egal, was da und dort, zumal an der kränkelnden Peripherie, parlamentarisch beschlossen wird. So hat es den großen Herren und dem einen Mädchen bis vor kurzem der Stimmrechtsentzug sonderlich angetan.

Und immer heulen sie: There is no alternative…

Die Parole löst sich freilich im allgemeinen Sachverhalt auf: Im Angesicht des eklatanten Überhangs des konstanten (Fixkosten etwa durch die Rationalisierung des Arbeitsprozesses Versorgung und Instandhaltung der Maschinen oder Steuern) gegenüber dem verfügbaren variablen Kapital, der sich in der schlagenden Übermacht des Begründeten (Distribution) gegenüber dem Grunde (Produktion) ausdruckt, muss die Produktion heute, und angesichts der Krise selbstverständlich umso mehr, unter allen Umständen aufrecht erhalten bleiben, wo es doch billiger ist, unter Wert zu produzieren als den Prozess (in Teilen) auszusetzen. Dies will ich den Umschlag von der Markt- zur Produktionsökonomie nennen: denn in jenem Zusammenhang weisen sich nun nicht die konsumtiven Bedürfnisse, sondern unmittelbar die distributionellen Zwänge ebendieser Produktionsweise und Rationalisierungsstufe als notwendige aus. Ein Blinder, wer meinte, es werde um der Menschen willen produziert!

All jene, die unter den Bedingungen der Lohnarbeit produzieren, deren Zweck allein Mehrarbeit, lediglich ein mehr an Arbeit bedeutet, während das Kapital „produktiv“ Mehrwert realisiert, stehen heute der realen Möglichkeit der Befreiung gegenüber, die sich beim Stand der Produktivkräfte von heute auf morgen realisieren ließe. Doch gälte es zunächst zu erkennen, dass die jeweilige arbeitsteilige Personifikation des Kapitals – sei es der Unternehmer, der Manager oder der Banker – eine vermittelnde, keine produktive Rolle bekleidet. Der Mehrwert, den der Kapitaleigner einstreicht, resultiert im weitesten Sinne aus der Differenz vom produzierten Gebrauchswert - Ausdruck der lebendigen Arbeit – und dem abstrakten Tauschwert, den er im Tausche realisiert. Entsprechend ist der Verwertungsprozesses „nichts als ein über einen gewissen Punkt hinaus verlängerter Werthbildungsproceß“ (Karl Marx: „Das Kapital. Erster Band“) und über den Scheitelpunkt von Gebrauchs- und Tauschwert hinaus nicht produktiv.
Weiters gilt – in direkter Konsequenz daraus – dass das Geld in den Händen der vermögenden Klasse im Warentausch sich flugs in den selbst befruchtenden kapitalen Wert verwandelt, wohingegen das finanzielle Schlafmittelchen des sogenannten „kleinen Mannes“ allein zum Konsum taugt und taugen soll. Doch Geld, das nicht qualitativ in Kapital umschlägt, wird, so die gedankliche Schranke der klassischen bürgerlichen Ökonomie, niemandem aus der Krise hiefen, da mit ihm (im besten Falle) bloß das konsumiert wird, was nach Maßgabe der Kapitalreproduktion ohnehin hat produziert werden müssen und nicht in dem Sinne vermeintlich „produktiv“ ist, dass es unmittelbar in die Distributionssphäre eingreift: Allein die Bewegung des Kapitals im Warentausch realisiert sich selbst verwertenden Wert, Mehrwert – jenes zugeschlagene Abstraktum, das hierin erst gesellschaftliche Wirklichkeit erlangt.

Gestern wie heute bedeutet Kapitalakkumulation Vermittlung, nicht produktive Tätigkeit.

In der Personifikation des Kapitals lebt der alte Handelsmann weiter, der in der Vermittlung von Waren ein Leben sich schuf, doch über die jeweilige Arbeitskraft nicht direkt verfügte, ehe der Niedergang des Feudalismus und schließlich die industrielle Revolution ungeheure Produktivkräfte freisetzte und der Manufaktur die moderne Fabrik und mit ihr, das Proletariat enstieg, welches die Bourgoisie in der Lohnknechtschaft zu unterwerfen sich anschickte.
Wo im frühen 19. Jahrhundert auf dem euorpäischen Kontinent noch privatkapitalistische neben anderen, älteren Formen wie den Ausläufern der Zünfte koexistierten, findet das moderne monopolistische Kapital einen radikalen Rentier, der unter seinem Aufstieg ihm Form annahm und spätestens mit dem Einsetzen der imperialistischen Phase sich andient, ihm den Weg zu bahnen: der Staat oder, wie im Falle der EU, die wirtschaftlich verflochtene Staatengemeinschaft, dem und der es, koste was wolle, am Wachstum des gesellschaftlichen Mehrprodukts gelegen sein muss.
Nach dieser Maßgabe wird nun, sobald die Krise die Bedingungen zur erweiterten Kapitalreproduktion – zu Realisierung von Mehrwert – beschränkt, bezeichnenderweise die individuelle Konsumrate etwa in Form der Gehälter (Tarifdiktat) oder der sozialen Leistungen (Arbeitslosengeld, Rente etc.), nicht die Kapitalkraft der Wenigen beschnitten. Dieser Angriff durch die staatliche oder überstaatliche politisch-rechtliche Instanz wendet sich gegen das auf Konsum gerichtete Geld und befähigt im selben Schritt das potente, „produktive“ Kapital durch die relative Umverteilung des gesellschaftlichen Reichtums zur Reproduktion, trotz der fallenden Mehrwertrate – „Wettbewerbsorientierung“ heißt dies dann zumal verschämt euphemistisch.
Ich will es den latenten Todestrieb des falschen Ganzen nennen: Kapital als Ausdruck toter Dinglichkeit bedarf doch der Konsumtion von lebendiger Arbeit, bedarf der Menschen. Seine Bewegung entspricht aber einer inhärent krisenhaften Abwärtsspirale, die mit dem selbstrefentiellen Wert gesetzt ist, dem nichts Materielles, kein Wirkliches entspricht: Die Zuspitzung in dieser Entwicklung lässt sich an der Loslösung der sogenannten Finanz- von der Realwirtschaft und der angesichts der immer größer werdenden Kapitalmengen systemimmant notwendigen Deregulierung ablesen, die, von der globalen Staatsverschuldung konterkariert, sich durch Bewusstwerdung zur „Jahrhuntertkrise“ auswächst. Neben der Übermacht der Distribution gegenüber der Produktion tritt nun der gesellschaftlich notwendige Schein gegenüber dem wahren Wesen der Verhälntnisse zur Stelle, der sich darin äußerst, dass die vornehmliche Aufgabe der Politik zum einen zwar darin besteht, die gesellschaftlichen Rahmenbedingungen zur Mehrwertproduktion einzurichten (de facto Einfrieren der Löhne, Kürzungen im Sozialbereicht usf.), zum anderen und wohl wesentlich bedeutenderen, die Illusion schaffen müssen, dass alles schon mit rechten Dingen zugehe, das alles seinen gewohnten Gang gehe, das schließlich der „magische Helfer“ alles richten werde. Dieser Schein, der sich über die realen Verhältnisse legt, schließt aber auch die Exterritorialisierung eben all der Widersprüche ein, die im Rahmen der kapitalistischen Produktionsweise nicht zur Aufhebung gelangen. Kein Wunder also, dass die europäische Rechte einer Renaissance entgegensteuert und jene, die die Macht inne haben, sich den markigen Sprüchen bereitwillig annähern. Ob sie es besser wüssten oder ob dies ihnen ihr falsches Bewusstsein einlegt, ist gleichgültig in der Hinsicht, dass der kleine Mann darauf die „Meinung“ baut.
Der Zusammenbruch entblößt die Anarchie der Produktion als innere, wesenhafte Verschränkung von unerbittlicher Rationalität mit größter Irrationalität und erwirkt den Umschlag von Produktion in Destruktion. Wir wollen uns keine Illusionen machen, Kapitalvernichtung macht lebendige Arbeit stets entbehrlich: Sie deutet die physische Vernichtung von „Werten“ im Kriege voraus. In totaler Übereinstimmung mit der Ideologie eines neidbeißerischen Volksprodukts deutscher Prozenienz mag ich nicht daran denken, was uns noch ins Haus steht. Habt Acht! Eine entfesselte deutsche Krisenverwaltung hat sich noch immer ins Grab geschaufelt.

Der revolutionäre Gedanke verfolgt das Ziel, den Widerspruch von Gebrauchs- und Tauschwert und den darin vermittelten Klassenantagonismus aufzuheben, indem er die Unterwerfung der Distribution unter die Produktion fordert, ohne selbst dem ruhelosen Tun, dem Fetisch der befreiten Mittel zu verfallen.
Der Bruch mit dem Terror der Ökonomie, den die Emanzipation der hervorbringenden gegenüber der aneignenden Klasse setzt, vollbrächte die Aufhebung jener Verhältnisse, „in denen der Mensch ein erniedrigtes, ein geknechtetes, ein verlassenes, ein verächtliches Wesen ist“ (Karl Marx), das Ende der Herrschaft des Menschen über den Menschen.

Kommunismus hat nichts von Parteilinie noch unerbittlicher Stechuhr, kein Grau in Grau gleichförmiger Wohnburgen! Als Utopie und Realität, die allein als „ungehemmt schäumendes Leben“ (Rosa Luxemburg) sein kann, ist er seinem Wesen nach wahr nur als Werdender. Darin dürfte er, bei aller gebotenen Vorsicht, ein Zustand unbefangener Erregung sein. Denn was sich dem besonnenen Betrachter gewissermaßen als das Göttliche in der Welt mal um mal enthüllt, beflügelte er zumal: den Wärmestrom der Erfahrung von der sublimen Schönheit und schöpferischen Kraft aller Differenz, die sich befreit entfaltet in der offenen, werdenden Totalität des lebendigen Menschen – im Sein als Selbstzweck.

Darin erst fände sich die Idee von Glück wieder, das ungezwungen das Glück des Anderen hegte.

Doch was sich in der Wiederkehr des Immergleichen nunmehr nicht als Tragödie sondern als Farce entpuppt, ist der Umstand, dass der formal Mündige, der jenem Niedergang noch Einhalt gebieten könnte, gestern wie heute vom nachgerade pathologischen Zwang, dem Laufe der Dinge zu genügen, getrieben war und ist. Von sich und den Menschen entfremdet, zur fühllosen Warenmonade eingeschrumpft, drängt er sich um das goldene Lamm, da er glaubt, es sei das seine, wo es – gleichsam belebt – sein eignes Spiel betreibt.

Adorno bestimmte die Möglichkeit von Versöhnung des Menschen mit dem Menschen an jener fast unlösbaren Aufgabe, „weder von der Macht der anderen, noch von der eigenen Ohnmacht sich dumm machen zu lassen.“ (Theodor W. Adorno: „Minima Moralia“) Also Freunde, wohin geht die Reise? Hier fault’s doch schon!

„Die Zukunft kommt, und sie wird ertragen.“

„Das Ende des amerikanischen Traums“ – Financial Times Deutschland, 10.8.2010

Was wirklich ist, ist in sich notwendig.

Aber die Ideologie bröckelt, die besagt, dass alles so weiter gehen müsse wie bisher. Die Fäulnis im „Land der unbegrenzten Möglichkeiten“ wirft die Frage auf, was denn noch wirklich ist am Leben, wenn alles möglich sei. Oder was noch möglich ist, wenn alles unter dem Diktat zergeht.
„Die Forderung, die Illusion über seinen Zustand aufzugeben, ist die Forderung, einen Zustand aufzugeben, der der Illusion bedarf“, schrieb Marx in der „Kritik der Hegelschen Rechtsphilosophie“. Armut ist die Wirklichkeit, die sich einst als die falsche Notwendigkeit selbst aufheben mag. Denn das Unwirkliche des Unnötigen trägt in sich zumal die Möglichkeit eines Anderen aus. Es scheint auf als die Idee von Glück eines Jeden.

„Nur um der Hoffnungslosen willen ist uns die Hoffnung gegeben.“ (Walter Benjamin)