Tag-Archiv für 'antisemitismus'

Verschwörungstheorien kontern

Wie gehen wir auf die klassischen Verschwörungstheorien der „Truther“, „Infokrieger“ oder „Wahrheitsbewegten“ ein, wenn wir damit konfrontiert werden? An welchen grundsätzlichen Widersprüchen dieses ideologischen Feldes können wir ansetzen, um einen Erkenntnisschnitt zu provozieren? Was meint der Begriff der Ideologie im Allgemeinen und was lehrt uns Ideologiekritik über den Zustand einer Gesellschaft? Wie muss eine ideologiekritische Methode beschaffen sein und wo liegen ihre Grenzen?

Hier veröffentliche ich Diskussionsbeiträge zu zwei Videos (gefunden auf Facebook), von denen das erste in unsäglichem Szene-Jargon geradewegs die abgefeimtesten Wahnvorstellungen in den Raum stellt und das zweite die spezifischen ideologischen Formen, dies „imaginäre Verhältnis zum Realen“, ebenso wenig überwinden kann. Indes kann ihm die Nähe zu linken Positionen trotz allem nicht abgesprochen werden.
Zudem mache ich hier Auszüge einer „Diskussion“ zugänglich, die vor Kurzem auf der Seite der Gruppe „Echt Demokratie Jetzt!“ stattfand. Dabei ging es um den Stand der Verschwörungstheorien innerhalb der jungen EDJ-Bewegung. Ich werde den Diskussionsverlauf auf meine Auseinandersetzung mit Y eingrenzen und mir damit nicht die Mühe machen, sie als ganze oder in Teilen zu rekonstruieren. Ich denke, damit kann ich die Problematik klarer herausstellen.

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begleitender Kommentar: „Die Ursache der ganzen Scheiße!“

Ich poste die folgende Replik:

bevor einer meiner besten freunde ein psychose erlitt, in der er glaubte, er sei der messias, wies er mich drauf hin, dass ein artikel auf der titelseite der süddeutschen zur öffnung der freimaurerloge gegenüber frauender kein zufall sein könne: die freimaurer würden selbst dahinter stecken. damals hatte er schon immer sein handy ausgeschaltet aus angst, die strahlen können ihm schaden. er wisse ohnehin im voraus, wann jemand anrufen werde. dass ein paar tage später auf vox eine unausstehlich suggestive „dokumentation“ zu einer vermeintlichen verschwörung hinter 9/11 lief, muss ihm wohl den rest gegeben haben. nun zu dieser „dokumentation“. fangen wir mit dem offensichtlichsten unfug an: der „experte“ andreas von rétyi, der hier so beredet über die globale verschwörung parliert, vornehmlich bücher wie „Gefahr aus dem All : die Erde im Visier“ als „Das Alien-Imperium“ schreibt. http://de.wikipedia.org/wiki/Andreas_von_R%C3%A9tyi – der kopp-verlag, der dieses video offenbar produziert hat, verlegt „unter anderem Bücher zu Themen der Prä-Astronautik, der Ufologie, des Erfundenen Mittelalters, des Kreationismus, der Astrologie, der Geomantie sowie der Germanischen Mythologie, des Islamismus, der Freiwirtschaftslehre und „Enthüllungen“ wie zu sogenannten „linken Lebenslügen“.“ – http://de.wikipedia.org/wiki/Kopp_Verlag – inhaltlich würde ich aus dem ganzen ideologischen wust hervorheben: kapitalistische krisen sind schlicht nichts, worauf die ökonomie „bewusst“ oder „geplant“ hinarbeit. hier wird die dimension der gesellschaftlichen ohnmacht gegenüber der mehrwertproduktion – dem kapital – in den schillerndsten bildern rationalisiert, nicht gedanklich durchdrungen. daher streifen solche „theorien“ die objektive wirklichkeit nur: sie stellt die phänomene gesellschaftlicher prozesse aus und konstruiert eine kausalität auf abstruse, hanebüchene weise. die zugrunde liegende ideologie steht dabei immer halbwegs transparent im vordergrund. was diese dokumentation fordert, ist gehorsam gegenüber dieser ideologie, die wirkliche probleme durchwegs falsch „erklärt“. sie lässt keinen freiraum, sie engt vielmehr gedanklich ein: der zersplitterte, atemlose bilderlauf in verbindung mit der plötzlich einsetzenden, immer recht bedrohlichen musik fordert den prompten reflex, nicht reflexion. parallel grenzt der umstand, dass hier alles auf den subjektiven willen eingegrenzt wird, dass nichts jenseits dessen gilt und die welt daher eo ipso dem willen eines globalen, geheimen zirkels unterworfen ist, an eine zwanghafte wahnvorstellung. da fühle ich mich an meinen früheren freund erinnert, den infokrieg noch in die psychose hinein begleitete, in der er ganz ein seinen wahnvorstellungen aufging, zum preis der totalen desintegration als subjekt. nichts für ungut, aber als historischer materialist, der meint, etwas von psychologie zu verstehen, sehe ich mir diesen schund zu meiner belustigung an.

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Ich kommentiere:

the composition of the pictures, the cheesy music and the discourse that claims to be resuming what is being shown, seems arbitrary – and plain, i think. to link these disparate moments, the discourse conjures the worn-out ideology of nature as a holistic entity, as some sort of superiour being that must guide us. so while the voice refers to manipulation on a quite weak argumentative basis, the lack of substance is compensated by its ideological form (although the field of ideology cannot be reduced to mere manipulation). don‘t get me wrong, i don‘t doubt the good intention behind it, but i do doubt that crawling back into mother’s womb solves the problems that we‘re facing. (instead, i would recommend slavoj zizek’s comment on ecology: http://www.youtube.com/watch?v=9LxkmO7hnM0&playnext=1&list=PL5F58A8182812E81B)

X antwortet:

the corporations are not „greedy“. they are just playing the game they are suppose to play within the capitalist system.
the fear part is not bad though. […]

Ich halte dagegen:

of course, they‘ve got some good arguments there too. but i think, the problem is, that the composition seeks to stimulate the need for meaning that one cannot within „nature“, if its notion is not contextualised and thus regarded as a historical product which is literally being produced in terms of a material praxis. still, the idealisation and mystification of nature is something that conspiracy theories usually incorporate. but think of our psyche for example: as if the drive (an integral part of human nature) could guide us by means of reason! moreover, if you consider complementary, that on the website of the video (conspoetry.com) „conspiracy“ is defined das „a secret agreement between two or more people to perform an unlawful act“ or „a group of conspirators banded together to achieve some harmful or illegal purpose“, it stands on an ideological basis that is highly doubtful in general, since it mystifies bourgeois society and its legal forms. moreover, this approach personalises problems within late capitalism in a very inadequate way, as you said, mo. so as much as any contribution is valuable in itself, i consider this to be a shaky and in fact missleading basis for a genuine emancipatory cause. and yet, i do share the hope and the will for change therein!

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  • „Echte Demokratie Jetzt!“ postet den Link zum Artikel „Verschwörungstheorien – Gefahr für die Demokratie“
  • Y postet folgende Kommentare:

    „Es ist grundsätzlich strunzdämlich und einzig der umfassenden Gehirnwäsche zu danken,der klassischen „Teile und Herrsche“Methode der Eliten,zu glauben,Whrheit ordne sich nach Sitzordnungen,Idiologien oder Religionen.FREE YOUR MIND !!!“

    „Verschwörungen sind ein Fakt,nicht umsonst gibt es Geheimdienste solche aufzudecken oder aber eben selbst zu begehen.Wer diese Tatsache ignoriert bewegt sich am Rande des Schwachsinns oder befindet sich bereits tief darin.“

    „Es gibt keine Zufälle in der Politik,keine Irrationalität,wie sie so gern von den Alliierten Hitler unterstellt wird,welcher angeblich in seinem „Wahn“ die Welt erobern wollte.Wer einen solchen Unfug glaubt,der glaubt auch das Zitronenfalter Zitronen falten.“

    „Es gibt Zufälle welche auf die Politik einwirken,Umwelteinflüsse,welche die Politik nicht zu beeinflussen vermag,die Politik ansich aber ist plausibel,wenn auch nicht immer rational.“

    „Ein Beispiel sei genannt von unendlich vielem Blödsinn,welcher verbreitet wird als „historischer“Fakt.Es sollen LKW benutzt worden sein zwecks Vergasung von Menschen,so wird es gelehrt,steht es in den Geschichtsbüchern.Jeder Dorfschrauber w…ird euch aber sagen können,das Dieselabgase völlig ungeeignet sind dazu,da kaum CO uftritt,dieser als Ruß anfällt.Selbst nach Stundenlanger „Begasung“könnten höchstens Kopfschmerzen auftreten.Klar das die Lügner nicht wollen,das man sie ertapt.So ist es erwiesener Unsinn,das Schrumpfköpfe hergestellt wurden,es fehlte nicht nur das Wissen um die Technik,die vorgezeigten Exemplare aus dem Völkerkundemuseum waren Langharig und keine Ethnie fand sich bereit sich darin wiederzuerkennen.Polen bewieß nachdrücklich das sie im entscheidenden Zeitraum Friseure besuchten.Absurdistan läßt grüßen…“

    „Weit interessanter ist die sog. Oktoberrevolution in Rußland,die tatsächlich eine der jüdischen Bankster um Rothschild,Warburgs und Jakob Schiff war,das Resultat war eine jüdische Nomenkltura und 66 Millionen christliche ermordete.“

    Ich kontere:

    vorab vielen dank für diesen beitrag, der gerade hier, wie mir scheint, unheimlich wichtig ist! [Ys] kommentare haben mich derart aufgebracht, dass ich mir den frust erstmal von der seele schreibe musste. weil ich an dem folgend……en gerade eine ganze zeit lang saß, konnte ich auf die letzten erbärmlichen wortkaskaden nicht einehen. darum, sehen wir uns nur mal exemplarisch diese beiden kommentare von [Y] an, um zu sehen, wie ein beschränktes bewusstsein sich ausnimmt:
    1) „Es gibt Zufälle welche auf die Politik einwirken,Umwelteinflüsse,welche die Politik nicht zu beeinflussen vermag,die Politik ansich aber ist plausibel,wenn auch nicht immer rational.“
    2) „Es gibt keine Zufälle in der Politik,keine Irrationalität,wie sie so gern von den Alliierten Hitler unterstellt wird,welcher angeblich in seinem „Wahn“ die Welt erobern wollte.Wer einen solchen Unfug glaubt,der glaubt auch das Zitronenfalter Zitronen falten.“
    wo sich die mittelalterliche theologie sich noch mit dem providenz-kontingenz-problem und damit mit der frage, was gottes vorsehung sei und was davon abweiche, herum schlagen musste, hat sich hier im grunde nicht geändert und wenn, dann überhaupt zum schlechteren. schauen wir uns mal die zweite aussage an: wir haben hier einen politischen bereich, der dadurch ausgezeichnet ist, dass sich in ihm nichts zufälliges zuträgt und daher die notwendigkeit politischen handelns die bedingung der möglichkeit des ohnehin notwendigen ist. diese vermeintliche politische realität, die du beschreibst, stellt also ein horror vacui dar, in dem ein jedes mit notwendigkeit auf das vorhergehende folgt. ebensogut könntest du in diesem sinne argumentieren, dass ein göttlicher wille – die transzendente notwendigkeit höchstselbst – die geschichte formt.
    ehe ich dir einen verkappten, unbewussten theismus unterstelle: du meinst, dieser böse plan werde allein durch „umwelteinflüsse“ durchbrochen. damit ist es die natur, die dieses horror vacui der perpetuierten notwendigkeit füllt. weiters behauptest du, dass die politik „an sich“ (bei hegel gefunden?) „pausibel, wenn auch nicht immer rational“ sei. ist der bereich des politischen nun eine abfolge von notwendigkeiten, denen ein böser plan von menschenhand zugrunde liegt? das setzt voraus, dass eben jenen geheimen zirkeln alles rational (verstandesgemäß) zugänglich sei – die dubiosen „umwelteinflüsse“ freilich ausgeschlossen. ist der umstand, dass die produktionsverhältnisse unter dem kapital nicht vernunftgemäß sondern im kern irrational eingerichtet sind? das die kapitalistischen krise am ende nicht das resultat des willens eines geheimen souverän ist – sei’s die weltregierung, illuminaten, freimaurer oder zionisten – sondern das produkt eines „negativen souveräns“, den wir kapital nennen wollen und ein gesellschaftliches verhältnis zur produktion von mehrwert meint? einer herrschaftsform, die, wo wir mit ihr zwar tagtäglich konfrontiert sind, doch so abstrakt ist, dass wir uns dessen mitunter gar nicht bewusst sind und allerlei erklärungen suchen, um diesen mangel zu füllen?

    verschwörungtheorien sind voraufklärerisch zum einen in dem sinne, dass das ancien régime im 18./19. jahrhundert selbst die verschwörungstheorien um die „geheimen konspirativen zirkel“ der jesuiten oder illuminaten lancierte (Friedrich Schiller greift das im „Geisterseher“ ironisch auf). voraufklärerisch sind sie aber auch, weil die eine übergesellschaftliche macht ausmachen – eben einen gottgleichen willen – demgegenüber die menschen immer schon als opfer figurieren. ich behaupte hingegen, dass die reale, gobale herrschaftsform die des kapitals ist, die die menschen reprozudieren, indem sie waren unter dem kapitalverhältnis produzieren. die lohnabhängigkeit ist in diesen verhältnissen freilich stummer zwang und so schaffen die menschen – ob sie sich dessen bewusst sind oder nicht – ihre eigene gesellschaftliche ohnmacht, deren höchster ausdruck die gegenwärtige krise ist.
    vernunft würde dich dahin führen, diese verschränkung von rationalität und irrationalität, von wille und fremdbestimmung verstandesgemäß zu befragen und auf der grundlage einer eben vernünftigen kritik praktische möglichkeiten abzuleiten. du siehst, ich verschreibe mich dem ideal der aufklärung, dem erkenntnisgeleiteten interesse. wenn du mich nun fragen würdest, ob DU, [Y], vernünftig bist, dann will ich dir kurzerhand die antisemitische fratze entgegen halten, die auf der seite der gruppe „jewish bolshevism“ prangt (https://www.facebook.com/pages/Jewish-Bolshevism/135143833186054), der du angehörst (18:03). sie sagt weniger über das zionistische weltkomplott denn über dein eigenes defizitäres bewusstsein aus. get a life.“

    Y geht schlicht nicht auf meine Kritik ein. Anstatt dessen postet er – offensichtlich ohne auf jemandes Beitrag konkret Bezug zu nehmen – dies:

    „Der wahre Feind der Wahrheit ist nicht die Ignoranz allein,sondern insbesondere die Ilusion des Wissens .“

    Weiß man noch, was hier Überhand greift? Ist es Selbstgefälligkeit oder Selbstverleugnung?

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    In der Auseinandersetzung mit der Unvernunft, die sich in den Mantel der „Theorie“ kleidet, tut sich besonders das Blog Reflexion hervor. An dieser Stelle möchte ich seinem Verfasser meine Hochachtung für sein unermüdliches Engagement aussprechen. Weiter so!

    Kapitalistische Ökonomie und Nationalsozialismus

    Vom Wert des Menschen oder: der Schrecken der Dinge – Kritik der politischen Ökonomie unter dem Nationalsozialismus

    Gerede

    Das Pathos ist ein rhetorisches Mittel, das „wie“ der Rede. Es ist als solches aber nicht indifferent gegenüber dem Inhalt, nicht bloß formal gewissermaßen. Denn das, was ich das falsche Pathos nennen möchte, ist vielleicht dasjenige, das aus latenter Gleichgültigkeit heraus fühlende Leidenschaft vorgaukelt. Es rahmt allzu oft jenen Jargon, der eine blinde Wahrhaftigkeit verheißt – im Klang hölzern und hohl, als blindes Zeichen leer und arm. Nun, wenn die Unendlichkeit höchstselbst den „Ausländer“ zu segnet, dann mag man darüber vergessen, dass man einen Menschen doch immerhin erst zu einem solchen machen muss, um seine raison d‘être herab zu würdigen. Ähnlich der Busen der „Heimat“, der den „Illegalen“ empfängt, freiwillig zumal, wie sich das nennt. Das Zeichen rückt vom Bezeichneten ab, verrät es – ja, tut ihm Gewalt an.
    Eine solche Sprache ist voll von falschem Pathos, denn sie weckt Affekte gegen eine Fremdgruppe, um dem Schwätzer eine Stütze zu sein und das Unrecht, das dem Anderen angetan wird, emotional ins Recht zu setzen. Das rührt wohl daher, dass der Jargon auf der Seinweise des verdinglichten „an sich“ fußt – des Gedankens also, der nicht zu sich kommt. Darin macht er die reale Möglichkeit von Glück vergessen, die darin bestünde, seines eigenen Bildes inne zu werden.
    Im autoritären Charakter fallen Ich-Sucht und Ich-Schwäche zusammen. Der Geist verhärtet sich gegen den Geist und versagt sich darin die Einsicht in das Heilsame des negativen Moments, das die Ich-Stärke erst begründete. Jede Störung aber ist ihm zuwider, jeder Fehler einem System äußerlich, das über alle Kontingenz hinweg sich zwanghaft rein halten muss. Bald mündet diese Unduldsamkeit in Waschzwang, Kontrollwut und Paranoia, nicht selten – konsequenterweise – in Antisemitismus und Antiziganismus.
    Horkheimer und Adorno nannten dies die pathische Projektion: sie ist lose und äußerlich verbunden mit einer Wirklichkeit, die verblasst. Das Bezeichnende ist die Aufwechselbarkeit des Opfers: „Die Wut entlädt sich auf den, der auffällt ohne Schutz“ (Dialektik der Aufklärung). Wie bestechend ist heute die Ähnlichkeit der „gens de voyage“, wie das französische Recht die Roma nennt, und dem, was man den „Ewigen Juden“ schimpft! Sie gleichen dem gebrochenen Subjekt mehr als das, was sie bezeichnen wollen. Das leistet der dumpfe Verstand. So ähnelte nichts, wessen der Antisemit die Juden zeiht, nicht auch ihm selbst.
    Was dem abstrakten Zeichen gegenüber steht ist das unbegriffene Fremde: wie die Zirkulationssphäre, die dem Subjekt fremd und irrational gegenüber tritt. Es ist das inzestuöse Zinskapital, das als „schachernder Jude“ begrifflich wird. Worin sich der Antisemit also selbst verantwortlich zeigt, gerade da ist sein Bewusstsein von aller rationalen Einsicht abgeschnitten, bleibt der Gegenstand unverstanden und undurchdrungen. Abgekapselt wie das stumpfe „wir“, das so viele Namen trägt und nicht ist. Allein, all das glänzt so verführerisch, nicht? Der Schein verleiht ihm Würde, wie der Fetisch jenes Zeichens, das die Leere füllt.

    Auf fpoe.at steht, dass „ER (Heinz-Christian Strache) bringt, was WIR brauchen“. Wem würde nicht vor der faulen Frucht ekeln, die er uns hinhält? Wer fühlte sich nicht beschämt, der sähe, dass das Ich zur trüben Brühe des ER als WIR zergeht? Und wer würde sich nicht wehren, dem überhaupt noch Kritik in den Sinn kommt?
    Denn der Jargon machte ihn unversehens zu etwas, das er nicht ist: zum „Österreicher“, den der Demagoge als Geisel nimmt. Oder zum „Deutschen“, den der Herr Sarrazin offensichtlich als seinen ureigensten Ausfluss betrachtet und beansprucht: Der „Muslim“ und diese „Kopftuchmädchen“ seien tunlichst deutsch und produktiv. Letztlich fügt sich das Gerede vom „Juden“, der einem Gen enspringen soll, nahtlos in den Reigen ein.

    In jener Sprache verfestigt sich, was das geheiligte „man“ – die peer group – leugnet, um sich über alle Widersprüche hinweg moralisch rein zu halten. Etwa dass kein Mensch illegal ist oder sein muss, wenn nicht die falsche Notwendigkeit dazu bestünde. Oder dass der Mensch zumal keine Funktion ist und keine Zahl, die sich still dem Faktum beugt.
    Eine Sprache, die in fataler Weise zur Produktion drängt und darin die verborgene Destruktion greifbar macht, bedeutet Gewalt am Bezeichneten, wo sie den Körper noch nicht ereilt. Jenen Demagogen, die sich auf die Meinungsfreiheit berufen, die die Verfassung gewährt, sei gesagt: wenn in einer Gesellschaft Pluralismus bedeutet, dass das Positive unvermittelt gleichviel gilt wie seine Verneinung, regrediert „Vernunft“ zur bloßen Dummheit. Und wenn geltendes Recht aus sich immer noch Unrecht schafft oder schaffen kann und die bürgerliche Demokratie aus sich heraus Diktatur, so bedenkt auch heute die Bedingungen zur Möglichkeit von Faschismus.

    No pasarán! – voll von Pathos.

    „Arbeit macht Frei“ II

    Auf das Datum des 8. Juni 1933, als sich das „Reich“ mit einem Schuldenmoratorium im Alleingang seiner erheblichen Auslandskredite entledigte, fällt bezeichnenderweise eine Denkschrift des Oberkommandos der Wehrmacht (Tooze, S. 77), das für die nationale Aufrüstung Ausgaben über 35 Milliarden Reichsmark, verteilt auf 8 Jahre à 4,4 Milliarden RM, veranschlagte. Dieses Rüstungsprogramm bedurfte „des gewaltigsten Ressourcentranfers, der je von einem kapitalistischen Staat in Friedenszeiten unternommen wurde“ (Tooze, S. 16), wie Adam Tooze in der „Ökonomie der Zerstörung“ schreibt.

    Um die Bedingung zur Möglichkeit des organisierten faschistischen Terrors zu beleuchten, müssen wir uns den bestimmenden „Fragen von Land, Brot und Arbeit“ (Tooze, S. 12) zuwenden. Meine Argumentation geht von der These aus, dass die kapitalistische Ökonomie unter dem faschistischen Diktat die totale Produktion als Vernichtung betrieb. Sie war eine ungeheuerliche Maschine, die ständig mit neuem Kapital und Ressourcen versorgt werden musste, um nicht einzubrechen. Dazu betrieben deutschen Faschisten den „Terror der Ökonomie“, wie ihn die Welt nicht kannte. Der eliminatorische Antisemitismus kann vor diesem Hintergrund nicht unabhängig von der ökonomischen Verfasstheit betrachtet werden. Dabei handelt es sich um eine komplexe Vermittlung, der ich mich auf politisch-ökonomischer Ebene nähern will. Meine Argumentation erhebt nicht den Anspruch, das Phänomen des faschistischen Terrors von der materiellen Seite her erschöpfend zu erklären. Doch es scheint mir von existentieller Bedeutung, überhaupt die Bedingungen zur Möglichkeit des mörderischen Terrors herauszustellen. Denn die Möglichkeit des Widerstehens und des Handelns war gegeben. Indes, wo sie nicht ergriffen wurde, fiel die gesellschaftliche Barbarei als ökonomisch bedingte zusammen mit der Ohnmacht des Einzelnen als dem selbstvergessenen Subjekts. Sein Handeln wird erklärbar.

    Die Singularität des Holocausts – sein zutiefst unbegreifliches, irrationales Moment – liegt in der Verschränkung von absoluter Produktion als der rationalisierten Destruktion. Angesichts des Abgrundes, den die falsche gesellschaftliche Ordnung aus sich heraus produziert, hielte nun der kritische Gedanke, den ich hier auf den Begriff bringen will, gestern und heute hoffnungsvoll die Möglichkeit eines Anderen, von jenem Unterschiedenen fest. Im Zeichen der Humanität, benennen wir den Zauber.

    Im Januar 1939 dokumentierte das Direktorium der Reichsbank folgendes: „Das unbegrenzte Anschwellen der Staatsausgaben sprengt jeden Versuch eines geordneten Etats, bringt trotz ungeheuerer Anspannung der Steuerschrauben, die Staatsfinanzen an den Rand des Zusammenbruchs und zerrüttet von hier aus die Notenbank und die Währung. Es gibt kein noch so geniales und ausgeklügeltes Rezept oder System der Finanz- oder Geldtechnik, keine Organisation und keine Kontrollmaßnahmen, die wirksam genug wären, die verheerenden Wirkungen einer uferlosen Ausgabenwirtschaft auf die Währung hintan zu halten. Keine Notenbank ist imstande, die Währung aufrechtzuerhalten gegen eine inflationistische Ausgabenpolitik des Staates.“ 1939 herrschte im „Reich“ akkute Inflationsgefahr. Der Staat hatte sich mit allerlei Mitteln Kapital verschafft. Damit finanzierte er seine „kreditfinanzierten Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen“, die sich freilich zum größten Teil und nach 1934 fast ausschließlich auf Maßnahmen zur Aufrüstung der Wehrmacht beschränkten. „Das Ausgabenpacket, das für das Militär geschnürt worden war, überragt bei Weitem alle Schritte, die man sich in Deutschland jemals zur Behebung der Arbeitslosigkeit überlegt hatte oder noch überlegen sollte.“ (Tooze, S. 79).
    Die oben erwähnte Vereinbarung vom Juni 1933 umfasste ein Geldvolumen, das fast dreimal so hoch war wie die Ausgaben für sämtliche zivile Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen, die in den Jahren 1932 und 1933 dekretiert wurden. Deshalb ist das Zusammenfallen vom Schuldenmoratorium und der Denkschrift des Oberkommandos so bedeutend: Mit diesem unilateralen „Befreiungsschlag“, der die drückende Schuldenlast durchstrich, befreite sich das NS-Regime auch von der fiskalpolitischen Bevormundung der Vereinigten Staaten, die bis dahin eine beratende, in gewisser Weise auch „hemmende“ Rolle eingenommen hatten. Die Karten wurden neu gemischt. So konnten die deutsche Rüstungswirtschaft und alle affizierten Branchen künftig dank dem neuen Spielraum für die Aufnahme von frischem Kapital freier produzieren. Tooze: „(…) bereits in Hitlers zweiten Amtsjahr [forderten] die Militärausgaben über 50 Prozent aller Staatsausgaben für Waren und Dienstleistungen. 1935 stieg der Anteil sogar auf 73 Prozent.“ (Tooze, S. 87)
    Die Struktur dieser Finanzpolitik könnte man wiefolgt zusammenfassen: bis 1934 stand das dürftige Programm zur „zivilen“ Arbeitsbeschaffung, etwa durch den Bau der Reichsautobahn, im Zentrum, danach aber schließlich die haltlose Aufrüstung, mit der man den großen Teil der zahllosen Arbeitslosen (1933: 6 Millionen) erfasste.
    Solange Massenarbeitslosigkeit herrschte, galten „kreditfinanzierte Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen“ als „produktiv“. Sie führten „zu einer Steigerung der realen Nachfrage, Produktion und Beschäftigung, nicht aber zu einer Inflation“ (Tooze, S. 66). Doch sobald die Wirtschaft in Gang gekommen war, verpuffte dieser Effekt und führte aufgrund der einfließenden Geldströme zur Inflation.
    Gerade weil diese Hybris mit gewaltigen Staatskrediten gestützt werden musste, griff man auf Mittel zurück, die Götz Aly „unseriös“ schilt. Dabei stellte die „Metallurgische Forschungsgesellschaft“ das Bindeglied von Staat und Wirtschaft dar. Dieses Schattenunternehmen, das 1934 etwa dank dem deutschen Großkapital von Siemens über Krupp bis Rheinmetall mit einem Kapital über einer Million Reichsmark gegründet worden war, sollte die Vergabe von sogenannten „Mefowechseln“ regeln. Diese waren geldlose Kreditierungsmittel, die die Reichsbank ausgab. Damit wan wollte weder den Markt mit ausländischen Krediten speisen, was die Gefahr von Inflation mit sich gebracht hätte, noch mithilfe der Notenpresse, was einen noch stärkeren Effekt auf den Kurs gehabt hätte. Ein Großteil der Staatsaufträge wurde also über Mittel beglichen, die nichts anderes waren als verzinslichte staatliche Schuldscheine, die im Kern Staatsanleihen waren.
    Staatsanleihen galten als vortreffliches Mittel zur Finanzierung von Wachstum, denn sie belasteten den Kurs der Reichsmark nicht. Zudem blieben die Gläubiger an das Gedeihen des nationalsozialistischen Staates gebunden. Doch das Problem der Refinanzierung war allgegenwärtig: die Kredibilität des deutschen Staates schwand zusehends. Der Juli 1938 stellt in dieser Hinsicht den vorläufigen Höhepunkt der unheilvollen Entwicklung dar: nun musste der Staat gar eigene Staatsanleihen im Wert von 465 Millionen Reichsmark aufkaufen, um fällige Kredite zu refinanzieren, damit Liquidität vorzugauckeln und die Potenz des „Reichs“ darzutun. Ziel war es, hierin die künftige Emission von Staatsanleihen zu sichern. Doch bald stand fest, dass die deutsche Volkswirtschaft der Höhe der staatlichen und privaten Ausgaben auf längere Zeit keineswegs gewachsen war.
    Es mussten andere Wege gefunden werden, um über Kredite Wachstum zu generieren, ohne aber über Auslandskredite die Inflation zu befeuern oder den deutschen Steuerzahlern politisch unverantwortliche Bürden aufzuerlegen. Es blieb eine Gruppe, die beide Merkmale in sich vereinte: dem Fiskus „deutsch“ durchaus, doch „undeutsch“ in seiner Fremdheit, weil auffallend und ohne Schutz: „Der Jude“.

    Der Juli 1938 beschreibt eine grauenvolle Tendenz, die mit den Novemberprogromen im selben Jahr einen vorläufigen Höhepunkt erreicht. Auf 8. und 9. November folgte am 12. das schändliche Diktat der „Sühneleistung“, die man auch „Judenbuße“ nannte. Sie belief sich auf 1 Milliarden RM, die in Form von Staatspapieren veräußert werden sollten. Dabei verbot man den Juden nicht nur, jene Anleihen zu verkaufen, sondern verpflichtete sie auch darauf, alle ausländischen Wertpapiere in ihrem Besitz allein über die Reichsbank zu verkaufen, um im Gegenzug Reichsschatzanweisungen zu erhalten. Das erhöhte die Reichseinnahmen schlagartig um 6 Prozent, womit das Kassendefizit überbrückt werden konnte.
    Diese brutale Umwandlung von jüdischem Privatvermögen in Staatsanleihen „sozialrevolutionäre Umwälzung von Eigentumsverhältnissen“ (Aly, S. 209) zu nennen, wie das Götz Aly tut, ist blanker Hohn. Denn sie schuf aus sich heraus weiter nichts als Mord und Verderbnis – kein sozialrevolutionärer, also qualitativer Bruch in der gesellschaftlichen Verfasstheit. Er nämlich kündigte sich gestern und heute an als zarte Hoffnung, dass es einmal doch zum Besseren sich wenden möge.

    Im Jahre 1939 verschlingt allein der Schuldendienst des Staates bereits 3,3 Milliarden Reichsmark (Aly, S. 53) bei einem jährlichen Bruttoinlandsprodukt von etwa 50 Milliarden Reichsmark. Man kann den Ausbruch des Krieges demnach getrost als die mörderische Konsequenz einer horrenden ökonomischen Schieflage des totalitären kapitalistischen Staates deuten.
    Denn das „Reich“ musste stets das Gleichgewicht von Waren und Geld halten, um seinen Fortbestand zu sichern und darüber die fälligen Kredite mit Wachstum (re)finanzieren – letztlich, als der Staatsbankrott unmittelbar bevorstand, aber blieb der räuberische Krieg. Der Enteignung der unterjochten Völkern liegt ein Muster zugrunde, das sich allmählich in Brüchen herausbildete und sich wohl schon mit der Reichsfluchtsteuer von 1931 als unheilvolles Menetekel vorstellte. Denn sie wurde unter dem NS-Regime von einem herkömmlichen Mittel zur Vorbeugung von Kapitalflucht nach 1933 zum Mittel von Ausbeutung durch Aussonderung. Die Arisierung schlägt in dieselbe Kerbe. Dieser Raubmord setzt sich in vieler Hinsicht – unendlich verdichtet – auch nach Kriegsausbruch fort: Enteignung war seit jeher das Movens der deutschen Kriegsmaschinerie. Vor und nach Kriegsausbruch schickte man sich an, die benötigten Vermögenswerte dem sogenannten „Volksvermögen“ zugeschlagen. Gestattete das faschistische Deutschland den deutschen Juden dabei noch grinsend, bei Entrichtung der „Reichsfluchtsteuer“ auszureisen, so ging die Expropriation des Vermögens im polnischen Generalgouvernement indes schon bald mit der rationalisierten, mechanisierten Vernichtung von Menschen einher.
    Ganz ähnlich wie man einst mit den Vermögenswerten der deutschen Juden verfuhr, so überführte man parallel zur Deportation die sogenannten „herrenlosen Vermögensobjekte“ de jure ins Eigentum des Generalgouvernements (Aly, S. 211). Das sollte die verheerende Inflation in den besetzten oder verbündeten Staaten bremsen, denn der Schub auf der „Angebotsseite“ (vor allem durch Konsumgüter) stabilisierte die Preise. Zudem verkleinerte das räuberische Morden den Kreis der bloßen „Konsumenten“, was die Nachfrage verminderte und der Preisentwicklung stabilisierte.
    Mit ungeheuerem Schmerz könnte man diesen „Terror der Ökonomie“ folgend fassen: Die Ausgesonderten wurden zunächst zu Gläubigern gemacht. Sie sollten bloß über die kümmerliche Verzinsung der angedrehten Staatspapiere leben – die Karikatur der Karikatur vom „Juden“ und all derer, die die deutschen Herren so zurichteten. Auf die gesellschaftliche und materielle Aussonderung aber folgte in grausiger Bestimmtheit die leibliche, die Vernichtung des Menschen. Hitler wusste es einst:

    „Der Wert des Menschen (…) und sein Wert für die Volksgemeinschaft werden nur ausschließlich bestimmt durch die Form, in der er der ihm zugewiesenen Arbeit nachkommt“.

    Arbeit macht frei.

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    Literaturhinweise:

    Adam Tooze: „Ökonomie der Zerstörung. Die Geschichte der Wirtschaft im Nationalsozialismus“, München 2008.

    Götz Aly: „Hitlers Volksstaat. Raub, Rassenkrieg und nationaler Sozialismus“, Frankfurt/M. 2005.

    Ich möchte auch auf den ergänzenden Text vom 6. Juli hinweisen, der versucht, sich dem Problem vom Blickpunkt des Subjekts zu nähern.

    „Arbeit macht frei“ I

    „Der Wert des Menschen (…) und sein Wert für die Volksgemeinschaft werden nur ausschließlich bestimmt durch die Form, in der er der ihm zugewiesenen Arbeit nachkommt.“ – Adolf Hitler

    Ohne Arbeit bist du nichts.

    Es ist die Lüge von der produktiven Arbeit des Kapitalisten, die das Wesen des Arbeitsvertrags verdeckt und das „raffende“ Kapital, das als Zins selbst Kapital aus sich schafft, als Unorganisches verfemt. Dieses ungeheuerlich Unverstandene, das sie selbstvergessen von sich weisen, firmiert heute unter dem weitgereisten Titel „Jude“.
    Die „Verkleidung der Herrschaft in Produktion.“ (Dialektik der Aufklärung, S. 182), in der Horkheimer und Adorno den spezifischen ökonomischen Grund des bürgerlichen Antisemitismus erkennen, produziert aus sich die ohnmächtige Wut, die sich entlädt auf dem, „der auffällt ohne Schutz.“ (S. 180) Die Nationalsozialisten, die durch die bloße Funktion den Gedanken leugneten, exerzierten die totale Produktion als Vernichtung zumal an jenem Menschen, der ihnen „Jude“ hieß.

    Das Heilsversprechen des „guten“ Lebens verweist heute auf die Nöte jenes falschen Ganzen, in dem sich das partikulare Interesse in den Schleier des allgemeinen hüllt. Ihm ist Glück Zwang. Die Unmöglichkeit von Humanität erscheint nur da noch als Notwendigkeit, wo der sich als Heil verhärtende Geist die Feindschaft gegen den Geist überhaupt einbekennt. Er ist sich selbst ein Fremdes.
    Adorno schrieb in der Einleitung zur „Minima Moralia“ folgendes: „Die Treue zum eigenen Stand von Bewußtsein und Erfahrung ist allemal in Versuchung, zur Treulosigkeit zu mißraten, indem sie die Einsicht verleugnet, welche übers Individuum hinausgreift und dessen Substanz selber beim Namen ruft.“ Das gesellschaftliche Verhältnis, das als ein Moment in der Bewegung von Dingen erscheint, greift ein in das Ich, das – selbst warenförmig zugerichtet – zum Ding sich macht und erkaltet. Entäußerung scheint ihm die ureigene leibliche Funktion, er trägt seine Haut zu Markte. Sein Denken ähnelt dem des integrativen Apparates, der nichts neben sich duldet, namentlich den Gedanken nicht, der sich von der Funktion befreite und ein Anderes dächte. Das je Besondere zieht den Argwohn und glühenden Neid des Vereinzelten auf sich. Im Zeichen der allgemeinen Fungibilität gilt ihm das Andere der Tendenz nach als das fungible Eigene. Es ist das Subjekt, aufs Ich zurück geworfen, unter diesen Umständen nun wie eine Wunde, die offen klafft. Es kündigt Genugtuung an für das, was ihm angetan wurde – ehe es zum Schlag ausholt. Die Lüge vom „Volksvermögens“ war nie etwas anderes als mörderische Enteignung. Es stellt sich der Getriebene als Exekutor vor.

    Gerade weil das Fremde vertraut lockt, weil es der allgemeinen Verwertung trotzt und seltsam anders ist, muss die beschämende Erinnerung an ein Selbst zerschlagen werden. Was der Antisemit „Jude“ schimpft, gilt ihm als ruchloser Schauspieler. Seine Gestik und Mimik scheinen dem Automaten allzu vertraut, ja menschlich. Noch sein Klageschrei ist die unerhörte Spiegelung der eigenen Hinfälligkeit. „Der Ohnmächtige ist der da“, sagt er zum Außen und meint damit sich selbst als das Innen.

    Antisemitismus ist Gleichmacherei als Vernichtung. Das zuckende, an dem das triumphierende Ding sein Urteil vollstreckt, spiegelt ihm „aufreizend den Schein von ohnmächtigen Glück wider.“ (S. 181) Der Ohnmächtige, zu dem jener den Anderen erniedrigt, ähnelt ihm selbst – die Nähe von Sadismus und Masochismus ist offenkundig. Im Gewaltakt ist der Wütende ganz bei sich, das heißt an sich, aber nicht für sich als sich selbst bewusst und deshalb blind ob der eigenen Herrlichkeit: „Der Gedanke an Glück ohne Macht ist unerträglich, weil es überhaupt erst Glück wäre.“ (S. 181)
    Es wäre der kritische Gedanke, der dem bloßen Ich ein Bewusstsein seiner selbst vermittelte, indem er die Grenze von Innen und Außen auswieße und schließlich die Sublimität des Nicht-Identischen, Anderen freilegte. Die Reflexion, die als „Durchdringung von Rezeptivität und Einbildungskraft“ (S. 208) Nähe durch Distanz schafft, wirkte dem horror vacui entgegen, dass heute der „Wahrnehmende (…) im Prozess der Wahrnehmung nicht mehr gegenwärtig“ (S. 211) ist.
    Hegel schrieb einst: „Das Leben des Geistes gewinnt seine Wahrheit nur, indem er in der absoluten Zerrissenheit sich selbst findet. Diese Macht ist er nicht als das Positive, welches von dem Negativen wegsieht, wie wenn wir von etwas sagen, dies ist nichts oder falsch, und nun, damit fertig, davon weg zu irgend etwas anderem übergehen; sondern er ist diese Macht nur, indem er dem Negativen ins Angesicht schaut, bei ihm verweilt.“ Es ist die Erfahrung der Grenze, die mit ihrer Aufhebung zusammenfällt – Perfektion vermittels Imperfektion. Ein solcher kritischer Gedanke käme jenem Irrsinn zuvor, der sich grenzenlos dünkt. Denn wenn die Dialektik der Aufklärung in den Wahnsinn umschlägt, und die Irrationalität der Anpassung an jene unwirkliche Realität für den Einzelnen vernünftiger ist als die Vernunft, so wäre es an der Negativität des Geistes, die Grenzen der Aufklärung zu durchbrechen und das Bewußtsein ihrer selbst zu werden.

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    Literaturhinweis:

    Max Horkheimer und Theodor W. Adorno: „Dialektik der Aufklärung“, Kapitel „Elemente des Antisemitismus“

    Außerdem ein ausgezeichneter Artikel auf zeit.de (14.6.2010) zu einer antisemitischen Attacke in Laucha, Sachsen-Anhalt

    „Als Olaf Osteroth vom Bahnhof aus weiterfährt, sieht er bestürzt aus. Von selbst spricht ihn niemand auf den Angriff an. Von selbst erkundigt sich auch kaum jemand, wie es seinem Stiefsohn geht. Er muss nachfragen, er muss daran erinnern. Meist beginnen seine Gesprächspartner, von ihren eigenen Problemen zu erzählen. Als sei dies eine Erklärung für das, was in Laucha geschehen ist.“