Archiv der Kategorie 'Praktische Theorie'

„Ohne vernünftigen Kartoffelsalat kein richtiger Arbeiterstaat“

Ein wichtiger Diskussions-Beitrag der Sozialistischen Initiative Berlin-Schöneberg zur Grundsteinlegung einer neuen antikapitalistischen Organisation. Nach mehreren gescheiterten, obzwar engagierten Versuchen der Bündelung diverser linker Strömungen gilt es nun, die dogmatischen Grabenkämpfe zu überwinden und die Idee eines revolutionären, undogmatischen Bündnisses, die hier umrissen wird, zu verwirklichen.

  • „Neue Antikapitalistische Organisation ? Na endlich! Worüber müssen wir uns verständigen und worüber nicht“ – Sozialistische Initiative Berlin-Schöneberg
  • Darin wird das Avanti-Grundsatzpapier aus dem Jahr 2004 mehrmals.
  • „Antikapitalistisch ist nicht revolutionär genug!“ – Ein erhellender Kommentar vom Blog „Theorie als Praxis“
  • – Ich möchte auch auf die spannende Diskussion hinweisen, die der Kommentar angestoßen hat.

    Angelus Novus

    Angesicht der globalen Krise befindet sich die Welt in einem gesellschaftlichen Gärungsprozess, dessen Wucht der arabische Frühling bereits vor Augen führt. Doch wo in dessen Rahmen sich zunächst bürgerliche Demokratien im Kampf gegen die personale Despotie etabliert haben, tritt dieser globale Prozess in den fortgeschrittensten kapitalistischen Gesellschaften allerdings in anderer Form, mit anderen Inhalten, zutage: diese sozialen Kämpfe sind im Zuge des Niedergangs der bürgerlichen Gesellschaft auf die Befreiung von der Logik des Kapitals hin gespannt. So ist die gegenwärtige kapitalistische Krise die Krise des Spätkapitalismus selbst. Seine grundlegenden Widersprüche treten in den Ländern, die dem Abgrund am nächsten stehen, in aller Irrsinnigkeit und daher voller Klarheit zutage. Deshalb wollen wir zunächst die Situation der griechischen Gesellschaft und die Widersprüche der transnationalen Kapitalien umreißen. Im Rahmen dieser Bezugssysteme wollen wir uns der widerständigen Praxis des Generalstreiks aus einer erkenntistheoretischen Perspektive nähern.

    Der griechische Staat, wie die meisten fortgeschrittenen Industriestaaten, sieht sich mit einer Krise konfrontiert, die seine Funktionsweise selbst zu beeinträchtigen droht. Eine bewusste und organisierte Bewegung der Lohnabhängigen – vom Industrieproletariat bis hin zu den Angestellten im Dienstleistungssektor – ist offensichtlich nicht gewillt, die Austeritätspolitik hinzunehmen, die die EU und der IWF im Zuge der griechischen Hilfskredite der sozialistischen Regierung unter Giorgos Papandreou oktroyieren. Dies hat der Generalstreik vom 11. Mai mit überwältigendem Erfolg ein weiteres Mal gezeigt.

  • zur Einbindung der Angestellten im öffentlichen Dienstleistungssektor – eine erstaunliche Erklärung in Reaktion auf die widerwärtige Brutalität der Athener Polizei: „Announcement of Hospital Doctors Union (Local Branch of Nikaia General Hospital)“occupiedlondon.org
  • Die Niederlegung der Arbeit trifft die empfindlichste Stelle eines Staates, der notwendig darauf angewiesen ist, gerade in der Beschneidung der individuellen Konsumption, etwa durch die Kürzung von Löhnen im öffentlichen Sektor, das Einfrieren von Renten (was de facto auch eine Kürzung bedeutet) oder der Erhöhung der Mehrwertsteuer, im Angriff auf die Lohnabhängigen den Staatsbankrott abzuwenden. Doch die griechische Wirtschaft, die in den ersten drei Monaten dieses Jahres zwar um 0,8% gewachsen ist, aber deren Arbeitslosenrate neuerdings bei 15,9% liegt (Quelle: Athens News), hat, auch bedingt durch die unerbittliche Sparpolitik, die den bescheidenen Aufschwung abwürgen könnte, realistischerweise über Jahre hinweg nicht die Kraft, ein Wachstum zu generieren, das über dem Niveau der Zinsen auf die staatlichen Schuldscheine liegt. Selbst wenn dem griechischen Staat der Zugang zum Staatsanleihenmarkt offen stünde, müsste er für Bonds mit zweijähriger Laufzeit untragbare Zinsen von 23,4 Prozent bieten. Zum Vergleich, die Rendite vergleichbarer Bundesanleihen beläuft sich auf 1,8 Prozent. so offenbart die Kreditwürdigkeit einer fortgeschrittenen westlichen Industriegesellschaft, die wie die griechische nach Einschätzung der Ratingagentur Standard & Poor’s auf der selben Stufe wie der Kenias und gar noch unterhalb der der Mongolei rangiert, die krasse Ungleichzeitigkeit der Entwicklung, die die Währungsunion zu zerreissen droht. Angesichts dieser unheilvollen Konstellation ist eine kontinuierliche Neuverschuldung des Staates, der gegenüber es unmöglich sein dürfte, die Schuldenmasse auf ein tragbares Niveau zu reduzieren, ohne den berüchtigten „Haircut“, also eine Teilumschuldung der staatlichen Kredite, zu wagen, was selbst bürgerliche Ökonomen und Fondsmanager kaum noch anzweifeln, wie Reuters ermittelte.
    Ohne hinreichendes Wirtschaftswachstum klammert sich die griechische Regierung als willfähriger Büttel der ach so gütigen Helfer eine drakonische Sparpolitik zur Wiederaufrichtung der Kredibilität des Staates, damit die Abwendung der Umschuldung die Weltwirtschaft davor bewahre, in den nächsten Krisenzyklus zu geraten, dessen mögliche Folgen bereits mit dem globalen finanziellen Kollaps nach der Pleite der Lehman Brothers verglichen wird. So würde das griechische Bankensystem bei einer Umschuldung vollkommen darnieder liegen. Ebenso würde ein Zahlungsausfall dieser Größe ein globales Bankensystem treffen, das auch nach dem Basel III-Abkommen gegen den massiven Liquiditätseinbruch nicht hinreichend abgesichert scheint. Die EU-Hilfen, die heute schon gegen den Widerstand der Bevölkerung vieler EU-Staaten lanciert wurden, würden, da sie im Falle des Kollaps des griechischen Bankensystems ausgedehnt werden müssten, wahrscheinlich endgültig versiegen, was selbstverständlich noch einen viel größere fiskalische Einschnitte erfordern würde. Nun, die Folgen für Irland und Portugal, ja selbst Spanien, Italien oder Belgien, sind heute unklar, doch man annehmen, dass die gesamte Chose den Bach runter gehen wird, da das „Krisenlabor Griechenland“ als lodernde Lunte im Pulverfass die Vorhut des verallgemeinerten Verhängnisses darstellt.
    Kein Politiker, der sich halbwegs bei Verstand wähnt, möchte es auf eine Umschuldung ankommen lassen, zumal ein Schuldenschnitt den französischen Staat, der nach Berechnungen von der „Bank for International Settlements (BIS)“ über 20 Milliarden Euro an griechischen Schuldscheinen hält. Rechnet man die Darlehen, die Rückkaufgarantien und ausstehende Kreditzahlungen des privaten Sektoren hinzu, stehen allein in Frankreich sogar Zahlungsansprüche von über 92 Milliarden Euro ins Haus. (Quelle: Athens News) Indessen sind die Liquiditätshilfen, die den Schuldenschnitt abwenden sollen, zunehmend unpopulär. Somit ist die europäische Einheitsfront längst schon am bröckeln, zumal rechtspopulistische Bewegungen europaweit an Fahrt gewinnen. (In der totalen Verweigerung, dieser unsäglichen und fast schon bemitleidenswerten Blauäugigkeit, begehen die Kinder des Systems Vatermord, wo sie diesen doch vorgeblich zu verhindern suchen. Die Mystifizierung des Kapitalismus und daher die Regression auf seine aggregierten, unvermittelten ideologischen Versatzstücke verlangen es, die Ratlosigkeit ihres ökonomischen Liberalismus angesichts seiner überkommenen materiellen Grundlage mit den schlichtesten rassistischen Parolen zu übertönen. Man nehme die niederländische Partij voor de Vrijheid, die schwedischen Sverigedemokraterna oder die Freiheitliche Partei Österreichs. Was den Menschen ins Haus steht, wenn die faschistoiden Marionetten die Regierungsgewalt in die Hand nehmen, sieht man in Ungarn mit der Fidesz: es folgt die Errichtung einer autokratischen Herrschaftsform zur Unterdrückung des gesellschaftlichen Antagonismus, dessen Auslagerung auf Randgruppen im Inneren oder den äußeren Feind und, damit verbunden, die Mystifizierung der geschichtlichen „Mission“ der sei’s rassisch, sei’s kulturalistisch begründeten Volksgemeinschaft.)

    Die griechische Misere hat ihren Ursprung im ökonomischen Ungleichgewicht von Zentrum und Peripherie im Euro-Raum. Denn angesichts eines Exportüberschusses etwa auf deutscher und dem damit verbundenen Außenhandelsdefizit auf griechischer Seite scheitert der Anspruch der Griechen auf Wohlstand im Schoße Europas im Kern gerade am Wohlstand der Anderen. In diesem Spannungsfeld ist der Generalstreik ein Affront nicht nur gegenüber der Regierung und dem Staat, den sie verwaltet, sondern darüber hinaus angesichts des internationalen Charakters der Problematik, eine praktische Kritik an den Verwerfungen des transnationalen Kapitals und damit wesentlich universalistischer, antikapitalistischer Natur, mögen in dessen Zuge auch reformistische Forderungen gestellt werden. Denn anstatt einem bornierten Nationalismus zu verfallen, hat der zweite Gerenalstreik dieses Jahres das Land ein weiteres Mal lahmgelegt: „eine erste Antwort“ auf die Pläne zur Verschärfung der Sparpolitik.

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    „Ein Sturm weht vom Paradiese her“

    Mit der Tertiärisierung der Industriestaaten verallgemeinert sich der Begriff des einstigen Proletariats zur Klasse der Lohnabhängigen, die sowohl die produktiven Arbeiter wie die unproduktiven „Zirkulationsarbeiter“, die mit dem reibungslosen Ablauf des Gesamtprozesses betraut sind, oder die Angestellten im Dienstleistungssektor umfasst (vgl. Hans-Günter Thien: „Die verlorene Klasse – ArbeiterInnen in Deutschland“, Münster 2010). In ihr schlägt sich nun die maßgeblich apersonale Herrschaftform des Kapitals nieder, die ohne das Privateigentum an den Produktionsmitteln und damit ohne dem Prinzip der Mehrwertproduktion, derer sich der Staat eben in vermittelter Form annimmt, schlicht nicht zu denken ist. Zugleich sind es die Lohnabhängigen selbst, „die ihre Arbeitskraft gegen Geld in der Form von Kapital tauschen“ (Thien 2010, S. 41). Die Erkenntnis dieses Widerspruchs von der Produktion der realen Ohnmacht eben durch die entfremdete Arbeit – die Erkenntnis, die wir Klassenbewusstsein nennen wollen – vermittelt dem gesellschaftlichen Ganzen jenseits aller ideologischen Verfremdungen das Bewusstsein seiner materiellen Grundlage und Funktionsweise, seiner Grenzen und Möglichkeiten. Diesen Gedanken wollen wir nun entfalten.

    Ob befristete Leiharbeit, Lohn- oder Rentenkürzungen, Einsparungen im Gesundheitsbereich oder der Bildung: all die garstigen Mittel, den Wert lebendiger Arbeit über die Drosselung der individuellen Konsumption zu Gunsten der verfügbaren Kapitalmasse mindern, führt dem Produzenten seinen Status als Objekt der Verfügung vor Augen, das als bloße Ware auf die Wertigkeit unbelebter Materie nivelliert scheint. Sein Schicksal ist, wie Georg Lukács im Essay „Die Verdinglichung und das Bewußtsein des Proletariats“ in Bezug auf das Industrieproletariat darlegt, „für den Aufbau der ganzen Gesellschaft typisch“ und offenbart die „Selbstobjektivierung, dieses Zur-Ware-Werden einer Funktion des Menschen, den entmenschten und entmenschlichenden Charakter der Warenbeziehung in der größten Prägnanz.“ Der Lohnarbeiter ist heute, wie einst der Industrieprolet, das Erkenntnissubjekt des gesellschaftlichen Ganzen:

    „Sein [des Arbeiters] unmittelbares Sein stellt ihn […] als reines und bloßes Objekt in den Produktionsprozeß ein. Indem sich diese Unmittelbarkeit [der Warenform] als Folge von mannigfaltigen Vermittlungen erweist, indem es klar zu werden beginnt, was alles diese Unmittelbarkeit voraussetzt, beginnen die fetischistischen Formen der Warenstruktur zu zerfallen: der Arbeiter erkennt sich selbst und seine eigenen Beziehungen zum Kapital in der Ware. Soweit er noch praktisch unfähig ist, sich über diese Objektsrolle zu erheben, ist sein Bewußtsein: das Selbstbewußtsein der Ware; oder anders ausgedrückt: die Selbsterkenntnis, die Selbstenthüllung der auf Warenproduktion, auf Warenverkehr fundierten kapitalistischen Gesellschaft.“
    - Georg Lukács: „Die Verdinglichung und das Bewußtsein des Proletariats“, in: „Geschichte und Klassenbewußtsein“, Darmstadt/Neuwied 1983, S. 295.

    Der Kern der Einsicht, dass weder die reformistische PASOK noch eine andere bürgerliche Partei die drängenden Probleme wird lösen können, liegt in der Enthüllung der Herrschaft partikularer Interessen innerhalb der bürgerlichen Gesellschaft, die sich in den ideologischen Schleier des Allgemeinen kleiden. So finden wir mit dem alten ökonomischen Liberalismus, der im Neoliberalismus eine späte Blüte erlebte, eine geschichtlich spezifische Ideologie vor, der das Einzelinteresse als mit dem allgemeinen identisch gilt, jedoch nur in dem Sinne, dass sie aufseiten der Arbeiter die Verwertung der Ware Arbeitskraft als die Wirklichkeit der bürgerlich-formalen Freiheit denkt.
    Diese Freiheit bedeutet aber weiter nichts als den stummem Zwang, dem bei Untergang des Einzelnen genüge getan werden muss – zu Konditionen, die weder der Arbeiter bestimmt, noch im Kern Ausdruck des Willens der ausbeuterischen Klasse ist. Denn der Bourgeoisie ihre eigene Verlogenheit vorzuhalten, mag im politischen Kampf sicherlich sinnvoll sein. Eine radikale Kritik muss indes tiefer gehen: mit Marx betrachten wir die herrschende Klasse als „Charaktermaske des Kapitals“, die sich seiner Macht weitgehend unterworfen sieht, zumal in Zeiten der Krise, die weder Produkt der Gier weniger, noch der übermäßigen Konsumption weniger ist. Es gilt zu erkennen, dass die Krise Resultat einer Produktionsweise ist, die sich durch die Verwertung von Wert – Mehrwert – auszeichnet. Doch dem prozessierenden Wert steht der gesellschaftlichen Reichtum der Produzenten gegenüber, die zu beschneiden das Kapital notwendig angewiesen ist, damit es sich reproduziere: diesen sich mal um mal zuspitzenden und in der Krise sich entladenden Widerspruch „zwischen den Bedingungen, worin dieser Mehrwerth producirt, und den Bedingungen, worin er realisirt wird“ („Das Kapital – Kritik der politischen Ökonomie, Dritter Band“) nannte Marx das „Gesetz der fallenden Profitrate“.
    Um die Kapitalkontraktion, die die Krise in der Mehrwertproduktion meint, zu beheben, müsste die individuelle Konsumption über Lohnerhöhung oder die Sozialpolitik angekurbelt werden: hier finden sich in der bürgerlichen Ökonomie die Keynesianer ein. Was zunächst so einleuchtend scheint, wird erschwert durch die immanenten Widersprüche des Systems: Denn das nationale Kapital (der Einfachheit halber wollen wir hier das transnationale Kapital unterschlagen) steht nun freilich in Konkurrenz zu den anderen nationalen Kapitalien, weshalb die Mehrwertproduktion im eigenen Land – auf Kosten des Wertes der Arbeit – belebt werden müsse: der Neoliberalismus lässt grüßen. Seine letzten verzweifelten Ausläufer dürfen in Europa die drakonischen Sparprogramme sein. Damit tritt der Grundwiderspruch von Arbeit und Kapital in Zeiten der Krise, die nicht die Ausnahme ist, sondern die Regel selbst, klar hervor: das Versprechen der bürgerlichen Freiheit meint die brutale, warenförmige Verwertung des unter seiner bloßen Produktivität subsumierten, geschundenen Leibes des Lohnabhängigen. Wir sehen, wie die bürgerliche Gesellschaft immer weniger fähig ist, selbst dies kümmerliche Recht zu stützen, gilt es doch tendenziell nur in Zeiten der Prosperität und des Burgfriedens der Klassen. Beides scheint mit der Krise des Spätkapitalismus unwiderruflich verloren.
    Doch wo sich das subjektive Bewusstsein gegen die Transformation der objektiven materiellen Grundlage sperrt, da droht emminente Gefahr. Denn die „Sachzwänge“, denen ohnmächtig entsprochen wird, verlangen von Neuem nach dem gesellschaftlichen Blutopfer: „Arbeit macht frei“ sagt der deutsche Faschismus zynisch, der unerbittlichste, mörderischste Krisenverwalter aller; „Wahrheit macht frei“ skandieren sie heute, da sie, die Unbelehrbaren, einfordern, was sei nicht verstehen: die unheilvolle Verschlingung von Gewalt und Sinnlosigkeit, die das Kapital meint!

    Wir Marxisten sehen die Ware als die „Universalkategorie des gesamten gesellschaftlichen Seins“ (Georg Lukács) und somit als die Wurzel an, die radikale Theorie und Praxis packen muss. In dieser Reflexion auf die Vermittlung der von den materiellen Verhältnissen bestimmten Basisstruktur und der auf sie bezogenen ideologischen Formen, erweist sich die wahrhaftige Materialität der gesellschaftlichen Wirklichkeit jenseits aller Mystifizierung. So sind der Überzeugung, dass dem Subjekt die Warenform sich als die reale Herrschaftsform enthüllen muss, in deren Bann es im vollen Sinne des Begriffes nicht Mensch ist, sondern Ding.

    Deshalb setzen wir auf den Generalstreik: er erreicht das höchste Maß an materieller Wahrhaftigkeit, indem er die Funktionsweise der Produktion radikal packt, was die Entschleierung des so hartnäckig mystifizierten Klassenantagonismus, dessen Zuspitzung allzu oft als bloßes Kommunikationsproblem dargestellt wird, bereits voraus setzt. Denn wo die Produzenten die sie beherrschende gesellschaftliche Macht – das Kapital – und somit ihre eigene Ohnmacht reproduzieren, indem sie produzieren; wo die verallgemeinerte Warenproduktion (was die warenförmigen Dienstleistungen natürlich mit einschließt) die Gesamtheit der Lohnabhängigen als unterdrückte Klasse und somit die grundlegende gesellschaftliche Herrschaftsform konstituiert, da antizipiert die partielle Arbeitsniederlegung schon die praktische Aufhebung der Klassengesellschaft und aller ihr vermittelten Erscheinungsformen von Knechtschaft:

    „Aus dem Verhältnis der entfremdeten Arbeit zum Privateigentum folgt ferner, daß die Emanzipation der Gesellschaft vom Privateigentum etc., von der Knechtschaft, in der politischen Form der Arbeiteremanzipation sich ausspricht, nicht als wenn es sich nur um ihre Emanzipation handelte, sondern weil in ihrer Emanzipation die allgemein menschliche enthalten ist, diese ist aber darin enthalten, weil die ganze menschliche Knechtschaft in dem Verhältnis des Arbeiters zur Produktion involviert ist und alle Knechtschaftsverhältnisse nur Modifikationen und Konsequenzen dieses Verhältnisses sind.“
    - Karl Marx: „Ökonomisch-philosophische Manuskripte“, 1. Manuskript

    Nicht erst, seitdem die Schergen englischer Kapitalisten streikende Proletarier zurück an die Arbeitsplätze prügelten, wie Engels in „Die Lage der arbeitenden Klasse in England“ von 1844/1845 beschreibt, gilt ihnen wie uns unumstößlich, dass die subjektiven Grenzen der Misere der Lohnarbeiterschaft die objektiven Grenzen der Produktionsweise markieren. In diesem Sinne erkennen wir im militanten Generalstreik den höchsten Ausdruck der Selbsterkenntnis der fortgeschrittenen kapitalistischen Gesellschaft und damit des geschichtlichen Fortschrittes des Menschheit: da die unversöhnliche Opposition im Bewusstsein ihrer gesellschaftlichen Macht das dräuende Verhängnis praktisch verneint, antizipiert sie die Verwirklichung eines Anderen, Besseren auf dem Boden des Faktischen: die Vernunft, die sie meinen, verlangt im Anblick des Trümmerhaufens einer darbenden Gesellschaftsformation zunächst die Aneignung der Produktionsmittel, die Etablierung der Arbeiterdemokratie über ein vertikales, zentralisiertes Rätesystem und endlich die selbstbestimmte und rational, also an den Bedürfnissen der Menschen, ausgerichtete Produktion.

    Unsere Solidarität gilt dem Willen der revolutionären griechischen Lohnarbeiter, sich der duldenden, kontemplativen Objektrolle zu entwinden und als handelnde Subjekte, als lebendige Menschen gegen die „Herrschaft der toten Materie über den Menschen“ (Marx) – gegen das Kapital als dem negativen Souverän der Gesellschaft – im Sinne aller zu kämpfen, um den Universalismus vom Menschen ausgehend zu verwirklichen, der die Totalität seines Werdens als übergeordnetes Prinzip, als Selbstzweck, setzt. Denn um mit Marxens Worten zu fragen:

    „Was ist der Reichtum anders, als die im universellen Austausch erzeugte Universalität der Bedürfnisse, Fähigkeiten, Genüsse, Produktivkräfte etc. der Individuen? Die volle Entwicklung der menschlichen Herrschaft über die Naturkräfte, die der sog. Natur sowohl wie seiner eignen Natur? Das absolute Herausarbeiten seiner schöpferischen Anlagen, ohne andre Voraussetzung als die vorhergegangne historische Entwicklung, die diese Totalität der Entwicklung, d.h. der Entwicklung aller menschlichen Kräfte als solcher, nicht gemessen an einem vorhergegebnen Maßstab, zum Selbstzweck macht? Wo er sich nicht reproduziert in einer Bestimmtheit, sondern seine Totalität produziert? Nicht irgend etwas Gewordnes zu bleiben sucht, sondern in der absoluten Bewegung des Werdens ist? Wo er sich nicht reproduziert in einer Bestimmtheit, sondern seine Totalität produziert? Nicht irgend etwas Gewordnes zu bleiben sucht, sondern in der absoluten Bewegung des Werdens ist?“
    - Karl Marx: „Grundrisse der Kritik der politischen Ökonomie“

    Wir sind der Ansicht, dass die antithetische Klasse der Lohnabhängigen und aller Unterdrückten, Marginalisierten und Ausgesonderten – in einer Abwandlung eines Zitats von Horkheimer und Adorno aus der „Dialektik der Aufklärung – lehrt, in den Zügen des gesellschaftlichen Ganzen „das Eingeständnis seiner Falschheit lesen, das ihm seine Macht entreißt und sie der Wahrheit zueignet“. Eben diesen dialektischen Gedanken finden wir bei Walter Benjamin, in seinen Geschichtsthesen, mit der wunderbaren Allegorie des „Engels der Geschichte“, dessen Bewegung er im Paul Klees Gemälde „Angelus Noves“ zu erkennen meint: „Seine Augen sind aufgerissen, sein Mund steht offen und seine Flügel sind ausgespannt. Der Engel der Geschichte muß so aussehen. Er hat das Antlitz der Vergangenheit zugewendet. Wo eine Kette von Begebenheiten vor uns erscheint, da sieht er eine einzige Katastrophe, die unablässig Trümmer auf Trümmer häuft und sie ihm vor die Füße schleudert. Er möchte wohl verweilen, die Toten wecken und das Zerschlagene zusammenfügen. Aber ein Sturm weht vom Paradiese her, der sich in seinen Flügeln verfangen hat und so stark ist, daß der Engel sie nicht mehr schließen kann. Dieser Sturm treibt ihn unaufhaltsam in die Zukunft, der er den Rücken kehrt, während der Trümmerhaufen vor ihm zum Himmel wächst. Das, was wir den Fortschritt nennen, ist dieser Sturm.“

    Paul Klee - Angelus Novus

    Möge der griechischen Bewegung die Einsicht und lebendige Kraft zuteil werden, die verhärteten Zustände zu lösen und den Nebelflug ins Ungewordene zu wagen, das im Schoße des Faktischen seiner Wirklichkeit harrt: Utopie! Ihre Bedingung und Möglichkeit aber wäre die Freiheit, das Glück des Anderen als die Bedingung des je eigenen zu denken – die Freiheit zur Versöhnung.

    Für die Durchbrechung der schlechten Immanenz des Bestehenden! Für den Communismus!

    Hoch die internationale Solidarität!

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    Neben den Kundgebungen der größten griechischen Gewerkschaft GSEE im Privatsektor und der Gewerkschaft der öffentlichen Angestellten ADEDY, organisierte die „mit Abstand größte“ Kundgebung indes die PAME, die der griechischen KP (KKE) nahe steht. Eine bedeutende Rolle spielt auch das linke Wahlbündnis „Koalition der Radikalen Linken“ (SYRIZA).

  • Erklärung der PAME zum Generalstreik von 11 Mai: „We refuse to make further sacrifices for the plutocracy. STRIKE on MAY 11″pamehellas.gr
  • „SYRIZA: Neue linke Kraft in Griechenland im Aufwind Interview mit Christina Ziaka von Xekinima, der griechischen Sektion des CWI.“Infopartisan (außerdem ein schönes Plakat der SYRIZA aus dem Jahre 2007
  • Seit Jahren hat sich auf breiter Basis zudem ein Bündnis zwischen der Bewegung der Lohnarbeiterschaft und eine breite Masse progressiver Studierender formiert:

  • „Greek Student strike — 90% of universities occupied, shut down — An Interview with Justice“ (2006)socialistalternative.org
  • „Greece: new wave of student protests against privatisation of universities“ (2007)marxist.org
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  • Eine Analyse des Generalstreiks vom 11. März 2010 und, allgemeiner, der Frage nach Reformismus und Radikalismus innerhalb der griechischen Arbeiterbewegung: „Greece: March 11 general strike – conclusions and tasks“ – marxist.org
  • Ein wirklich lesenswerter Artikel zur ökonomischen Lage Griechenlands: „Europe’s Greek tragedy“
  • Äußerdem findet am Samstag, den 14.05 um 18Uhr am Heinrichplatz in Berlin eine Demonstration in Solidarität mit den sozialen Kämpfen in Griechenland statt. Infos gibt’s auf arab.blogsport.de.
  • Zur Dialektik des Fortschritts

    Meine Gedanken zum italienischen Futurismus, die ich im Rahmen eines Textes mit dem Titel „,Mit immer gebrechlicheren Schritten schreite ich meiner Wiege entgegen…‘ – Zur Dialektik des Fortschritts im italienischen Futurismus“ zusammen getragen habe, will ich dem interessierten Leser hier zugänglich machen.
    Die Arbeit betrachtet die Avantgardebewegung unter dem Blickpunkt der in seinen Manifesten vermittelten Verdinglichungsstruktur. Dabei ist sie maßgeblich beeinflusst von Georg Lukács‘ Essay „Die Verdinglichung und das Bewußtseins des Proletariats“, der 1923 im Sammelband „Geschichte und Klassenbewußtsein. Studien über marxistische Dialektik“ erschien.
    Hierbei vertrete ich den Ansatz einer kritisch-materialistischen Wendung von ästhetischer Theorie, der es vermag, den unbewussten, destruktiven Dispositionen des fiktiven Ich die Einsicht zu entlocken, die es selbst sich nicht eingesteht. Ebenso, wie der Protagonist sich gewissermaßen fremd gegenüber steht, findet eben jene Entfremdung auch in seiner empirischen Entsprechung – in der konkreten Lebenswelt eines jeden – ihren Ursprung zuletzt in den konkreten materiellen Lebensbedingungen. Die geknechteten Subjekte wähnen sich dem negativen Souverän des Kapitals gegenüber ohnmächtig, das sie doch selbst unweigerlich und dabei wesentlich unwillentlich, unbewusst auf immer höherer Stufe reproduzieren: „Sie wissen das nicht, aber sie tun es.“ (Marx) In der besinnungslosen, todbringenden Raserei des Protagonisten verweist das futuristische Kunstwerk auf sein gesellschaftliches Substrat: die moderne kapitalistische Industriegesellschaft im Bann der unendlichen, bestimmungslosen Dynamik der Mehrwertproduktion, inmitten derer der Mensch verkümmert
    Es sei die Verdunkelung der Welt, schreibt Adorno in der „Ästhetischen Theorie“, die „die Irrationalität der Kunst rational“ mache. Diesen Umstand also gilt es zu interpretieren und nicht Sinn da zu rekonstruieren, wo das Kunstwerk selbst ihn negiert.

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    Ergänzend sei hier auf das „Manifest des Futurismus“ von F.T. Marinetti und „Der multiplizierte Mensch und das Reich der Maschine“ verwiesen.

    Der Fall des Yiannis K.

    Am 11. Mai, dem Tag des Generalstreiks in Griechenland, wurde der Aktivist Yiannis K. bei dem Protestzug in Athen Opfer eines gräulich brutalen Übergriffes der Polizei. Dabei wurde er durch mehrere Schläge auf den Kopf lebensgefährlich verletzt und musste nachträglich, im Zuge der ärztlichen Behandlung, ins künstliche Koma versetzt werden. Wie die Zeitung Athens News heute berichtet, wurden die an der Misshandlung beteiligten Polizisten mittlerweile suspendiert.

    Nach einem Bericht von Reuters stürmten gestern Abend rund 150 Anarchisten das Krankenhaus, indem Yiannis liegt, und verprügelten drei anwesende Polizisten, die dadurch leicht verletzt wurden.


    Yiannis nach dem Übergriff [via contra-info]

    Nach dem Video eines Übergriffes durch die Polizei (wobei es unklar ist, ob es sich hierbei um Yiannis handelt oder einen anderen Demonstranten) folgt die bemerkenswerte Erklärung des lokalen Zweiges der EINAP, der Gewerkschaft der Ärzte von Athen und Piräus, in der Übersetzung von Occupied London. Sie gibt auch Auskunft über den Zustand, in dem sich Yiannis befindet.
    Schließlich findet ihr die die Erklärung des Besetzer der Mensa in Propylaea (Panepistimiou Str.) in Athen, die heute morgen von Anarchisten und Anti-Autoritären besetzt wurde. Der Text nimmt Bezug auf die gestrigen Übergriffe und ruft angesichts dessen die massiven Ausschreitungen im Dezember 2008, in Reaktion auf den Mord an Alexandros Grigoropoulos, in Erinnerung. Ebenso beziehen sich die Verfasser auf eine Reihe von Angriffen auf besetzte Häuser im Zentrum Athens, offenbar von Polizisten im organischen Verbund mit Faschisten. Mehr dazu auf occupiedlondon.org.

    #478 | Announcement of Hospital Doctors Union (Local Branch of Nikaia General Hospital)

    This announcement was issuied yesterday while Yiannis K. was having an operation in Nikaia’s General Hospital

    Local Branch of EINAP [Union of Hospital Doctors Of Athens and Piraeus] General Hospital of Nikaia
    11/05/2011
    Today we witnessed the unlimited and profound brutality used by the Greek goverment of the Austerity Memorandum, in its effort to suppress all the healthy reactions of the citizens who resist to the measures planned by the foreign and local capital.
    Dozens of injured protesters -beaten up by the riot police- were transfered on ambulance or came by themselves in our hospital. Most of them had head injuries. Among them, there is a 30–year old protestor who was transferred to our hospital in a heavy, antemortem condition, anisocoria and huge epidural hematoma. At the moment the protestor is having an operation by our collegues who are trying to save his life.
    We condemn the police brutality. We condemn all the members of the Greek Government and the Prime Minister for the assassination attempt against our fellow citizen, who is in a serious condition and his life is in danger but also against the rest of the protestors.
    Violence and repression against the people who resist have no future.
    The government through raping the rights of the people, which are necessary for the their survival but also through the brutal violence which directly threaten people’s lives, will increase our stubbornness and our decisiviness to fight until the end in order ofrpeople have bread, education and freedom (cc. ‘Bread-Education-Freedom’ was an anti-dictatorship slogan).

    We will not stop until the ones guilty of the murder attempt will be punished.

    We will not stop until people win!

    [via occupiedlondon.org]

    First announcement from the occupied Refectory building in Propylaea, Athens

    In the May 11th general strike demonstration, thousands of protesters voiced their opposition to the Greek government’s anti-social measures which directly affect workers. While the predatory policy of the ‘Troika’ along with the cooperating Greek government, is pushing even larger sections of society in absolute poverty and destitution, the riot police forces are attacking demonstrators with fury.

    In the demonstration of May 11th and while a big part of the demonstrators had passed the parliament and were heading to Propylaea (Panepistimiou Str.), the cops attacked furiously and unprovocably against various blocks of demonstrators (neighborhood assemblies, rank’n‘file labour unions, anarchists/anti-authoritarians, extra-parliamentary left) beating them wildly and firing tons of tear gas. More than 100 demonstrators were transferred to general hospitals (Nikaia, ‘KAT’, ‘Evangelismos’), while three of them underwent surgery.

    Comrade Yannis K. has been murderously attacked by the repression forces. Wounded and with a bleeding head, he began to move away from Panepistimiou Street along with another demonstrator. Going down Amerikis Street, at the height of Stadiou Street, they entered into a porch where people who were present saw him bleeding. He was then transferred in antemortem condition (according to the hospital doctors union’s press release) at the General Hospital in Nikaia suffering from an internal head bleeding. He was directly operated and hospitalized in intensive care, in a coma situation.

    While this text is being written, the formal mechanisms of manipulation, along with their regimes’ apologists are intensively trying to present the murderous attack as an ‘injury under unclear circumstances’ relieving thereby the principals and instigators (Greek state, repression forces).

    The memory of December 08 revolt is turning like an ax over the heads of the rulers, that tremble while facing the possibility of a new social explosion. Alongside, the repression forces in close cooperation with members of extreme-right organizations, have launched a coordinated pogrom against political milieus and squats (Villa Amalias, Patission 61 & Skaramaga squat), attempting thereby to disrupt the ‘enemy within’ by sending messages of terror and fear to anyone who fights back.

    Today, May 12th, at 9 o’clock, we occupied the Refectory of University of Athens in Propylaea, in Panepistiniou Str., in the centre of Athens. We have already converted the building and the courtyard in front of it into a counter-information centre and a front of struggle, as an embankment to the States’ invasion and capitalist brutality.

    NO PERSECUTION AGAINST THE ARRESTED
    OF THE MAY 11th GENERAL STRIKE

    WAR BY ALL MEANS AGAINST THE STATE-MURDERER

    CALL FOR AN ASSEMBLY IN THE OCCUPIED REFECTORY BUILDING
    AT PROPYLAEA, RIGHT AFTER THE END OF THE DEMONSTRATION
    (THE DEMO WILL BEGIN AT 18.00)

    Anarchists/Anti-authoritarians from the occupied ground of the Refectory building (Propylaea)

    [via Contra Info]

    Zur Ergänzung ein guter Überblick zum Generalstreik auf grreporter.info und auf jungewelt.de, außerdem eine Zusammenstellung von Statements und Berichten auf dem Blog Entdinglichung.

    Living in the End Times

    Slavoj Žižek zur Krise der liberalen Demokratie als Krise des Spätkapitalismus.

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    Literaturhinweis

    Slavoj Žižek: „Living in the End Times“, Verso 2010.

    But it’s not merely that Žižek’s energy for self-promotion is prodigious. Rather, it’s his range that impresses – he’s equal parts forbidding theorist of the contemporary political and Zizek Living in the End Times Cover Imagecultural scene, and contriver of entertainingly elaborate paradoxes. If it weren’t for the hangdog persona and residual communism, he’d be an intellectual dandy: the closest thing we have to the mock-aristocratic socialist Oscar Wilde.

    Žižek, who is a professor at the University of Ljubljana, has been writing in a hectically engaging English for more than 20 years, enlivening his analysis of Marxism and psychoanalysis with sly forays into popular culture. (For example, he’s one of the smartest critics ever of Hitchcock.)

    Though the writing never ceases to dazzle, Žižek reveals himself here, surprisingly, as something like an old-fashioned moralist.

    Vollständiger Artikel auf telegraph.uk