Archiv der Kategorie 'Praktische Theorie'

Verschwörungstheorien kontern

Wie gehen wir auf die klassischen Verschwörungstheorien der „Truther“, „Infokrieger“ oder „Wahrheitsbewegten“ ein, wenn wir damit konfrontiert werden? An welchen grundsätzlichen Widersprüchen dieses ideologischen Feldes können wir ansetzen, um einen Erkenntnisschnitt zu provozieren? Was meint der Begriff der Ideologie im Allgemeinen und was lehrt uns Ideologiekritik über den Zustand einer Gesellschaft? Wie muss eine ideologiekritische Methode beschaffen sein und wo liegen ihre Grenzen?

Hier veröffentliche ich Diskussionsbeiträge zu zwei Videos (gefunden auf Facebook), von denen das erste in unsäglichem Szene-Jargon geradewegs die abgefeimtesten Wahnvorstellungen in den Raum stellt und das zweite die spezifischen ideologischen Formen, dies „imaginäre Verhältnis zum Realen“, ebenso wenig überwinden kann. Indes kann ihm die Nähe zu linken Positionen trotz allem nicht abgesprochen werden.
Zudem mache ich hier Auszüge einer „Diskussion“ zugänglich, die vor Kurzem auf der Seite der Gruppe „Echt Demokratie Jetzt!“ stattfand. Dabei ging es um den Stand der Verschwörungstheorien innerhalb der jungen EDJ-Bewegung. Ich werde den Diskussionsverlauf auf meine Auseinandersetzung mit Y eingrenzen und mir damit nicht die Mühe machen, sie als ganze oder in Teilen zu rekonstruieren. Ich denke, damit kann ich die Problematik klarer herausstellen.

---


begleitender Kommentar: „Die Ursache der ganzen Scheiße!“

Ich poste die folgende Replik:

bevor einer meiner besten freunde ein psychose erlitt, in der er glaubte, er sei der messias, wies er mich drauf hin, dass ein artikel auf der titelseite der süddeutschen zur öffnung der freimaurerloge gegenüber frauender kein zufall sein könne: die freimaurer würden selbst dahinter stecken. damals hatte er schon immer sein handy ausgeschaltet aus angst, die strahlen können ihm schaden. er wisse ohnehin im voraus, wann jemand anrufen werde. dass ein paar tage später auf vox eine unausstehlich suggestive „dokumentation“ zu einer vermeintlichen verschwörung hinter 9/11 lief, muss ihm wohl den rest gegeben haben. nun zu dieser „dokumentation“. fangen wir mit dem offensichtlichsten unfug an: der „experte“ andreas von rétyi, der hier so beredet über die globale verschwörung parliert, vornehmlich bücher wie „Gefahr aus dem All : die Erde im Visier“ als „Das Alien-Imperium“ schreibt. http://de.wikipedia.org/wiki/Andreas_von_R%C3%A9tyi – der kopp-verlag, der dieses video offenbar produziert hat, verlegt „unter anderem Bücher zu Themen der Prä-Astronautik, der Ufologie, des Erfundenen Mittelalters, des Kreationismus, der Astrologie, der Geomantie sowie der Germanischen Mythologie, des Islamismus, der Freiwirtschaftslehre und „Enthüllungen“ wie zu sogenannten „linken Lebenslügen“.“ – http://de.wikipedia.org/wiki/Kopp_Verlag – inhaltlich würde ich aus dem ganzen ideologischen wust hervorheben: kapitalistische krisen sind schlicht nichts, worauf die ökonomie „bewusst“ oder „geplant“ hinarbeit. hier wird die dimension der gesellschaftlichen ohnmacht gegenüber der mehrwertproduktion – dem kapital – in den schillerndsten bildern rationalisiert, nicht gedanklich durchdrungen. daher streifen solche „theorien“ die objektive wirklichkeit nur: sie stellt die phänomene gesellschaftlicher prozesse aus und konstruiert eine kausalität auf abstruse, hanebüchene weise. die zugrunde liegende ideologie steht dabei immer halbwegs transparent im vordergrund. was diese dokumentation fordert, ist gehorsam gegenüber dieser ideologie, die wirkliche probleme durchwegs falsch „erklärt“. sie lässt keinen freiraum, sie engt vielmehr gedanklich ein: der zersplitterte, atemlose bilderlauf in verbindung mit der plötzlich einsetzenden, immer recht bedrohlichen musik fordert den prompten reflex, nicht reflexion. parallel grenzt der umstand, dass hier alles auf den subjektiven willen eingegrenzt wird, dass nichts jenseits dessen gilt und die welt daher eo ipso dem willen eines globalen, geheimen zirkels unterworfen ist, an eine zwanghafte wahnvorstellung. da fühle ich mich an meinen früheren freund erinnert, den infokrieg noch in die psychose hinein begleitete, in der er ganz ein seinen wahnvorstellungen aufging, zum preis der totalen desintegration als subjekt. nichts für ungut, aber als historischer materialist, der meint, etwas von psychologie zu verstehen, sehe ich mir diesen schund zu meiner belustigung an.

---

Ich kommentiere:

the composition of the pictures, the cheesy music and the discourse that claims to be resuming what is being shown, seems arbitrary – and plain, i think. to link these disparate moments, the discourse conjures the worn-out ideology of nature as a holistic entity, as some sort of superiour being that must guide us. so while the voice refers to manipulation on a quite weak argumentative basis, the lack of substance is compensated by its ideological form (although the field of ideology cannot be reduced to mere manipulation). don‘t get me wrong, i don‘t doubt the good intention behind it, but i do doubt that crawling back into mother’s womb solves the problems that we‘re facing. (instead, i would recommend slavoj zizek’s comment on ecology: http://www.youtube.com/watch?v=9LxkmO7hnM0&playnext=1&list=PL5F58A8182812E81B)

X antwortet:

the corporations are not „greedy“. they are just playing the game they are suppose to play within the capitalist system.
the fear part is not bad though. […]

Ich halte dagegen:

of course, they‘ve got some good arguments there too. but i think, the problem is, that the composition seeks to stimulate the need for meaning that one cannot within „nature“, if its notion is not contextualised and thus regarded as a historical product which is literally being produced in terms of a material praxis. still, the idealisation and mystification of nature is something that conspiracy theories usually incorporate. but think of our psyche for example: as if the drive (an integral part of human nature) could guide us by means of reason! moreover, if you consider complementary, that on the website of the video (conspoetry.com) „conspiracy“ is defined das „a secret agreement between two or more people to perform an unlawful act“ or „a group of conspirators banded together to achieve some harmful or illegal purpose“, it stands on an ideological basis that is highly doubtful in general, since it mystifies bourgeois society and its legal forms. moreover, this approach personalises problems within late capitalism in a very inadequate way, as you said, mo. so as much as any contribution is valuable in itself, i consider this to be a shaky and in fact missleading basis for a genuine emancipatory cause. and yet, i do share the hope and the will for change therein!

---

  • „Echte Demokratie Jetzt!“ postet den Link zum Artikel „Verschwörungstheorien – Gefahr für die Demokratie“
  • Y postet folgende Kommentare:

    „Es ist grundsätzlich strunzdämlich und einzig der umfassenden Gehirnwäsche zu danken,der klassischen „Teile und Herrsche“Methode der Eliten,zu glauben,Whrheit ordne sich nach Sitzordnungen,Idiologien oder Religionen.FREE YOUR MIND !!!“

    „Verschwörungen sind ein Fakt,nicht umsonst gibt es Geheimdienste solche aufzudecken oder aber eben selbst zu begehen.Wer diese Tatsache ignoriert bewegt sich am Rande des Schwachsinns oder befindet sich bereits tief darin.“

    „Es gibt keine Zufälle in der Politik,keine Irrationalität,wie sie so gern von den Alliierten Hitler unterstellt wird,welcher angeblich in seinem „Wahn“ die Welt erobern wollte.Wer einen solchen Unfug glaubt,der glaubt auch das Zitronenfalter Zitronen falten.“

    „Es gibt Zufälle welche auf die Politik einwirken,Umwelteinflüsse,welche die Politik nicht zu beeinflussen vermag,die Politik ansich aber ist plausibel,wenn auch nicht immer rational.“

    „Ein Beispiel sei genannt von unendlich vielem Blödsinn,welcher verbreitet wird als „historischer“Fakt.Es sollen LKW benutzt worden sein zwecks Vergasung von Menschen,so wird es gelehrt,steht es in den Geschichtsbüchern.Jeder Dorfschrauber w…ird euch aber sagen können,das Dieselabgase völlig ungeeignet sind dazu,da kaum CO uftritt,dieser als Ruß anfällt.Selbst nach Stundenlanger „Begasung“könnten höchstens Kopfschmerzen auftreten.Klar das die Lügner nicht wollen,das man sie ertapt.So ist es erwiesener Unsinn,das Schrumpfköpfe hergestellt wurden,es fehlte nicht nur das Wissen um die Technik,die vorgezeigten Exemplare aus dem Völkerkundemuseum waren Langharig und keine Ethnie fand sich bereit sich darin wiederzuerkennen.Polen bewieß nachdrücklich das sie im entscheidenden Zeitraum Friseure besuchten.Absurdistan läßt grüßen…“

    „Weit interessanter ist die sog. Oktoberrevolution in Rußland,die tatsächlich eine der jüdischen Bankster um Rothschild,Warburgs und Jakob Schiff war,das Resultat war eine jüdische Nomenkltura und 66 Millionen christliche ermordete.“

    Ich kontere:

    vorab vielen dank für diesen beitrag, der gerade hier, wie mir scheint, unheimlich wichtig ist! [Ys] kommentare haben mich derart aufgebracht, dass ich mir den frust erstmal von der seele schreibe musste. weil ich an dem folgend……en gerade eine ganze zeit lang saß, konnte ich auf die letzten erbärmlichen wortkaskaden nicht einehen. darum, sehen wir uns nur mal exemplarisch diese beiden kommentare von [Y] an, um zu sehen, wie ein beschränktes bewusstsein sich ausnimmt:
    1) „Es gibt Zufälle welche auf die Politik einwirken,Umwelteinflüsse,welche die Politik nicht zu beeinflussen vermag,die Politik ansich aber ist plausibel,wenn auch nicht immer rational.“
    2) „Es gibt keine Zufälle in der Politik,keine Irrationalität,wie sie so gern von den Alliierten Hitler unterstellt wird,welcher angeblich in seinem „Wahn“ die Welt erobern wollte.Wer einen solchen Unfug glaubt,der glaubt auch das Zitronenfalter Zitronen falten.“
    wo sich die mittelalterliche theologie sich noch mit dem providenz-kontingenz-problem und damit mit der frage, was gottes vorsehung sei und was davon abweiche, herum schlagen musste, hat sich hier im grunde nicht geändert und wenn, dann überhaupt zum schlechteren. schauen wir uns mal die zweite aussage an: wir haben hier einen politischen bereich, der dadurch ausgezeichnet ist, dass sich in ihm nichts zufälliges zuträgt und daher die notwendigkeit politischen handelns die bedingung der möglichkeit des ohnehin notwendigen ist. diese vermeintliche politische realität, die du beschreibst, stellt also ein horror vacui dar, in dem ein jedes mit notwendigkeit auf das vorhergehende folgt. ebensogut könntest du in diesem sinne argumentieren, dass ein göttlicher wille – die transzendente notwendigkeit höchstselbst – die geschichte formt.
    ehe ich dir einen verkappten, unbewussten theismus unterstelle: du meinst, dieser böse plan werde allein durch „umwelteinflüsse“ durchbrochen. damit ist es die natur, die dieses horror vacui der perpetuierten notwendigkeit füllt. weiters behauptest du, dass die politik „an sich“ (bei hegel gefunden?) „pausibel, wenn auch nicht immer rational“ sei. ist der bereich des politischen nun eine abfolge von notwendigkeiten, denen ein böser plan von menschenhand zugrunde liegt? das setzt voraus, dass eben jenen geheimen zirkeln alles rational (verstandesgemäß) zugänglich sei – die dubiosen „umwelteinflüsse“ freilich ausgeschlossen. ist der umstand, dass die produktionsverhältnisse unter dem kapital nicht vernunftgemäß sondern im kern irrational eingerichtet sind? das die kapitalistischen krise am ende nicht das resultat des willens eines geheimen souverän ist – sei’s die weltregierung, illuminaten, freimaurer oder zionisten – sondern das produkt eines „negativen souveräns“, den wir kapital nennen wollen und ein gesellschaftliches verhältnis zur produktion von mehrwert meint? einer herrschaftsform, die, wo wir mit ihr zwar tagtäglich konfrontiert sind, doch so abstrakt ist, dass wir uns dessen mitunter gar nicht bewusst sind und allerlei erklärungen suchen, um diesen mangel zu füllen?

    verschwörungtheorien sind voraufklärerisch zum einen in dem sinne, dass das ancien régime im 18./19. jahrhundert selbst die verschwörungstheorien um die „geheimen konspirativen zirkel“ der jesuiten oder illuminaten lancierte (Friedrich Schiller greift das im „Geisterseher“ ironisch auf). voraufklärerisch sind sie aber auch, weil die eine übergesellschaftliche macht ausmachen – eben einen gottgleichen willen – demgegenüber die menschen immer schon als opfer figurieren. ich behaupte hingegen, dass die reale, gobale herrschaftsform die des kapitals ist, die die menschen reprozudieren, indem sie waren unter dem kapitalverhältnis produzieren. die lohnabhängigkeit ist in diesen verhältnissen freilich stummer zwang und so schaffen die menschen – ob sie sich dessen bewusst sind oder nicht – ihre eigene gesellschaftliche ohnmacht, deren höchster ausdruck die gegenwärtige krise ist.
    vernunft würde dich dahin führen, diese verschränkung von rationalität und irrationalität, von wille und fremdbestimmung verstandesgemäß zu befragen und auf der grundlage einer eben vernünftigen kritik praktische möglichkeiten abzuleiten. du siehst, ich verschreibe mich dem ideal der aufklärung, dem erkenntnisgeleiteten interesse. wenn du mich nun fragen würdest, ob DU, [Y], vernünftig bist, dann will ich dir kurzerhand die antisemitische fratze entgegen halten, die auf der seite der gruppe „jewish bolshevism“ prangt (https://www.facebook.com/pages/Jewish-Bolshevism/135143833186054), der du angehörst (18:03). sie sagt weniger über das zionistische weltkomplott denn über dein eigenes defizitäres bewusstsein aus. get a life.“

    Y geht schlicht nicht auf meine Kritik ein. Anstatt dessen postet er – offensichtlich ohne auf jemandes Beitrag konkret Bezug zu nehmen – dies:

    „Der wahre Feind der Wahrheit ist nicht die Ignoranz allein,sondern insbesondere die Ilusion des Wissens .“

    Weiß man noch, was hier Überhand greift? Ist es Selbstgefälligkeit oder Selbstverleugnung?

    ---

    In der Auseinandersetzung mit der Unvernunft, die sich in den Mantel der „Theorie“ kleidet, tut sich besonders das Blog Reflexion hervor. An dieser Stelle möchte ich seinem Verfasser meine Hochachtung für sein unermüdliches Engagement aussprechen. Weiter so!

    Debtocracy (2011)

    Die Dokumentation „Debtocracy“ von Katerina Kitidi und Aris Hatzistefanou stellt die Schuldenkrise des Staates in einen umfassenden, globalen Kontext und versucht, Perspektiven einer verallgemeinerten widerständigen Praxis aufzuzeigen.

  • Offizielle Website: debtocracy.gr (Englisch)
  • Artikel auf der englischen Wikipedia
  • La beauté est dans la rue

    „During the disturbances in Paris in May 1968 students and striking workers occupied the Ecole des Beaux Artes. They set to work anonymously producing some of the most striking political graphics of the 20th Century.“

    „Meaning of Maghreb?“

    Runder Tisch anlässlich der internationalen Konferenz „Decolonization – new emancipatory struggles“ zur Bedeutung der Aufstände in Nordafrika und der Perspektive einer „Globalisierung“ emanzipatorischer Kämpfe:

    Pouring gasoline over his body and setting himself on fire in protest of the police confiscation of his fruits and vegetables, Mohamed Bouazizi, a street vendor, sparked a wave of massive protests which spread not only throughout Tunisia, but all over North Africa and the Middle East. In accordance with those events, the central round table discussion of the conference, ‘’New Emancipatory Struggles’’, questions the global power shift, but, above all, tries to emphasize the emancipation potentials of new people’s movements. All over the world, from the barricades in Athens to the mass protests in London, from the Indian Naxalites uprising to the Mexican Zapatistas, from the persevering resistance in Latin America to the new awakening of Africa, new emancipatory practices are being born which, in spite of geographical distances and some differences, still have the same marker and a common denominator. What, in this context, can we learn from Maghreb, and what are we to do?“
    [via subversivefilmfestival.com]

    An der Diskussion, moderiert von Srećko Horvat, nahmen Slavoj Žižek, Mamdouh Habashi, Samir Amin, David Harvey und Zygmunt Bauman teil.

    The Times They Are A-Changin‘

    Die plötzlichen Proteste im Vorfeld der Regionalwahlen in Spanien, die mittlerweile die spanischen Grenzen mit vielen Solidaritätskundgebungen übertreten haben, haben sich der Etablierung einer „wirklichen Demokratie“ verschrieben. Sie erheben demnach den Anspruch, demokratischer als die „Demokraten“ zu sein, die sie repräsentieren wollen. Weder möchte man sich also mit der herrschenden politischen Klasse gemein haben, die man als durchwegs korrupt apostrophiert, noch mit den Gewerkschaften, die den Ausverkauf der Reste des spanischen Wohlfahrtsstaates mitgetragen haben. Vielmehr gibt man sich betont universalistisch, und zwar mit der Absicht, die formal-demokratische Selbstbestimmung nun allseits mit einem, allerdings sehr diffusen, sozialen Inhalt zu füllen. Gleichwohl kann der Verbalradikalismus der „Bewegung 15. Mai“ und die wiederholte Phrase von der „Spanischen Revolution“ kann nicht darüber hinweg täuschen, dass die praktische Verwirklichung einer Alternative, die gegenüber der neoliberalen Phase des Kapitalismus eingefordert wird, nicht zur Hand steht. So einigt man sich vorerst darauf, was man nicht wolle. Eben dieser Umstand kommt der Bewegung in ihrer Dynamik gegenwärtig noch zugute, gleichwohl deuten sich in den reformistischen Forderungen bereits Grenzen an, die der Protestbewegung, so sie sich nicht radikalisiert, in nuce schon den möglichen Zerfall nach den Regionalwahlen anzeigen (indes liefert die „Juventud Sin Futuro“-Gruppierung fruchtbare Ansätze – ihr Manifest findet sich weiter unten). In großen Teilen der Bewegung zeichnet sich etwa eine grundlegende Ambiguität gegenüber jeglicher Parteipolitik und damit dem Parlamentarismus ab, wie„El Pais“ in einem Leitartikel vom 17.5. bemerkt:

    [I]t would be one thing to say that official politics is failing to produce an adequate response because the parliamentary and constitutional system is inherently incapable of doing so, and quite another to consider that the political parties and their leaders are failing to make effective use of the existing system.

    There is a disturbing ambiguity here, since it might suggest a questioning of the whole system, without clearly identifying the alternative- unless the latter harks back to utopias that ended in tragedy. The problem lies not so much in being inside or outside the system, as in keeping it in mind that contempt for the parliamentary and constitutional system may serve just and noble causes, but also abject ones inimical to liberty.

    Allein, es steht zur Frage, welche Freiheit hier gemeint ist. Ist es die Wahlfreiheit der repräsentativen Demokratie? Betrifft die Problematik die Parteipolitik oder nicht – grundlegender – die materielle Basis, die sie vermittelt? Stemmt sich die Freiheit, die die Bewegung des 15. Mai einklagt, nicht gegen die unerträgliche Koinzidenz der Not wie der Unmöglichkeit, die eigene Arbeitskraft innerhalb eines nicht näher bestimmten „Systems“ zu verwerten? Indes, läge wahre Freiheit nicht gerade jenseits dessen? Die folgenden Ausführungen sollen darüber ein wenig Klarheit schaffen.

    Madrid, Puerta del Sol
    [via washingtonpost.com]

    „I owe my soul to the company store…“

    Um die Qualität des Protestes näher zu bestimmen, wollen wir zunächst die Parole „No somos mercancías en manos de politicos y banqueros“ („Wir sind keine Waren in Händen der Politiker und Banker“) näher betrachten. Wir behaupten, sie verweist auf eine Radikalität, derer sich viele Beteiligte offensichtlich gar nicht bewusst sind. Wie das? Nun, zwar ist mit der Ware bereits die Grundform des materiellen Austausches in der kapitalistischen Gesellschaft benannt. Da die Parole gewissermaßen einen freien gedanklichen Raum entwirft, in dem der Mensch und Ware auseinanderfallen, denunziert sie zum Einen in aller Unversöhnlichkeit die Warenform der Arbeitskraft, als die der Mensch sich handelt, und doch bezeugen die weitgehend reformistischen Forderungen eine ideologische Verschleierung der materiellen Lebensbedingungen innerhalb der Protestbewegung. In ihrem Lichte erscheint die Parole (sie ist mitunter eine der radikalsten) zum Anderen gerade in ihrem exklusiven Bezug auf die Politiker und die Banker geradezu verwässert und unzulänglich. Diesen Eindruck will ich im Folgenden erläutern.

    Der Kern der Warenproduktion – der Pfeiler der bürgerlichen Gesellschaft – ist ein trügerisches Tauschgeschäft, das im Lichte der Verhältnisse weiter nichts ist als stummer Verwertungszwang, mag man auch glauben, es aus freien Stücken abzuschließen: es ist dies die Lohnarbeit, in der die Ware Arbeitskraft gegen Geld in der Form von Kapital getauscht wird. Um Profit zu realisieren, muss der Produzent Tauschwerte schaffen, der jenseits der Werte liegen, den er in der Form des Lohnes oder wie wir sagen: Mehrarbeit erhält. Diese Form unbezahlter Mehrarbeit ist der Mehrwert, der sich im Warentausch realisiert. Die grundlegende Ungleichheit dieses Tauschgeschäftes erweist sich darin, dass auf der einen Seite sich der Kapitalist diesen überschüssigen, virtuellen Tauschwert aneignet, wohingegen der Produzent – der Arbeiter – auf der anderen mit dem Quantum vorlieb nehmen muss, das ihn dazu befähigt, sich materiell zu reproduzieren um ein Mehr an Arbeit zu leisten: Mehr-arbeit. Gleichzeitig wird das Kapitalverhältnis, indem kapitalistisch produziert wird, nach Marx‘ Erkenntnis reproduziert:

    „Der Produktionsprozeß, im Zusammenhang betrachtet, oder als Reproduktionsprozeß, produziert also nicht nur Ware, nicht nur Mehrwert, er produziert und reproduziert das Kapitalverhältnis selbst, auf der einen Seite den Kapitalisten, auf der andren den Lohnarbeiter.“
    - Karl Marx: Das Kapital – Kritik der politischen Ökonomie, Bd. I, MEW 23, S. 604.

    Das heißt, nicht nur, dass der Mensch sich gezwungen sieht, sich entzwei zu spalten, da er seine Ware Arbeitskraft entgegen seiner Ich-Integrität im bornierten Arbeitsprozess versachlicht; eine Tätigkeit, die unter dem Rationalisierungszwang ohnedies ihrer möglichen schöpferischen, erfüllenden Qualität spottet: Im schöpferischen Akt, der Arbeit sein könnte, verwirklicht sich die konzeptionelle Idee am Gegenstand, in dem das Ich sich nun mit fremden Augen erblickte und doch in der Kontemplation des praktischen Ausdrucks seiner selbst ganz bei sich wäre. Nein, der geschaffene Wert kehrt zudem als Mehr-wert wieder, d.h. als sich selbst verwertender, prozessierender Wert oder, wie Marx schreibt, als „ein beseeltes Ungeheuer, das zu arbeiten beginnt, als hätt‘ es Lieb im Leibe“. Im Bann dieses Verwertungszwanges sind die Arbeiter, die der herrschaftliche Diskurs passend zum „Humankapital“ degradiert, „ebensosehr Zubehör des Kapitals als das tote Arbeitsinstrument. Selbst ihre individuelle Konsumtion ist innerhalb gewisser Grenzen nur ein Moment des Reproduktionsprozesses des Kapitals.“ (Karl Marx: Ebd., S. 598f. )
    Kurzum, die bestimmende Tragödie im Leben der Lohnabhängigen ist jene, dass die bornierte Tätigkeit der entfremdeten Arbeit mit der Produktion seiner eigenen warenförmigen Subjektivität zusammenfällt, die weiter nichts ist denn gesellschsaftliche Ohnmacht. In den „Ökonomisch-philosophischen Manuskripten“, also auf einer recht frühen Entwicklungsstufe seiner materialistischen Kritik, skizziert Marx den Grundwiderspruch von Arbeit und Kapital bereits wiefolgt:

    „Der Arbeiter wird um so ärmer, je mehr Reichtum er produziert, je mehr seine Produktion an Macht und Umfang zunimmt. Der Arbeiter wird eine um so wohlfeilere Ware, je mehr Waren en schafft. Mit der Verwertung der Sachenwelt nimmt die Entwertung der Menschenwelt in direktem Verhältnis zu. Die Arbeit produziert nicht nur Waren; sie produziert sich selbst und den Arbeiter als eine Ware, und zwar in dem Verhältnis, in welchem sie überhaupt Waren produziert. […] Diese Verwirklichung der Arbeit erscheint in dem nationalökonomischen Zustand als Entwirklichung des Arbeiters, die Vergegenständlichung als Verlust und Knechtschaft des Gegenstandes, die Aneignung als Entfremdung, als Entäußerung.“

    Nun liegt es auf der Hand, dass die Herrschaft der Warenproduktion nicht nur den Lohnabhängigen betrifft, sondern ebenso all die, deren Stand in oder außerhalb der Produktion sich aus diesem Abhängigkeitsverhältnis mittelbar ableitet: dies betrifft den Studenten, der verständlicherweise Angst hat, ob er sich künftig in den Verwertungsketten wird verdingen können, oder den Arbeitslosen, der daraus kurzerhand ausgesondert wird, oder die Hausfrau, deren reproduktive Arbeit in der patriarchalen Gesellschaft nicht anerkannt wird (was schlicht und ergreifend eine stillschweigende Unverschämtheit ist), oder schließlich den Immigranten, dem mitunter nicht einmal das Recht auf die bürgerlichen Verkehrsformen gewährt wird, etc. pp.!

    Denkt man die Produktionsverhältnisse vom Verhältnis zwischen der Arbeit und ihrem Produkt her, so erscheint aufseiten der Distribution die Annahme, das Finanzkapital stünde den Interessen eines mit sich selbst identischen gesellschaftlichen Trägers entgegen, der in einer recht nebulösen Auffassung die „Realwirtschaft“ repräsentiere, als blanke Mystifikation der tatsächlichen Problematik.
    Zwar ist die Unterscheidung von „Realwirtschaft“ und „Finanzmarkt“ zunächst sicherlich richtig und wichtig, und doch müssen sie als ineinander vermittelte Momente des Gesamtprozesses von Werschöpfung gedacht werden, der die Produktion von Waren (i.e. eben das Geld, er als Ware gehandelt und wir also „zinstragendes Kapital“ nennen wollen) bereits voraussetzt. Egal wie autonom die Finanzmärkte auch wirken mögen: sinnvoll lässt sich die (begründeten) Distributions- nicht von der (begründenden) Produktionssphäre voneinander abtrennen. Vielmehr gilt es, das Finanzkapital als vermittelndes Moment zwischen den fragmentierten Wertschöpfungsketten der „Realwirtschaft“ zu begreifen. Als Teilmoment hält es also den Gesamtprozess am Laufen und übernimmt dabei einen Gutteil der hier besonders offenkundig dreckigen Arbeit.
    Zweifellos sind die Finanzmärkte angesichts der weltweiten Deregulierung ungemein aufgebläht worden, sodass sie heute mitunter als das grundlegende Problem einer sonst krisenfreien Ökonomie erscheinen. Doch dabei muss doch zumindest teilweise ausgeblendet werden, dass die Finanzmärkte eine vermittelnde Rolle innerhalb einer Produktionsweise einnehmen, die sui generis auf der Virtualität oder Abstraktion von Wert basiert, die hier gewissermaßen auf die „Realwirtschaft“ zurückschlägt. Die Triebfeder der Kapitalakkumulation ist eben die logisch nicht aufzuschlüsselnde Abstraktion des sich selbst verwertenden Wertes (Mehrwert). Dies begriffslose Moment, das das zinstragende Kapital (Geld das beginnt „zu arbeiten“) prägnant vor Augen führt, beschreibt die fundamentale Irrationalität, die sich im Irrsinn der internationalen Finanzmärkte Bahn bricht, aber auf die Struktur des Gesamtprozesses verweist.
    Die Irrationalität der Mehrwertproduktion erweist sich in der zyklisch wiederkehrenden Krise. Sie ist dem Gesamtprozess strukturell eingeschrieben: so wälzt der Mehrwert beständig die Bedingungen seiner Konstituierung um, da er die Produktion rückwirkend zum Ausbau ihrer Kapazitäten anregt, was den Ausstoß erweitert usf.. Dieser ökonomische Kreislauf, den wir nach Marx die erweiterte Kapitalreproduktion nennen wollen, kehrt daher auf immer höherer Ebene gelagert wieder, schraubt sich also gleichsam spiralförmig hoch und kulminiert notwendig in der Krise. Das wiederum führt zurück auf die Produktionssphäre: denn um konkurrenzfähig zu sein, muss das Kapital den Wert der Arbeit durch Lohnkürzungen, Entlassungen oder – durch den Staat vermittelt – durch Kürzungen im Sozialbereich vermindern. Zugleich ist es auf jene akkumulierten Werte in den Händen der Lohnabhängigen angewiesen, um durch die individuelle Konsumption den geschaffenen Mehrwert zu realisieren. Somit stehen Bedingungen der Produktion von Mehrwert in Widerspruch mit der Realisierung desselben: im Groben ließe sich sagen, dass die Grenzen der individuellen Konsumption der Lohnabhängigen mit dem Ausmaß der Enteignung der von ihnen geschaffenen Werte durch das Kapital korrespondieren. Wenn die Menschen mit ihren materiellen Mitteln also den Nöten der Kapitalakkumulation nicht mehr genüge, so tritt diese latente Tendenz als manifeste Krise der Mehrwertproduktion zu Tage: dies hat sich in Spanien eben mit dem Platzen der Immobilienblase zugetragen. Doch anstatt die Entwicklung einer radikalen Kritik zu unterziehen, indem man sie auf das kapitalistische Verwertungsparadigma bezieht, scheinen hier die zahlreichen Korruptionsfälle bis heute leider allzu schwer gewichtet.

  • „Bauen gegen die Krise“ – jungle-world.com (46/2009)
  • Weil das Kapital sich immer mehr von den Bedürfnissen der Selbsterhaltung der Gattung löst und sich als die hegemoniale Herrschaftsform durchsetzt, ehe es dereinst praktisch aufgehoben wird, begreifen wir es als den negativen Souverän gesellschaftlichen Lebens. Vor diesem Hintergrund erscheint die Leier von der schlechten Repräsentation der „Bürger“ durch die Politiker (Politik eines Staates, dessen juristische Formen die Warenproduktion zum Zwecke der Profitrealisierung sichern) ebenso wie die Kritik an der vermeintlichen moralischen Verkommenheit der Finanzhaie (Finanzkapital als Instrument zur geldförmigen Vermittlung der disparaten Momente der Produktion) als ideologisches Gewäsch. Eine Kritik, die die mannigfaltigen dahinterstehenden Vermittlungen nicht problematisiert, bleibt ohnmächtig gegenüber der Funktionsweise des transnationalen Kapitals und erinnert stark an die sozialdemokratische Apologie des Bestehenden.
    Wollen wir nicht hoffen, dass die „Spanische Revolution“ das Schicksal eines bornierten Reformismus ereilt! Doch um das zu vereiteln, muss sie sich all der hier problematisierten Illusionen entledigen, die ihren emanzipatorischen Impuls hindern können und werden, sofern sie sich nicht radikalisiert. Und so wichtig der Pragmatismus dieser Protestbewegung auch ist, ihre politischen Geltung bezieht sie letztlich aus der praktischen Perspektive, die über das unmittelbare Tagesgeschäft hinausragt. Nun, nimmt man sie beim eigenen Wort, so empfehlen wir die Einsicht und den Mut zu revolutionären Forderungen.
    Lassen wir uns dazu auf ein Gedankenspiel ein. Wir wollen den Satz „Ich bin kein Produkt dessen, was ich kaufe, weshalb ich es kaufe oder von wem“ aus dem „Democracia Real Ya!“-Manifest wiefolgt umformulieren: „Ich bin kein Produkt dessen, was ich produziere (Waren), weshalb ich es produziere (Mehrarbeit, Lohn) oder wofür (Mehrwert, Profit).“ Zwar ist die Modifikation recht simpel: man sieht, die Phänomene der Distributionssphäre werden auf die sie begründende Produktionssphäre bezogen, weiter nichts. Beide Sätze verhalten sich polemisch gegenüber den Prämissen ihrer Konstiuierung, hier will jemand nicht das sein, wozu ihn die Verhältnisse machen. Doch allein den zweiten mag man radikal und revolutionär nennen. Warum? Durch die Enthüllung seiner unausgewiesenen Implikationen, die ihn von seiner ideologischen Ummantelung befreit, verhält sich der erste, modifizierte Satz jetzt expressis verbis unversöhnlich gegenüber den bürgerlichen Verkehrsformen: seine Perspektive läge jenseits der Warengesellschaft! In diesem Sinne:

    „Wir Communisten sind der Überzeugung, dass dem Subjekt die Warenform, als die seine Arbeitskraft in der Lohnabhängigkeit gehandelt wird, sich als die reale Herrschaftsform enthüllen muss, in deren Bann es im vollen Sinne des Begriffes nicht Mensch ist, sondern Ding.“

    Résumé und Perspektive

    Unsere Argumentation nahm, um zu einer ansatzweisen Analyse der gegenwärtigen Herrschaftsstrukturen zu gelangen, ihren Ausgang in der Kritik der Warenform der Arbeit wie des Produktes. Sowie sich die historische Genese der Herrschaft der modernen Bourgeoisie auf die expandieren, überregionalen Handel des städtischen Bürgertums, der schon im Mittelalter einsetzt und sich mit den bürgerlichen Revolutionen wider den Adel endgültig gegenüber den feudalen Produktionsverhältnissen löst, gründet, so erweist sich der Warentausch auch angesichts der postindustriellen Gesellschaft als der Nukleus aller spezifischen Herrschaftsformen der bürgerlichen Gesellschaft. Das heißt nichts weniger, als dass der Kampf gegen die Warenförmigkeit der gesellschaftlichen Beziehungen identisch ist mit dem Kampf gegen den expansiven Verwertungszwang, gegen die Logik des Kapitals. Im Medium der radikalen Kritik erst entwindet sich dem falschen Ganzen schemenhaft die praktische Perspektive eines Besseren, einer „wirklichen Demokratie“, deren Grundlage die demokratische Selbstbestimmung der Produktion wäre:

    „die Vernunft, die sie meinen, verlangt im Anblick des Trümmerhaufens einer darbenden Gesellschaftsformation zunächst die Aneignung der Produktionsmittel, die Etablierung der Arbeiterdemokratie über ein vertikales, zentralisiertes Rätesystem und endlich die selbstbestimmte und rational, also an den Bedürfnissen der Menschen, ausgerichtete Produktion.“

    Ob die innere Dynamik der spanischen Protestbewegung vor dem Hintergrund der drohenden Verschärfung der Krise ein in diesem Sinne radikales, kritisches Bewusstsein wird schaffen können, wird sich erweisen. Ein erster bedeutender Schritt ist getan.

    ---

    Ergänzend seien die folgenden Artikel aufs wärmste empfohlen:

  • „IT’S THE REAL DEMOCRACY, STUPID – 15th May, from Outrage to Hope“ von Tomás Herreros und Emmanuel Rodríguez von der Universidad Nómada
  • „Revolutions arrive too late or too early, but always when they’re not expected“ von Joseba Fernández, Miguel Urbano, Raul Camargo der „Izquierda Anti-capitalista“ in Madrid
  • ---

    Manifest „Democracia Real Ya!“
    [via Spreeblick]

    Wir sind normale Menschen. Wir sind wie du: Menschen, die jeden Morgen aufstehen, um studieren zu gehen, zur Arbeit zu gehen oder einen Job zu finden, Menschen mit Familien und Freunden. Menschen, die jeden Tag hart arbeiten, um denjenigen die uns umgeben eine bessere Zukunft zu bieten.

    Einige von uns bezeichnen sich als aufklärerisch, andere als konservativ. Manche von uns sind gläubig, andere wiederum nicht. Einige von uns folgen klar definierten Ideologien, manche unter uns sind unpolitisch, aber wir sind alle besorgt und wütend angesichts der politischen, wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Perspektive, die sich uns um uns herum präsentiert: die Korruption unter Politikern, Geschäftsleuten und Bankern macht uns hilf- als auch sprachlos.

    Und diese Situation ist mittlerweile zur Normalität geworden – tägliches Leid, ohne jegliche Hoffnung. Doch wenn wir uns zusammentun, können wir das ändern. Es ist an der Zeit, Dinge zu verändern. Zeit, miteinander eine bessere Gesellschaft aufzubauen. Deswegen treten wir eindringlich hierfür ein:

    ● Gleichheit, Fortschritt, Solidarität, kulturelle Freiheit, Nachhaltigkeit und Entwicklung, sowie das Wohl und Glück der Menschen müssen als Prioritäten einer jeden modernen Gesellschaft gelten.

    ● Das Recht auf Behausung, Arbeit, Kultur, Gesundheit, Bildung, politische Teilhabe, freie persönliche Entwicklung und Verbraucherrechte im Sinne einer gesunden und glücklichen Existenz sind unverzichtbare Wahrheiten, die unsere Gesellschaft zu befolgen hat.

    ● In ihrem momentanen Zustand sorgen unsere Regierung und das Wirtschaftssystem nicht dafür, sondern stellen sogar auf vielerlei Weise ein Hindernis für menschlichen Fortschritt dar.

    ● Die Demokratie gehört den Menschen (demos = Menschen, krátos = Regierung), wobei die Regierung aus jedem Einzelnen von uns besteht. Dennoch hört uns in Spanien der Großteil der Politiker überhaupt nicht zu. Politiker sollten unsere Stimmen in die Institutionen bringen, die politische Teilhabe von Bürgern mit Hilfe direkter Kommunikationskanäle erleichtern, um der gesamten Gesellschaft den größten Nutzen zu erbringen, sie sollten sich nicht auf unsere Kosten bereichern und deswegen vorankommen, sie sollten sich nicht nur um die Herrschaft der Wirtschaftsgroßmächte kümmern und diese durch ein Zweiparteiensystem erhalten, welches vom unerschütterlichen Akronym PP & PSOE angeführt wird.

    ● Die Gier nach Macht und deren Beschränkung auf einige wenige Menschen bringt Ungleichheit, Spannung und Ungerechtigkeit mit sich, was wiederum zu Gewalt führt, die wir jedoch ablehnen. Das veraltete und unnatürliche Wirtschaftsmodell treibt die gesellschaftliche Maschinerie an, einer immerfort wachsenden Spirale gleich, die sich selbst vernichtet indem sie nur wenigen Menschen Reichtum bringt und den Rest in Armut stürzt. Bis zum völligen Kollaps.

    ● Ziel und Absicht des derzeitigen Systems sind die Anhäufung von Geld, ohne dabei auf Wirtschaftlichkeit oder den Wohlstand der Gesellschaft zu achten. Ressourcen werden verschwendet, der Planet wird zerstört und Arbeitslosigkeit sowie Unzufriedenheit unter den Verbrauchern entsteht.

    ● Die Bürger bilden das Getriebe dieser Maschinerie, welche nur dazu entwickelt wurde, um einer Minderheit zu Reichtum zu verhelfen, die sich nicht um unsere Bedürfnisse kümmert. Wir sind anonym, doch ohne uns würde dergleichen nicht existieren können, denn am Ende bewegen wir die Welt.

    ● Wenn wir es als Gesellschaft lernen, unsere Zukunft nicht mehr einem abstrakten Wirtschaftssystem anzuvertrauen, das den meisten ohnehin keine Vorteile erbringt, können wir den Missbrauch abschaffen, unter dem wir alle leiden.

    ● Wir brauchen eine ethische Revolution. Anstatt das Geld über Menschen zu stellen, sollten wir es wieder in unsere Dienste stellen. Wir sind Menschen, keine Produkte. Ich bin kein Produkt dessen, was ich kaufe, weshalb ich es kaufe oder von wem.

    Im Sinne all dieser Punkte, empöre ich mich.
    Ich glaube, dass ich etwas ändern kann.
    Ich glaube, dass ich helfen kann.
    Ich weiß, dass wir es gemeinsam schaffen können.

    Geh mit uns auf die Straße. Es ist dein Recht.

    ---

    Manifest der „Juventud SIN Futuro“

    YOUTH WITHOUT A FUTURE
    [via juventudsinfuturo.net]

    We, the youth without a future, are adressing the public opinion to show our disagreement with the policy of social cuts of the government and the serious consequences for the future which they represent: the best prepared youth in our history will live in worse conditions then their parents.

    The aggression against the young community in a capitalist crisis scenario, with a youth unemployment rate of 40%, the highest in the EU, consists mainly of three government measures:

    • The Labour reform, which increases the temporality of our work contracts, working flexibility, and involves the end of collective bargaining, making us precarious workers for the rest of our lives.

    • Reform of the pension system, which delays the retirement age, reduces the amount of our future pensions and makes it even more difficult for us to find a decent job. All this bring for us a no future situation in our horizon.

    • The commodification of public education that advocates for private profitability instead of education and knowledge. An elite university for a few ones and a factory of precarious individuals for the large majority, with measures that impose a new exam to acces university hampering the access to it and causing the degradation of vocational education.

    We are the youth which the economic elites and our government policies want us to become the generation without skills, without jobs, without a decent pension. Those who, besides, won‘t have a house in a lifetime since speculators turned the housing right into a business. An economic growth model that failed and brought up us this crisis. We have become aware that the measures to get out of this economical crisis have been done through a constant socialization of the losses.

    Against this way out of the crisis by the right, we, the precarious generation, point at the responsible for that crisis and demand to be heard.

    We want back our capacity to be actors in the engine of change, resisting a country of precariousness, unemployment and privatization of our education. We are also aware that protests are necessary. Italy, France, Greece or Iceland teach us mobilization is a must. The Arab world proves victory is possible.

    So we call for a cycle of protests to get the voice of the youth back on the streets and we extend it to the whole civil society. We do not trust them, we know this will only be solved without the participation of those that caused this crisis. We urge to a collective protest, to reclaim our right to dissent, to rebuild our future.

    The undersigned, students and academic community members, young workers, social movements, proffessionals from the science, technology, culture and arts communities support with our signatures this call for mobilization.

    “You have taken too much from us, now we want it all”

    ---

  • Süddeutsche Zeitung: „Proteste im Wahlkampf Spanische Revolution“
  • Junge Welt: „Widerstand auf spanisch“
  • Washington Post: „Spanish demonstrations continue around country for fourth day“
  • Taz: „Jugendproteste in Spanien – Demonstrieren ist illegal“
  • Spiegel: „Spanien verbietet Proteste gegen Wirtschaftskrise“
  • „Wenn Spanier keine ,Ware von Politikern und Bankern‘ mehr sind“ – linksunten.indymedia.org
  • ---

    Zudem meine Analyse der sozialen Kämpfe in Griechenland, in deren zweiten Teil ich versuche, eine Art revolutionärer Epistomelogie zu entwickeln: „Angelus Novus“