„Säuberung aus hygienischen Gründen“

Sei es wegen der spontanen Hygienebedürfnisse der katalanischen Generalitat oder der gewiss nicht zu unterschätzenden Gefahr von Übergriffen marodierender Fußballfans auf die Demokraten der Plaça de Catalunya: heute, da die gütigen G8 beschlossen, den nordafrikanischen Revolutionsstaaten (Syrien, Saudi-Arabien oder Bahrain sind davon freilich ausgeschlossen!) mit 20 Milliarden Dollar unter die Arme zu greifen, knüppelte die hiesige Despotenriege ihrerseits Demokraten bis aufs Blut: Am frühen Morgen ging die Bereitschaftspolizei auf der Plaça de Catalunya in Barcelona gegen die Demonstranten vor, die dort ihr Zeltlager aufgeschlagen hatten, um im Vorfeld der Regionalwahlen in Spanien auf die sozialen Missstände und die Korruption der bürgerlichen Parteipolitik aufmerksam zu machen. Nun, da die Regionalwahlen vorbei sind und die, sei’s auch gewaltsame, Räumung eines der größten Protestcamps politisch opportun scheint, wird ordentlich aufgeräumt – um „Sicherheit und Sauberkeit zu gewährleisten“, wie Artur Mas, Präsident der Generalitat, versichert (Quelle: La Vanguardia). Die „hygienischen Bedingungen“ liegen ihm also besonders am Herzen und dies ist gewiss ein sittlicher Imperativ, den auch der gescheitelte Deutsche ehrt.

Die folgenden Videos und Photos dokumentieren den Verlauf des Nachmittages: 1) von den abscheulichen Übgriffen der katalanischen Bereitschaftpolizei, über die vorläufigen Vertreibung der Demonstranten sowie 2) der Räumung des Protestcamps, bis hin zur 3) Neugruppierung und der hoffentlich endgültigen Vertreibung der katalanischen Bereitschaftspolizei unter der Parole „No tenemos miedo!“ („Wir haben keine Angst!“). Nun, gegen Abend hin füllte sich 4) die Plaça de Catalunya schließlich mit tausenden „Indignados“ aus ganz Barcelona, um diesem Staat ein weiteres Mal zu zeigen, wo der Hammer hängt!

Nach der Zurückhaltung im Vorfeld der Regionalwahlen zeigen diese Übergriffe gewiss eine neue Qualität der Gewalt an, denn selten hat man die Exekutive mit einer solch bestechenden Umtriebigkeit auf eine friedliche Menschenmenge eindreschen – vulgo die Pflicht im bürgerlichen „Rechtsstaat“ vollstrecken – sehen. Das bezeugen die Aufnahmen. Sie haben den medialen Fokus wieder auf die Protestbewegung gerichtet, die im Fahrwasser der Regionalwahlen bereits an Aufmerksamkeit zu verlieren drohte. Josep María Antentas (Soziologe, Autonome Universität Barcelona) und Esther Vivas (Mitglied des „Centre for Studies on Social Movements“, Universtität Pompeu Fabra, Barcelona) schreiben im Artikel „Camp Barcelona: V for victory“: „After a loss of media centrality last week, once the municipal and regional elections were over, the police attack on the camp in Barcelona has again given an important visibility to the movement of ‚los indignados‘.“

Zugleich eignen die Bilder von der Plaça de Catalunya auch die Parole „No somos antisistema, el sistema es antinosotros!“ (in etwa: „Wir sind nicht gegen das System, das System ist gegen uns!“) einer neuen Qualität zu. Sie sind Sinnbilder der Ideosynkrasie und der Gewalt, die sich über der Benennung des gesellschaftlichen Wider-spruches entlädt. Hier soll ein öffentlicher Gegendiskurs, den der Apparat nicht integrieren kann, kurzerhand hinweggefegt werden (darin erweist sich der latente Bezug zur Durchsetzung hygienischer Bestimmungen). Die gezielte Eskalation darf somit zum einen als Warnung, zum anderen als offenes Eingeständnis der Krise in der politischen Repräsentation verstanden werden. Mehr noch, im nunmehr offen betriebenen Staatsterror wird somit endlich die innige Verschlingung von Sinnlosigkeit und Gewalt (oder sind sie, um mit Max Horkheimer zu fragen, „nicht zuletzt ein und dasselbe?“) offenbar, die die kapitalistische Staatsraison definiert.
Somit bleibt zu hoffen, dass sich der Protest der „versteckten“ radikalen Kritik, die er artikuliert, inne wird (eine Perspektive, die ich versucht habe, im Artikel „The Times They Are A-Changin‘“ ansatzweise heraus zu arbeiten). Dabei dürften die Camps und Stadtteilversammlungen, die sich vielerorts gebildet haben, eine wichtige Rolle spielen. In ihnen fokalisiert sich der spontane öffentliche Diskurs, der weiter vertieft werden sollte, um den Protest inhaltlich voran zu bringen. Nun, Antentas und Vivas umreißen die Herausforderungen und seine Perspektiven wiefolgt:

„It is impossible to know how long the camps and assemblies in the squares will last, but this is not a temporary or islated movement. It is the tip of the iceberg of an accumulated social unrest that is beginning to become a mobilization. The camps and occupations of the squares should not be analyzed as ends in themselves. They act now simultaneously as symbolic reference points and base of operations, a lever to propel future mobilizations and a loudspeaker to amplify ongoing struggles. […] Almost two weeks after 15M and the beginning of the camps the movement of our small “May 2011” faces several challenges. The first, to continue territorializing, building the assemblies in the neighbourhoods and cities and encouraging popular self-organisation. The second, to increase efforts to seek ties with the working class, workplaces in struggle and combative trades unionism and thus keeping the pressure on major unions, baffled by a movement that they did not expect and which radically challenges their orientation towards social dialogue. The third, completing the momentum of the camps with a unifying date of powerful mobilization in the Spanish state as a whole and, as far as possible, at the international level. […] Today has been decisive for breathing energy, raise new solidarities and redoubling the motives of indignation. It is important now to think strategically and collectively about the next step.“

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1)

Fotostrecke von elpais.com

Zwei gräuliche Fotos von flickr.com: I, II

2)

3)


[via estaticos.elperiodico.com]

4) Ergebnis:

[via efrog.com]

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Nachtrag vom 30.5.2011: