Angelus Novus

Angesicht der globalen Krise befindet sich die Welt in einem gesellschaftlichen Gärungsprozess, dessen Wucht der arabische Frühling bereits vor Augen führt. Doch wo in dessen Rahmen sich zunächst bürgerliche Demokratien im Kampf gegen die personale Despotie etabliert haben, tritt dieser globale Prozess in den fortgeschrittensten kapitalistischen Gesellschaften allerdings in anderer Form, mit anderen Inhalten, zutage: diese sozialen Kämpfe sind im Zuge des Niedergangs der bürgerlichen Gesellschaft auf die Befreiung von der Logik des Kapitals hin gespannt. So ist die gegenwärtige kapitalistische Krise die Krise des Spätkapitalismus selbst. Seine grundlegenden Widersprüche treten in den Ländern, die dem Abgrund am nächsten stehen, in aller Irrsinnigkeit und daher voller Klarheit zutage. Deshalb wollen wir zunächst die Situation der griechischen Gesellschaft und die Widersprüche der transnationalen Kapitalien umreißen. Im Rahmen dieser Bezugssysteme wollen wir uns der widerständigen Praxis des Generalstreiks aus einer erkenntistheoretischen Perspektive nähern.

Der griechische Staat, wie die meisten fortgeschrittenen Industriestaaten, sieht sich mit einer Krise konfrontiert, die seine Funktionsweise selbst zu beeinträchtigen droht. Eine bewusste und organisierte Bewegung der Lohnabhängigen – vom Industrieproletariat bis hin zu den Angestellten im Dienstleistungssektor – ist offensichtlich nicht gewillt, die Austeritätspolitik hinzunehmen, die die EU und der IWF im Zuge der griechischen Hilfskredite der sozialistischen Regierung unter Giorgos Papandreou oktroyieren. Dies hat der Generalstreik vom 11. Mai mit überwältigendem Erfolg ein weiteres Mal gezeigt.

  • zur Einbindung der Angestellten im öffentlichen Dienstleistungssektor – eine erstaunliche Erklärung in Reaktion auf die widerwärtige Brutalität der Athener Polizei: „Announcement of Hospital Doctors Union (Local Branch of Nikaia General Hospital)“occupiedlondon.org
  • Die Niederlegung der Arbeit trifft die empfindlichste Stelle eines Staates, der notwendig darauf angewiesen ist, gerade in der Beschneidung der individuellen Konsumption, etwa durch die Kürzung von Löhnen im öffentlichen Sektor, das Einfrieren von Renten (was de facto auch eine Kürzung bedeutet) oder der Erhöhung der Mehrwertsteuer, im Angriff auf die Lohnabhängigen den Staatsbankrott abzuwenden. Doch die griechische Wirtschaft, die in den ersten drei Monaten dieses Jahres zwar um 0,8% gewachsen ist, aber deren Arbeitslosenrate neuerdings bei 15,9% liegt (Quelle: Athens News), hat, auch bedingt durch die unerbittliche Sparpolitik, die den bescheidenen Aufschwung abwürgen könnte, realistischerweise über Jahre hinweg nicht die Kraft, ein Wachstum zu generieren, das über dem Niveau der Zinsen auf die staatlichen Schuldscheine liegt. Selbst wenn dem griechischen Staat der Zugang zum Staatsanleihenmarkt offen stünde, müsste er für Bonds mit zweijähriger Laufzeit untragbare Zinsen von 23,4 Prozent bieten. Zum Vergleich, die Rendite vergleichbarer Bundesanleihen beläuft sich auf 1,8 Prozent. so offenbart die Kreditwürdigkeit einer fortgeschrittenen westlichen Industriegesellschaft, die wie die griechische nach Einschätzung der Ratingagentur Standard & Poor’s auf der selben Stufe wie der Kenias und gar noch unterhalb der der Mongolei rangiert, die krasse Ungleichzeitigkeit der Entwicklung, die die Währungsunion zu zerreissen droht. Angesichts dieser unheilvollen Konstellation ist eine kontinuierliche Neuverschuldung des Staates, der gegenüber es unmöglich sein dürfte, die Schuldenmasse auf ein tragbares Niveau zu reduzieren, ohne den berüchtigten „Haircut“, also eine Teilumschuldung der staatlichen Kredite, zu wagen, was selbst bürgerliche Ökonomen und Fondsmanager kaum noch anzweifeln, wie Reuters ermittelte.
    Ohne hinreichendes Wirtschaftswachstum klammert sich die griechische Regierung als willfähriger Büttel der ach so gütigen Helfer eine drakonische Sparpolitik zur Wiederaufrichtung der Kredibilität des Staates, damit die Abwendung der Umschuldung die Weltwirtschaft davor bewahre, in den nächsten Krisenzyklus zu geraten, dessen mögliche Folgen bereits mit dem globalen finanziellen Kollaps nach der Pleite der Lehman Brothers verglichen wird. So würde das griechische Bankensystem bei einer Umschuldung vollkommen darnieder liegen. Ebenso würde ein Zahlungsausfall dieser Größe ein globales Bankensystem treffen, das auch nach dem Basel III-Abkommen gegen den massiven Liquiditätseinbruch nicht hinreichend abgesichert scheint. Die EU-Hilfen, die heute schon gegen den Widerstand der Bevölkerung vieler EU-Staaten lanciert wurden, würden, da sie im Falle des Kollaps des griechischen Bankensystems ausgedehnt werden müssten, wahrscheinlich endgültig versiegen, was selbstverständlich noch einen viel größere fiskalische Einschnitte erfordern würde. Nun, die Folgen für Irland und Portugal, ja selbst Spanien, Italien oder Belgien, sind heute unklar, doch man annehmen, dass die gesamte Chose den Bach runter gehen wird, da das „Krisenlabor Griechenland“ als lodernde Lunte im Pulverfass die Vorhut des verallgemeinerten Verhängnisses darstellt.
    Kein Politiker, der sich halbwegs bei Verstand wähnt, möchte es auf eine Umschuldung ankommen lassen, zumal ein Schuldenschnitt den französischen Staat, der nach Berechnungen von der „Bank for International Settlements (BIS)“ über 20 Milliarden Euro an griechischen Schuldscheinen hält. Rechnet man die Darlehen, die Rückkaufgarantien und ausstehende Kreditzahlungen des privaten Sektoren hinzu, stehen allein in Frankreich sogar Zahlungsansprüche von über 92 Milliarden Euro ins Haus. (Quelle: Athens News) Indessen sind die Liquiditätshilfen, die den Schuldenschnitt abwenden sollen, zunehmend unpopulär. Somit ist die europäische Einheitsfront längst schon am bröckeln, zumal rechtspopulistische Bewegungen europaweit an Fahrt gewinnen. (In der totalen Verweigerung, dieser unsäglichen und fast schon bemitleidenswerten Blauäugigkeit, begehen die Kinder des Systems Vatermord, wo sie diesen doch vorgeblich zu verhindern suchen. Die Mystifizierung des Kapitalismus und daher die Regression auf seine aggregierten, unvermittelten ideologischen Versatzstücke verlangen es, die Ratlosigkeit ihres ökonomischen Liberalismus angesichts seiner überkommenen materiellen Grundlage mit den schlichtesten rassistischen Parolen zu übertönen. Man nehme die niederländische Partij voor de Vrijheid, die schwedischen Sverigedemokraterna oder die Freiheitliche Partei Österreichs. Was den Menschen ins Haus steht, wenn die faschistoiden Marionetten die Regierungsgewalt in die Hand nehmen, sieht man in Ungarn mit der Fidesz: es folgt die Errichtung einer autokratischen Herrschaftsform zur Unterdrückung des gesellschaftlichen Antagonismus, dessen Auslagerung auf Randgruppen im Inneren oder den äußeren Feind und, damit verbunden, die Mystifizierung der geschichtlichen „Mission“ der sei’s rassisch, sei’s kulturalistisch begründeten Volksgemeinschaft.)

    Die griechische Misere hat ihren Ursprung im ökonomischen Ungleichgewicht von Zentrum und Peripherie im Euro-Raum. Denn angesichts eines Exportüberschusses etwa auf deutscher und dem damit verbundenen Außenhandelsdefizit auf griechischer Seite scheitert der Anspruch der Griechen auf Wohlstand im Schoße Europas im Kern gerade am Wohlstand der Anderen. In diesem Spannungsfeld ist der Generalstreik ein Affront nicht nur gegenüber der Regierung und dem Staat, den sie verwaltet, sondern darüber hinaus angesichts des internationalen Charakters der Problematik, eine praktische Kritik an den Verwerfungen des transnationalen Kapitals und damit wesentlich universalistischer, antikapitalistischer Natur, mögen in dessen Zuge auch reformistische Forderungen gestellt werden. Denn anstatt einem bornierten Nationalismus zu verfallen, hat der zweite Gerenalstreik dieses Jahres das Land ein weiteres Mal lahmgelegt: „eine erste Antwort“ auf die Pläne zur Verschärfung der Sparpolitik.

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    „Ein Sturm weht vom Paradiese her“

    Mit der Tertiärisierung der Industriestaaten verallgemeinert sich der Begriff des einstigen Proletariats zur Klasse der Lohnabhängigen, die sowohl die produktiven Arbeiter wie die unproduktiven „Zirkulationsarbeiter“, die mit dem reibungslosen Ablauf des Gesamtprozesses betraut sind, oder die Angestellten im Dienstleistungssektor umfasst (vgl. Hans-Günter Thien: „Die verlorene Klasse – ArbeiterInnen in Deutschland“, Münster 2010). In ihr schlägt sich nun die maßgeblich apersonale Herrschaftform des Kapitals nieder, die ohne das Privateigentum an den Produktionsmitteln und damit ohne dem Prinzip der Mehrwertproduktion, derer sich der Staat eben in vermittelter Form annimmt, schlicht nicht zu denken ist. Zugleich sind es die Lohnabhängigen selbst, „die ihre Arbeitskraft gegen Geld in der Form von Kapital tauschen“ (Thien 2010, S. 41). Die Erkenntnis dieses Widerspruchs von der Produktion der realen Ohnmacht eben durch die entfremdete Arbeit – die Erkenntnis, die wir Klassenbewusstsein nennen wollen – vermittelt dem gesellschaftlichen Ganzen jenseits aller ideologischen Verfremdungen das Bewusstsein seiner materiellen Grundlage und Funktionsweise, seiner Grenzen und Möglichkeiten. Diesen Gedanken wollen wir nun entfalten.

    Ob befristete Leiharbeit, Lohn- oder Rentenkürzungen, Einsparungen im Gesundheitsbereich oder der Bildung: all die garstigen Mittel, den Wert lebendiger Arbeit über die Drosselung der individuellen Konsumption zu Gunsten der verfügbaren Kapitalmasse mindern, führt dem Produzenten seinen Status als Objekt der Verfügung vor Augen, das als bloße Ware auf die Wertigkeit unbelebter Materie nivelliert scheint. Sein Schicksal ist, wie Georg Lukács im Essay „Die Verdinglichung und das Bewußtsein des Proletariats“ in Bezug auf das Industrieproletariat darlegt, „für den Aufbau der ganzen Gesellschaft typisch“ und offenbart die „Selbstobjektivierung, dieses Zur-Ware-Werden einer Funktion des Menschen, den entmenschten und entmenschlichenden Charakter der Warenbeziehung in der größten Prägnanz.“ Der Lohnarbeiter ist heute, wie einst der Industrieprolet, das Erkenntnissubjekt des gesellschaftlichen Ganzen:

    „Sein [des Arbeiters] unmittelbares Sein stellt ihn […] als reines und bloßes Objekt in den Produktionsprozeß ein. Indem sich diese Unmittelbarkeit [der Warenform] als Folge von mannigfaltigen Vermittlungen erweist, indem es klar zu werden beginnt, was alles diese Unmittelbarkeit voraussetzt, beginnen die fetischistischen Formen der Warenstruktur zu zerfallen: der Arbeiter erkennt sich selbst und seine eigenen Beziehungen zum Kapital in der Ware. Soweit er noch praktisch unfähig ist, sich über diese Objektsrolle zu erheben, ist sein Bewußtsein: das Selbstbewußtsein der Ware; oder anders ausgedrückt: die Selbsterkenntnis, die Selbstenthüllung der auf Warenproduktion, auf Warenverkehr fundierten kapitalistischen Gesellschaft.“
    - Georg Lukács: „Die Verdinglichung und das Bewußtsein des Proletariats“, in: „Geschichte und Klassenbewußtsein“, Darmstadt/Neuwied 1983, S. 295.

    Der Kern der Einsicht, dass weder die reformistische PASOK noch eine andere bürgerliche Partei die drängenden Probleme wird lösen können, liegt in der Enthüllung der Herrschaft partikularer Interessen innerhalb der bürgerlichen Gesellschaft, die sich in den ideologischen Schleier des Allgemeinen kleiden. So finden wir mit dem alten ökonomischen Liberalismus, der im Neoliberalismus eine späte Blüte erlebte, eine geschichtlich spezifische Ideologie vor, der das Einzelinteresse als mit dem allgemeinen identisch gilt, jedoch nur in dem Sinne, dass sie aufseiten der Arbeiter die Verwertung der Ware Arbeitskraft als die Wirklichkeit der bürgerlich-formalen Freiheit denkt.
    Diese Freiheit bedeutet aber weiter nichts als den stummem Zwang, dem bei Untergang des Einzelnen genüge getan werden muss – zu Konditionen, die weder der Arbeiter bestimmt, noch im Kern Ausdruck des Willens der ausbeuterischen Klasse ist. Denn der Bourgeoisie ihre eigene Verlogenheit vorzuhalten, mag im politischen Kampf sicherlich sinnvoll sein. Eine radikale Kritik muss indes tiefer gehen: mit Marx betrachten wir die herrschende Klasse als „Charaktermaske des Kapitals“, die sich seiner Macht weitgehend unterworfen sieht, zumal in Zeiten der Krise, die weder Produkt der Gier weniger, noch der übermäßigen Konsumption weniger ist. Es gilt zu erkennen, dass die Krise Resultat einer Produktionsweise ist, die sich durch die Verwertung von Wert – Mehrwert – auszeichnet. Doch dem prozessierenden Wert steht der gesellschaftlichen Reichtum der Produzenten gegenüber, die zu beschneiden das Kapital notwendig angewiesen ist, damit es sich reproduziere: diesen sich mal um mal zuspitzenden und in der Krise sich entladenden Widerspruch „zwischen den Bedingungen, worin dieser Mehrwerth producirt, und den Bedingungen, worin er realisirt wird“ („Das Kapital – Kritik der politischen Ökonomie, Dritter Band“) nannte Marx das „Gesetz der fallenden Profitrate“.
    Um die Kapitalkontraktion, die die Krise in der Mehrwertproduktion meint, zu beheben, müsste die individuelle Konsumption über Lohnerhöhung oder die Sozialpolitik angekurbelt werden: hier finden sich in der bürgerlichen Ökonomie die Keynesianer ein. Was zunächst so einleuchtend scheint, wird erschwert durch die immanenten Widersprüche des Systems: Denn das nationale Kapital (der Einfachheit halber wollen wir hier das transnationale Kapital unterschlagen) steht nun freilich in Konkurrenz zu den anderen nationalen Kapitalien, weshalb die Mehrwertproduktion im eigenen Land – auf Kosten des Wertes der Arbeit – belebt werden müsse: der Neoliberalismus lässt grüßen. Seine letzten verzweifelten Ausläufer dürfen in Europa die drakonischen Sparprogramme sein. Damit tritt der Grundwiderspruch von Arbeit und Kapital in Zeiten der Krise, die nicht die Ausnahme ist, sondern die Regel selbst, klar hervor: das Versprechen der bürgerlichen Freiheit meint die brutale, warenförmige Verwertung des unter seiner bloßen Produktivität subsumierten, geschundenen Leibes des Lohnabhängigen. Wir sehen, wie die bürgerliche Gesellschaft immer weniger fähig ist, selbst dies kümmerliche Recht zu stützen, gilt es doch tendenziell nur in Zeiten der Prosperität und des Burgfriedens der Klassen. Beides scheint mit der Krise des Spätkapitalismus unwiderruflich verloren.
    Doch wo sich das subjektive Bewusstsein gegen die Transformation der objektiven materiellen Grundlage sperrt, da droht emminente Gefahr. Denn die „Sachzwänge“, denen ohnmächtig entsprochen wird, verlangen von Neuem nach dem gesellschaftlichen Blutopfer: „Arbeit macht frei“ sagt der deutsche Faschismus zynisch, der unerbittlichste, mörderischste Krisenverwalter aller; „Wahrheit macht frei“ skandieren sie heute, da sie, die Unbelehrbaren, einfordern, was sei nicht verstehen: die unheilvolle Verschlingung von Gewalt und Sinnlosigkeit, die das Kapital meint!

    Wir Marxisten sehen die Ware als die „Universalkategorie des gesamten gesellschaftlichen Seins“ (Georg Lukács) und somit als die Wurzel an, die radikale Theorie und Praxis packen muss. In dieser Reflexion auf die Vermittlung der von den materiellen Verhältnissen bestimmten Basisstruktur und der auf sie bezogenen ideologischen Formen, erweist sich die wahrhaftige Materialität der gesellschaftlichen Wirklichkeit jenseits aller Mystifizierung. So sind der Überzeugung, dass dem Subjekt die Warenform sich als die reale Herrschaftsform enthüllen muss, in deren Bann es im vollen Sinne des Begriffes nicht Mensch ist, sondern Ding.

    Deshalb setzen wir auf den Generalstreik: er erreicht das höchste Maß an materieller Wahrhaftigkeit, indem er die Funktionsweise der Produktion radikal packt, was die Entschleierung des so hartnäckig mystifizierten Klassenantagonismus, dessen Zuspitzung allzu oft als bloßes Kommunikationsproblem dargestellt wird, bereits voraus setzt. Denn wo die Produzenten die sie beherrschende gesellschaftliche Macht – das Kapital – und somit ihre eigene Ohnmacht reproduzieren, indem sie produzieren; wo die verallgemeinerte Warenproduktion (was die warenförmigen Dienstleistungen natürlich mit einschließt) die Gesamtheit der Lohnabhängigen als unterdrückte Klasse und somit die grundlegende gesellschaftliche Herrschaftsform konstituiert, da antizipiert die partielle Arbeitsniederlegung schon die praktische Aufhebung der Klassengesellschaft und aller ihr vermittelten Erscheinungsformen von Knechtschaft:

    „Aus dem Verhältnis der entfremdeten Arbeit zum Privateigentum folgt ferner, daß die Emanzipation der Gesellschaft vom Privateigentum etc., von der Knechtschaft, in der politischen Form der Arbeiteremanzipation sich ausspricht, nicht als wenn es sich nur um ihre Emanzipation handelte, sondern weil in ihrer Emanzipation die allgemein menschliche enthalten ist, diese ist aber darin enthalten, weil die ganze menschliche Knechtschaft in dem Verhältnis des Arbeiters zur Produktion involviert ist und alle Knechtschaftsverhältnisse nur Modifikationen und Konsequenzen dieses Verhältnisses sind.“
    - Karl Marx: „Ökonomisch-philosophische Manuskripte“, 1. Manuskript

    Nicht erst, seitdem die Schergen englischer Kapitalisten streikende Proletarier zurück an die Arbeitsplätze prügelten, wie Engels in „Die Lage der arbeitenden Klasse in England“ von 1844/1845 beschreibt, gilt ihnen wie uns unumstößlich, dass die subjektiven Grenzen der Misere der Lohnarbeiterschaft die objektiven Grenzen der Produktionsweise markieren. In diesem Sinne erkennen wir im militanten Generalstreik den höchsten Ausdruck der Selbsterkenntnis der fortgeschrittenen kapitalistischen Gesellschaft und damit des geschichtlichen Fortschrittes des Menschheit: da die unversöhnliche Opposition im Bewusstsein ihrer gesellschaftlichen Macht das dräuende Verhängnis praktisch verneint, antizipiert sie die Verwirklichung eines Anderen, Besseren auf dem Boden des Faktischen: die Vernunft, die sie meinen, verlangt im Anblick des Trümmerhaufens einer darbenden Gesellschaftsformation zunächst die Aneignung der Produktionsmittel, die Etablierung der Arbeiterdemokratie über ein vertikales, zentralisiertes Rätesystem und endlich die selbstbestimmte und rational, also an den Bedürfnissen der Menschen, ausgerichtete Produktion.

    Unsere Solidarität gilt dem Willen der revolutionären griechischen Lohnarbeiter, sich der duldenden, kontemplativen Objektrolle zu entwinden und als handelnde Subjekte, als lebendige Menschen gegen die „Herrschaft der toten Materie über den Menschen“ (Marx) – gegen das Kapital als dem negativen Souverän der Gesellschaft – im Sinne aller zu kämpfen, um den Universalismus vom Menschen ausgehend zu verwirklichen, der die Totalität seines Werdens als übergeordnetes Prinzip, als Selbstzweck, setzt. Denn um mit Marxens Worten zu fragen:

    „Was ist der Reichtum anders, als die im universellen Austausch erzeugte Universalität der Bedürfnisse, Fähigkeiten, Genüsse, Produktivkräfte etc. der Individuen? Die volle Entwicklung der menschlichen Herrschaft über die Naturkräfte, die der sog. Natur sowohl wie seiner eignen Natur? Das absolute Herausarbeiten seiner schöpferischen Anlagen, ohne andre Voraussetzung als die vorhergegangne historische Entwicklung, die diese Totalität der Entwicklung, d.h. der Entwicklung aller menschlichen Kräfte als solcher, nicht gemessen an einem vorhergegebnen Maßstab, zum Selbstzweck macht? Wo er sich nicht reproduziert in einer Bestimmtheit, sondern seine Totalität produziert? Nicht irgend etwas Gewordnes zu bleiben sucht, sondern in der absoluten Bewegung des Werdens ist? Wo er sich nicht reproduziert in einer Bestimmtheit, sondern seine Totalität produziert? Nicht irgend etwas Gewordnes zu bleiben sucht, sondern in der absoluten Bewegung des Werdens ist?“
    - Karl Marx: „Grundrisse der Kritik der politischen Ökonomie“

    Wir sind der Ansicht, dass die antithetische Klasse der Lohnabhängigen und aller Unterdrückten, Marginalisierten und Ausgesonderten – in einer Abwandlung eines Zitats von Horkheimer und Adorno aus der „Dialektik der Aufklärung – lehrt, in den Zügen des gesellschaftlichen Ganzen „das Eingeständnis seiner Falschheit lesen, das ihm seine Macht entreißt und sie der Wahrheit zueignet“. Eben diesen dialektischen Gedanken finden wir bei Walter Benjamin, in seinen Geschichtsthesen, mit der wunderbaren Allegorie des „Engels der Geschichte“, dessen Bewegung er im Paul Klees Gemälde „Angelus Noves“ zu erkennen meint: „Seine Augen sind aufgerissen, sein Mund steht offen und seine Flügel sind ausgespannt. Der Engel der Geschichte muß so aussehen. Er hat das Antlitz der Vergangenheit zugewendet. Wo eine Kette von Begebenheiten vor uns erscheint, da sieht er eine einzige Katastrophe, die unablässig Trümmer auf Trümmer häuft und sie ihm vor die Füße schleudert. Er möchte wohl verweilen, die Toten wecken und das Zerschlagene zusammenfügen. Aber ein Sturm weht vom Paradiese her, der sich in seinen Flügeln verfangen hat und so stark ist, daß der Engel sie nicht mehr schließen kann. Dieser Sturm treibt ihn unaufhaltsam in die Zukunft, der er den Rücken kehrt, während der Trümmerhaufen vor ihm zum Himmel wächst. Das, was wir den Fortschritt nennen, ist dieser Sturm.“

    Paul Klee - Angelus Novus

    Möge der griechischen Bewegung die Einsicht und lebendige Kraft zuteil werden, die verhärteten Zustände zu lösen und den Nebelflug ins Ungewordene zu wagen, das im Schoße des Faktischen seiner Wirklichkeit harrt: Utopie! Ihre Bedingung und Möglichkeit aber wäre die Freiheit, das Glück des Anderen als die Bedingung des je eigenen zu denken – die Freiheit zur Versöhnung.

    Für die Durchbrechung der schlechten Immanenz des Bestehenden! Für den Communismus!

    Hoch die internationale Solidarität!

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    Neben den Kundgebungen der größten griechischen Gewerkschaft GSEE im Privatsektor und der Gewerkschaft der öffentlichen Angestellten ADEDY, organisierte die „mit Abstand größte“ Kundgebung indes die PAME, die der griechischen KP (KKE) nahe steht. Eine bedeutende Rolle spielt auch das linke Wahlbündnis „Koalition der Radikalen Linken“ (SYRIZA).

  • Erklärung der PAME zum Generalstreik von 11 Mai: „We refuse to make further sacrifices for the plutocracy. STRIKE on MAY 11″pamehellas.gr
  • „SYRIZA: Neue linke Kraft in Griechenland im Aufwind Interview mit Christina Ziaka von Xekinima, der griechischen Sektion des CWI.“Infopartisan (außerdem ein schönes Plakat der SYRIZA aus dem Jahre 2007
  • Seit Jahren hat sich auf breiter Basis zudem ein Bündnis zwischen der Bewegung der Lohnarbeiterschaft und eine breite Masse progressiver Studierender formiert:

  • „Greek Student strike — 90% of universities occupied, shut down — An Interview with Justice“ (2006)socialistalternative.org
  • „Greece: new wave of student protests against privatisation of universities“ (2007)marxist.org
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  • Eine Analyse des Generalstreiks vom 11. März 2010 und, allgemeiner, der Frage nach Reformismus und Radikalismus innerhalb der griechischen Arbeiterbewegung: „Greece: March 11 general strike – conclusions and tasks“ – marxist.org
  • Ein wirklich lesenswerter Artikel zur ökonomischen Lage Griechenlands: „Europe’s Greek tragedy“
  • Äußerdem findet am Samstag, den 14.05 um 18Uhr am Heinrichplatz in Berlin eine Demonstration in Solidarität mit den sozialen Kämpfen in Griechenland statt. Infos gibt’s auf arab.blogsport.de.

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    1. 1 The Times They Are A-Changin‘ « L.nsentrug Pingback am 29. Mai 2011 um 14:17 Uhr
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