F.T. Marinetti: „Der multiplizierte Mensch und das Reich der Maschine“ (1914)

„Alles Bisherige wird euch für das Verständnis einer unserer grundlegenden futuristischen Bemühungen vorbereitet haben. Deren Ziel ist, in der Lektüre die offenkundig, indiskutable Verbindung der deen „Frau“ und „Schönheit“ abzuschaffen. Durch sie wurde die gesamte Romantik auf so etwas wie den heroischen Anschlag eines kriegerischen und heroischen Mannes auf einen mit Feinden gespickten Turm heruntergebracht, in dem diese sich um die Göttin „Schönheit-Frau“ scharren.
Romane wie Victor Hugos „Arbeiter des Meers“ oder Flaubert „Salammbô“ können illustrieren, was ich meine. Wir wollen die Literatur und die Kunst im allgemeinen von einem langweiligen und abgestandenen Leitmotiv befreien, das sie beherrscht. Deshalb entwickeln und verkünden wir eine neue große Idee aus dem zeitgenössischen Leben: die Idee der mechanischen Schönheit; und daher preisen wir die Liebe zur Maschine, wie wir sie auf den versengten und rußgeschwärzten Wangen der Mechaniker aufflammen sahen. Habt ihr nie einen Lokomotivführer beobachtet, wie er liebevoll den großen und mächtigen Körper seiner Lokomotive wäscht? Es sind die präzisen und wissenden Zärtlichkeiten eines Liebhaber, der die angebetete Frau liebkost.
Beim großen Streik der französsischen Bahnarbeiter war festzustellen, daß die Organisatoren dieser Sabotage sich vergeblich mühten, auch nur einen Lokomotivführer zur Beschädigung seiner Lokomotive zu bewegen.
Mir erscheint dies absolut natürlich. Wie hätte einer dieser Männer seine treue und ergebene Freundin mit ihrem glühenden und hingebungsvollen Herzen verletzen können? Seine schöne, stählerne Maschine, die so oft vor Wonne unter seiner einölenden Zärtlichkeit glänzte!
Dieses Bild ist beinahe schon Realität; wir werden es in einigen Jahren verifizieren können.
Ihr werdet sicher schon Betrachtungen der Art vernommen haben, in denen sich für gewöhnlich Besitzer von Automobilen und Leiter von Werkstätten zu ergehen pflegen: „Die Motoren“, sagen sie, „sind wirklich geheimnisvoll… Sie haben ihre Launen, unerwartete Grillen. Es scheint so, als hätten sie eine Persönlichkeit, eine Seele, einen Willen. Man muß sie streicheln und mit Respekt behandeln, niemals schlecht; und nie darf man sie zu sehr ermüden. Wenn ihr es so macht, wird diese Maschine aus Gußeisen und Stahl, wird dieser nach präzisen Angaben konstruierte Motor euch nicht nur seine ganze Leistung schenken, sondern die doppelte und dreifache, viel mehr und viel besser, als nach den Berechnungen des Konstrukteurs – seines Vaters! – zu erwarten stand.“ Nun – für mich bergen diese Sätze eine tiefe, offenbarende Bedeutung. Sie kündigen mir die baldigen Entdeckung der Gesetze einer wirklichen Sensibilität der Maschinen an!
Es gilt daher, die unmittelbar bevorstehende Identifikation des Menschen mit der Maschine vorzubereiten, indem man einen ununterbrochenen Austausch von Intuition, Rhythmus, Instinkt und metallischer Disziplin erleichtert und vollendet, wovon die Mehrheit noch keinerlei Begriff hat und nur die erleuchtetsten Köpfe etwas ahnen.
Akzeptiert man Lamarcks transformistische Hypothese, so wird man sicher anerkennen, daß wir die Schaffung eines a-humanen Typus anstreben. Gewissenspein, Güte, Gefühl und Liebe stellen nichts als zerfressende Gifte der unerschöpflichen vitalen Energie dar, bloße Barrieren für den Fluß unserer mächtigen physiologischen Elektrizität. Sie werden eliminiert werden.
Wir glauben an die Möglichkeit einer unabsehbaren Zahl menschlicher Verwandlungen und erklären in vollem Ernst, daß im Fleisch des Menschen Flügel schlafen. Wenn es dem Menschen möglich sein wird, seinen Willen in der Weise Gestalt annehmen zu lassen, daß er sich außerhalb seiner wie zu einem immensen, unsichtbaren Arm verlängere, werden Traum und Begehren, heute nichts als leere Worte, souverän über den gebändigten Raum und die gezähmte Zeit herrschen. Der für eine allgegenwärtige Geschwindigkeit geschaffene a-humane und mechanische Typus wird natürlich grausam, allgegenwärtig und kampfbereit sein.
Er wird mit überraschenden Organen ausgestattet sein, angepaßt an die Erfordernisse einer Umwelt voller unablässiger Erschütterungen.
Wir können bislang einen Fortschritt voraussehen, der dem wie ein Brustknochen vorragenenden Bugwulst gleicht. Jener wird um so ansehnlicher ausfallen, als der zukünftige Mensch ein immer besserer Flieger werden wird.
Einen ähnlichen Fortschritt kann man bei den besten Fliegern unter den Vögeln beobachten.
Ihr könnte diese scheinbar paradoxe These leicht verstehen, wenn ihr die bei spiritistischen Sitzungen fortwährend auftretenden Phänomene entäußerlichten Willens beobachtet.
Wie ihr des weiteren mit Leichtigkeit feststellen könnt, stößt man heute ohne Zweifel immer häufiger auf einfache Leute aus dem Volk die zwar über keinerlei Kultur oder Bildung verfügen, denen aber dessen ungeachtet das gegeben ist, was ich die große mechanische Vergöttlichung oder den metallischen Sinn nenne.
Und zwar deshalb, weil diesen Arbeitern ihre Erziehung bereits durch die Maschine zuteil wird und sie sich auf irgend eine Weise den Motoren anverwandeln.
Obschon das Bedürfnis nach Gefühl in den Adern des Menschen noch nicht zerstörbar ist, muß man es unbedingt verringern, will man die Bildung des a-humanen, mechanischen, durch die Veräußerlichung seines Willens potenzierten Menschen vorbereiten.
Der zukünftige Mensch wird sein Herz auf seine tatsächliche Distributionsfunktion reduzieren. Auf irgend eine Weise muß das Herz zu einer Art Magen fürs Gehirn werden, der sich methodisch füllt, damit das Gehirn arbeiten kann.
Man begegnet heute Menschen, die in schöner, stahlfarbener Stimmung beinahe ohne Liebe durchs Leben schreiten. Sorgen wir dafür, daß die Zahl dieser exemplarischen Menschen stetig zunehme. Anstatt abends eine süße Geliebte aufzusuchen, lieben es diese energischen Wesen, morgens mit liebender Sorgfalt dem perfekten Betriebsbeginn in ihrer Werkstatt beizuwohnen.
Wir sind übrigens davon überzeugt, daß Kunst und Literatur einen bestimmenden Einfluß auf alle sozialen Klassen ausüben, die unwissendsten eingeschlossen, deren Teilhabe daran sich aus mysteriösen Quellen speist.
Wir können daher den Weg der Menschheit zu einem von Gefühligkeit und Wollust befreiten Leben beschleunigen oder hemmen. Unserem skeptischen, täglich abzutötenden Determinismus zum Hohne glauben wir an den Nutzen einer künstlerischen Propaganda gegen die apologetische Idee des Don Giovanni und die amüsante Vorstellung des gehörnten Ehegatten.
Diese beiden Worte müssen jede Bedeutung im Leben, der Kunst und der kollektiven Phantasie verlieren.
Dient der Spott über den betrogenen Ehemann etwa nicht der Verherrlichung Don Giovannis? Und macht diese nicht Hahnrei wiederum immer lächerlicher?
Mit diesen beiden Motiven werden wir uns zugleich auch vom großen, krankhaften Phönomen der Eifersucht befreien, die nichts anderes ist als ein Produkt dongiovannesker Eitelkeit.
Dergestalt ist die grenzenlose romantische Liebe zur reinen Arterhaltung zurückgestuft, und die Anspannung der Epidermen ist endlich von jedem errendem Geheimnis, von jedem appetitanregendem Pfeffer, jeder dongionvannesken Eitelkeit befreit: eine einfache Körperfunktion wie Trinken und Essen.
Der multiplizierte Mensch, den wir erträumen, wir die Tragödie des Alters nicht kennen!
Aber dazu ist vonnöten, daß die heutigen jungen Männer sich endlich vor den erotischen Büchern und der zweifachen Droge Gefühl und Wollust ekeln, daß sie, endlich immun gegen die Liebeskrankheit, methodisch lernen, alle Herzschmerzen in sich zu vernichten, ihre Gefühle täglich zu zerreißen und ihr Geschlecht mit ebenso kurzen wie souveränen Kontakten zu Frauen unendlich zu amüsieren.
Unser offener Optimismus stellt sich damit klar dem Pessimismus des bitteren Schopenhauer entgegen, der uns so oft den verführerischen Revolver der reichte, um damit den tiefen Ekel vor der großen Liebe in uns abzutöten.
Eben mit diesem Revolver werden wir fröhlich den großen romantischen Mondschein aufs Korn nehmen.“

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aus: Hansgeorg Schmidt-Bergmann: „Futurismus – Geschichte, Ästhetik, Dokumente“, Reinbeck bei Hamburg 1993, S. 107 – 110.