Peter Handke: „Wunschloses Unglück“ (1972)

„Natürlich ist es ein bißchen unbestimmt, was da über jemanden Bestimmten geschrieben steht; aber nur die von meiner Mutter als einer möglicherweise einmaligen Hauptperson in einer vielleicht einzigartigen Geschichte ausdrücklich absehenden Verallgemeinerungen können jemanden außer mich selber betreffen. Die bloß Nacherzählung eines wechselenden Lebenslaufs mit plötzlichem Ende wäre nicht als eine Zumutung.
Ich vergleiche also den allgemeinen Formalvorrat für die Biographie eines Frauenlebens satzweise mit dem besonderen Leben meiner Mutter, aus den Übereinstimmungen und Widersprüchlichkeiten ergibt sich dann die eigentliche Schreibtätigkeit.“
- Peter Handke

„Der Nachrieg; die Großstadt: ein Stadtleben wie früher war in dieser Stadt nicht möglich. Bergau und bergab lief man über Schutt durch sie hindurch, um Wege abzukürzen, und mußte doch immer wieder in den langen Schlangen ziemlich hinten stehen, abgedrängt von den zu Ellenbogen verkümmerten, in die Luft schauenden Zeitgenossen. Ein kurzes, unglückliches Lachen, Wegschauen von einem selber, wie die andern in der Luft herum, dabei ertappt, daß man ein Bedürfnis gezeigt hatte wie diese andern, gekränkter Stolz, Versuche, sich doch noch zu behaupten, kläglich, weil man gerade dadurch verwechselbar und austauschbar mit den Umstehenden wurde: etwas Stoßendes Gestoßenes, Schiebendes Geschobenes, Schimpfendes Beschimpftes.
Der Mund, bis jetzt noch wenigstens ab und zu offengeblieben, im jugendlichen Erstaunen (oder im weiblichen So-Tun-Als-Ob), in der ländlichen Schreckhaftigkeit, am Ende eines Tagtraums, der das schwere Herz erleichterte, wurde in dieser neuen Lebenslage übertrieben fest geschlossen, als Zeichen der Anpassung an eine allgemeine Entschlossenheit, die, weil es kaum etwas gab, zu dem man sich persönlich entschließen konnte, doch nur eine Schau sein konnte.
Ein maskenhaftes Gesicht – nicht maskenhaft starr, sondern maskenhaft bewegt –, eine verstellte Stimme, die, ängstlich um Nicht-Auffallen bemüht, nicht nur den andern Dialekt, sondern auch die fremden Redensarten nachsprach – „Wohl bekomm’s!“, „Laß deine Pfoten davon!“, „Du ißt heute wieder wie ein Scheunendrescher!“–, eine abgeschaute Körperhaltung mit Hüftknick, einen Fuß vor den andern gestellt… das alles, nicht um ein andrer Mensch, sondern um ein TYP zu werden: von einer Vorkriegserscheinung zu einer Nachkriegserscheinung, von einer Landpomeranze zu einem Großstadtgeschöpf, bei dem als Beschreibung genügt: GROSS, SCHLANK, DUNKELHAARIG.
In einer solchen Beschreibung als Typ fühlte man sich auch von seiner eigenen Geschichte befreit, weil man auch sich selber nur noch erlebte wie unter dem ersten Blick eines erotisch taxierenden Fremden.
So wurde ein Seelenleben, das nie die Möglichkeit hatte, beruhigt bürgerlich zu werden, wenigstens oberflächlich verfestigt, indem es hilflos das bürgerliche, vor allem bei Frauen übliche Taxiersystem für den Umgang miteinander nachahmte, wo der andre mein Typ ist, ich aber nicht seiner, oder ich seiner, er aber nicht meiner, oder wo wir füreinander geschaffen sind oder einer den andern nicht riechen kann, – wo also alle Umgangsformen schon so sehr als verbindliche Regeln aufgefaßt werden, daß jedes mehr einzelne, auf den andern ein bißchen eingehende Verhalten nur eine Ausnahme von diesen Regeln bedeutet. „Eigentlich war er nicht mein Typ“, sagte die Mutter zum Beispiel von meinem Vater. Man lebte also nach die Typenlehre, fand sich dabei angenehm objektiviert und litt auch nicht mehr an sich, weder an seiner Herkunft, noch an seiner vielleicht schuppigen, schweißfüßigen Individualität, noch an den täglich neu gestellten Weiterlebensbedingungen, als Typ trat ein Menschlein aus seiner beschämenden Einsamkeit und Beziehungslosgikeit hervor, verlor sich und wurde doch einmal wer, wenn auch nur im Vorübergehen.
Dann schwebte man nur so durch die Straßen, beflügelt von allem, an dem man sorglos vorbeigehen konnte, abgestoßen von allem, das ein Stehenbleiben forderte und einen dabei wieder mit sich selber behelligte: von den Menschenschlangen, einer hohen Brücke über der Spree, einem Schaufester mit Kinderwagen. (Wieder hatte sie heimlich ein Kind abgetrieben.) Ruhelos, damit man ruhig bleib, rastlos, um von sich selber loszukommen. Motto: „Heute will ich an nicht denken, heute will ich nur lustig sein.“
Zeitweise glückt das, und alles Persönliche verlor sich ins Typische. Dann war sogar das Traurigsein nur eine kurze Phase der Lustigkeit: „Verlassen, verlassen, / wie ein Stein auf der Straßne / so verlassen bin ich“; mit der narrensicher imitierten Melancholie dieses künstlichen Heimatliedes steuerte sie ihren Teil zur allgemeinen und auch eigenen Lustbarkeit bei, worauf das Programm zum Beispiel weiterging mit männlichen Witzerzählen, bei dessen schon im voraus zotenhaften Tonfall man erlöst mitlachen konnte. Zu Hause freileich die VIER WÄNDE, und mit diesen allein; ein bißchen hielt die Beschwingtheit noch an, ein Summen, der Tanzschritt beim Schuhausziehen, ganz kurz der Wunsch, aus der Haut zu fahren, aber schon schleppte man sich durch das Zimmer, vom Mann zum Kind, vom Kind zum Mann, von einer Sache zur andern. Sie verrechnete sich jedesmal; zu Hause funktionierten die kleinen bürgerlichen Erlösungssysteme eben nicht mehr, weil die Lebensumstände – die Einzimmerwohnung, die Sorge um nicht als das tägliche Brot, die fast nur auf unwillkürliche Mimik, Gestik und verlegenen Geschlechtsverkehr beschränkte Verständigungsform mit dem LEBENSGEFÄHRTEN – sogar noch vor-bürgerlich waren. Man mußte schon außer Haus gehen, um wenigstens ein bißchen etwas vom Leben zu haben. Draußen der Sieger-Typ, drinnen die schwächere Hälfte, der ewige Verlierer. Das war kein Leben!
Sooft sie später davon erzählte – und sie hatte ein Bedürfnis, zu erzählen –, schüttelte sie sich zwischendurch oft vor Ekel und vor Elend, wenn auch so zaghaft, daß sie beides damit nicht abschüttelte, sondern eher nur schaudernd wiederbelebte.
Ein lächerliches Schluchzen in der Toilette aus meiner Kinderzeit her, ein Schneuzen, rote Hasenaugen. Sie war; sie wurde; sie wurde nichts.“

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aus: Peter Handke: „Wunschloses Unglück“, Frankfurt/M. 1979, S. 39 – 44.