Archiv für April 2011

Wolf Wondratschek – „Über die Schwierigkeiten, ein Sohn seiner Eltern zu bleiben“ (1969)

„Das begann alles viel früher, das hört auch nicht so schnell auf. So ist es immer. Vater war nicht Donald Duck. Auch in der Badehose sah er nicht aus wie Robinson. Für Karl May und Tom Prox hatten wir nicht den passenden Garten. Ich wurde zwar rot, aber kein Indianer.
Ich habe gesehen, wie ich keine Schwester bekam, , ich bekam Schläge. Aber ich habe gelernt, mich zwischen Frühstück, Schule und Tagesschau zurechtzufinden.
Ich wußte nie, wie den Eltern zumute war, wenn sie sagten, ihnen sei gar nicht zum Lachen zuute. Ich zog bald weg von zuhause.
Als Kind war ich ein Spielverderber. Mutter sagte dann, das hätte ich von Vater geerbt. Vater behauptete das Gegenteil. Ich hatte dann immer das Gefühl, daß wir doch alle irgendwie zusammengehören.
Vater zeigte mir, woher der Wind wehte. Ich hatte eine stürmische Jugend. Wenn wir von Krieg reden, sagt Mutter, wir können von Glück reden.
Ich denke an das Leben, sagt Vater, wenn er an mich denkt. Ich denke, Du solltest Dir mal Gedanken machen. Mutter ist die Frau von Vater. Auch sie denkt, ich sollte mir endlich mal Gedanken machen. Und ich denke nicht daran.
Vater: ein strenges Labyrinth. Mutter: der Ariadnefaden. Ich begreife das heute noch nicht.
Als das Einfamilienhaus fertig war, war ich mit der Familie fertig. Früher ging ich einfach ins Kino. Ich hatte Freunde. Aber das sind keine Lösungen. Auch eine Freundin ist keine Lösung.
Mutter weinte manchmal. Vater schrie manchmal. Auch Mutter schrie manchmal. Aber Vater weinte nie. Als ich sah, wie Vater den Hut vom Kopf nahm, um seinen Feinden die Stirn zu zeigen, wurde ich erwachsen.
Freitags Fisch. Samstags Fußball. Sonntags Familie. Vater raucht, als gehe es um sein Leben. Mutter legt eine Patience. Ich habe drei Brüder. Morgen ist Montag.
Ich erzähle einen schlechten Witz. Vater kann nicht lachen, weil Fritz erst 16 ist. Mutter wird nicht rot. Sie hat Geburtstag.
Ich werde oft gefragt, ich frage mich oft selbst. Aber es ist nicht zu ändern. Wir sind tatsächlich perfekt. Vater ist Beamter, Mutter Hausfrau, ein Bruder Oberleutnant, ein anderer Automechaniker, wieder ein anderer einfach Student. Mutter sagt, nimm endlich mal die Hände aus den Hosentaschen, tu endlich mal was Gescheites, endlich mal sagt sie gern, das ist einer ihrer Lieblingsausdrücke, besinn Dich endlich mal, wie es jetzt weitergehen soll, so jedenfalls kann es unmöglich weitergehen, kauf Dir endlich mal einen Kamm, kämm Dich endlich mal, schau endlich mal in den Spiegel und schau, wie Du aussiehst, früher hast Du anders ausgesehen, sie sagt mein Gott, geh endlich mal zum Frisör; die Haare hängen Dir ja schon über den Hemdkragen hinaus, hast Du Deine Schulaufgaben gemacht, hast Du gelernt? Ja, ich habe schon als Kind gelernt, daß der liebe Gott kein Frisör ist.
Neben dem Klingelknopf ist ein Namensschild montiert. Damit sind wir alle gemeint.
Es kommt vor, daß wir alle einmal zur gleichen Zeit im Wohnzimmer sitzen. Das kommt natürlich nicht sehr häufig vor, aber dann geschieht, was auch in den besten Familien vorkommt, es gibt Krach! Jeder schreit, jeder ist im Recht, keiner weiß, worum es geht. Aber darum geht es ja nicht. Mutter schließt schnell die Fenster. Vater beruhigt den Hund. Ich sehe Tiger an der Decke. Vater ist wer. Jeder ist, wie er eben ist. Aber dafür sind die Schulferien da.
Der Sonntag ist so etwas wie eine höfliche Drohung, eine saubere Sackgasse. An Sonntagen sehen Familien aus, als hätte man sie auf dem Friedhof zusammengeklaut.
Es ist schwierig, ein Sohn seiner Eltern zu bleiben. Die Familie ist eine Bombe mit roten Schleifchen.
An Weihnachten nehmen wir uns zusammen. An Weihnachten gelingt uns nahezu alles. Wir trinken Sekt und da ist nichts zu befürchten, weil wir anstoßen müssen bei Sekt. Die Kinder werden kurzerhand wieder Kinder. Vater fühlt sich als Großvater. Draußen ist es dunkel. Weihnachten hat nichts mehr mit Schnee zu tun. Mutter wird auch nächstes Jahr keinen Persianer bekommen.
Sonnenuntergänge und Feiertage geben uns immer wieder das Gefühl, daß alles nicht so schlimm sein kann. Wir glauben wieder an Kalbsbraten und selbstgedrehte Nudeln. Der Hund bellt die Umgebung leer und frißt aus der Hand. Auch das ist eine Version.
Vater führt an der Leine. Er ist Herrchen im Haus.
Die Wiederholung ist das Gegenteil. Unsere Fehler entsprechen unserer Imitation. Fritz heißt Fritzchen und denkt an die Chinesen. Ich mache mir einen Reim auf das Ende vom Lied.
Wir sitzen künstlich und vollzählig in den Polstergarnituren. Der offene Kamin sorgt für Nestwärme. Das Beste wäre, Mutter hätte jeden Tag Geburtstag.
6 Personen sind schon ein Trost. Wir wechseln ab. Einer wehrt sich dagegen, daß gerade der andere recht hat. Dieses Muster gilt. Die Opfer können sich am nächsten Tag als Angreifer erholen. Wenn Gäste kommen, erfinden wir Italien im Garten. Wir verstehen keinen Spaß.“

Do geese see God?

This time, an interesting discussion on a well-known social platform about the idea of god, which might be of interest. Yet, I don‘t know why it ended so abruptly, but this circumstance might again be of some interest. First an foremost, I want to express my gratitude for this exciting debate! Thank you! So here it comes…

My friend G. posts (as an update)

Do geese see god?

L., comments

the notion of seeing is slightly misleading. in catholocism, god is rather to be lived. but as to the geese: the scholastic theologian nicholas of cusa, one of the most influential, believes the world to be the emanation of what one may call „god“. hegel radicalizes this thought by arguing that „god“ or the „absolute spirit“ („weltgeist“) is not some sort of a timeless will or a separate, superior being but the totality of history as it is defolding. in this sense it all depends on whether geese perceive themselves as historical beings. most people don‘t.

G.

It all depends through which lenses you view it. One category for universal ancestry argues about the homology in vertebrate limbs, i.e. A bat’s wing, a porpoise’s flipper, a horse’s legs, and a human’s hand. Their homology proof that they all „historically“ share a common ancestor. Isn‘t homology good evidence for Darwinism? But for me, it can be summed up in a single word: „design“. I believe that irreducibly complex systems are strong evidence of a purposeful, intentional design by an intelligent agent. Would it not be strange if a universe without purpose accidentally created humans who are so obsessed with purpose? Now try to read my status back to front..there we go :p

L. counters

a friend gave me an interesting hint: irreducibly complex structures that might contradict evolution have been falsified. there are none (http://en.wikipedia.org/wiki/Flagella#Evolution_of_flagella_and_debate). obviously, this has made creationists deeply sad, but anyway, an argumentation referring to a common origin simplifies the complexity of the natural history and history of men, just as much as bare physiology waters down the existential matters of mankind. the way history has evolved is not inherently reasonable, nor does the pope know why. on the contrary, his almost charmingly naive view upon the world is the conclusive evidence of the regress within catholicism. it did take a long way from the blooming early christianity and the emancipatory plebeian sects (the pataria of milan or the cathars in south france) to the miserable state of the institutionalized, contemporary christian churches. ever since, they have proven their predisposition for reactionary ideologies. now don‘t get me wrong, i am a believer, but differently. i cherish the universal idea of love and therefore a belief that is not satisfied with what is. so in other words, i feel deeply attached to the original idea of christianity that is one of emancipation. it just needs to be rejuvenated. and that’s when marx pops up, litterally outta nowhere! really, it’s all the rage now!

G.

I‘m totally with you and I like all of your point of views..hope we can get together soon to discuss it further more, along with some good music and a cup of wine :)

- L. likes this. He really does!

G. adds

And actually the most funny/interesting thing is how the conversation turned this nice from a palindrome!!! Hehehe

Unfortunately unsatisfied, L. gives in

to sum it up, „step on no pets“. ;-)

Eventually, G. sums it up yet again

Or: „Oozy rat in a sanitary zoo“ hehehehe. Sweet!!

F.T. Marinetti: „Der multiplizierte Mensch und das Reich der Maschine“ (1914)

„Alles Bisherige wird euch für das Verständnis einer unserer grundlegenden futuristischen Bemühungen vorbereitet haben. Deren Ziel ist, in der Lektüre die offenkundig, indiskutable Verbindung der deen „Frau“ und „Schönheit“ abzuschaffen. Durch sie wurde die gesamte Romantik auf so etwas wie den heroischen Anschlag eines kriegerischen und heroischen Mannes auf einen mit Feinden gespickten Turm heruntergebracht, in dem diese sich um die Göttin „Schönheit-Frau“ scharren.
Romane wie Victor Hugos „Arbeiter des Meers“ oder Flaubert „Salammbô“ können illustrieren, was ich meine. Wir wollen die Literatur und die Kunst im allgemeinen von einem langweiligen und abgestandenen Leitmotiv befreien, das sie beherrscht. Deshalb entwickeln und verkünden wir eine neue große Idee aus dem zeitgenössischen Leben: die Idee der mechanischen Schönheit; und daher preisen wir die Liebe zur Maschine, wie wir sie auf den versengten und rußgeschwärzten Wangen der Mechaniker aufflammen sahen. Habt ihr nie einen Lokomotivführer beobachtet, wie er liebevoll den großen und mächtigen Körper seiner Lokomotive wäscht? Es sind die präzisen und wissenden Zärtlichkeiten eines Liebhaber, der die angebetete Frau liebkost.
Beim großen Streik der französsischen Bahnarbeiter war festzustellen, daß die Organisatoren dieser Sabotage sich vergeblich mühten, auch nur einen Lokomotivführer zur Beschädigung seiner Lokomotive zu bewegen.
Mir erscheint dies absolut natürlich. Wie hätte einer dieser Männer seine treue und ergebene Freundin mit ihrem glühenden und hingebungsvollen Herzen verletzen können? Seine schöne, stählerne Maschine, die so oft vor Wonne unter seiner einölenden Zärtlichkeit glänzte!
Dieses Bild ist beinahe schon Realität; wir werden es in einigen Jahren verifizieren können.
Ihr werdet sicher schon Betrachtungen der Art vernommen haben, in denen sich für gewöhnlich Besitzer von Automobilen und Leiter von Werkstätten zu ergehen pflegen: „Die Motoren“, sagen sie, „sind wirklich geheimnisvoll… Sie haben ihre Launen, unerwartete Grillen. Es scheint so, als hätten sie eine Persönlichkeit, eine Seele, einen Willen. Man muß sie streicheln und mit Respekt behandeln, niemals schlecht; und nie darf man sie zu sehr ermüden. Wenn ihr es so macht, wird diese Maschine aus Gußeisen und Stahl, wird dieser nach präzisen Angaben konstruierte Motor euch nicht nur seine ganze Leistung schenken, sondern die doppelte und dreifache, viel mehr und viel besser, als nach den Berechnungen des Konstrukteurs – seines Vaters! – zu erwarten stand.“ Nun – für mich bergen diese Sätze eine tiefe, offenbarende Bedeutung. Sie kündigen mir die baldigen Entdeckung der Gesetze einer wirklichen Sensibilität der Maschinen an!
Es gilt daher, die unmittelbar bevorstehende Identifikation des Menschen mit der Maschine vorzubereiten, indem man einen ununterbrochenen Austausch von Intuition, Rhythmus, Instinkt und metallischer Disziplin erleichtert und vollendet, wovon die Mehrheit noch keinerlei Begriff hat und nur die erleuchtetsten Köpfe etwas ahnen.
Akzeptiert man Lamarcks transformistische Hypothese, so wird man sicher anerkennen, daß wir die Schaffung eines a-humanen Typus anstreben. Gewissenspein, Güte, Gefühl und Liebe stellen nichts als zerfressende Gifte der unerschöpflichen vitalen Energie dar, bloße Barrieren für den Fluß unserer mächtigen physiologischen Elektrizität. Sie werden eliminiert werden.
Wir glauben an die Möglichkeit einer unabsehbaren Zahl menschlicher Verwandlungen und erklären in vollem Ernst, daß im Fleisch des Menschen Flügel schlafen. Wenn es dem Menschen möglich sein wird, seinen Willen in der Weise Gestalt annehmen zu lassen, daß er sich außerhalb seiner wie zu einem immensen, unsichtbaren Arm verlängere, werden Traum und Begehren, heute nichts als leere Worte, souverän über den gebändigten Raum und die gezähmte Zeit herrschen. Der für eine allgegenwärtige Geschwindigkeit geschaffene a-humane und mechanische Typus wird natürlich grausam, allgegenwärtig und kampfbereit sein.
Er wird mit überraschenden Organen ausgestattet sein, angepaßt an die Erfordernisse einer Umwelt voller unablässiger Erschütterungen.
Wir können bislang einen Fortschritt voraussehen, der dem wie ein Brustknochen vorragenenden Bugwulst gleicht. Jener wird um so ansehnlicher ausfallen, als der zukünftige Mensch ein immer besserer Flieger werden wird.
Einen ähnlichen Fortschritt kann man bei den besten Fliegern unter den Vögeln beobachten.
Ihr könnte diese scheinbar paradoxe These leicht verstehen, wenn ihr die bei spiritistischen Sitzungen fortwährend auftretenden Phänomene entäußerlichten Willens beobachtet.
Wie ihr des weiteren mit Leichtigkeit feststellen könnt, stößt man heute ohne Zweifel immer häufiger auf einfache Leute aus dem Volk die zwar über keinerlei Kultur oder Bildung verfügen, denen aber dessen ungeachtet das gegeben ist, was ich die große mechanische Vergöttlichung oder den metallischen Sinn nenne.
Und zwar deshalb, weil diesen Arbeitern ihre Erziehung bereits durch die Maschine zuteil wird und sie sich auf irgend eine Weise den Motoren anverwandeln.
Obschon das Bedürfnis nach Gefühl in den Adern des Menschen noch nicht zerstörbar ist, muß man es unbedingt verringern, will man die Bildung des a-humanen, mechanischen, durch die Veräußerlichung seines Willens potenzierten Menschen vorbereiten.
Der zukünftige Mensch wird sein Herz auf seine tatsächliche Distributionsfunktion reduzieren. Auf irgend eine Weise muß das Herz zu einer Art Magen fürs Gehirn werden, der sich methodisch füllt, damit das Gehirn arbeiten kann.
Man begegnet heute Menschen, die in schöner, stahlfarbener Stimmung beinahe ohne Liebe durchs Leben schreiten. Sorgen wir dafür, daß die Zahl dieser exemplarischen Menschen stetig zunehme. Anstatt abends eine süße Geliebte aufzusuchen, lieben es diese energischen Wesen, morgens mit liebender Sorgfalt dem perfekten Betriebsbeginn in ihrer Werkstatt beizuwohnen.
Wir sind übrigens davon überzeugt, daß Kunst und Literatur einen bestimmenden Einfluß auf alle sozialen Klassen ausüben, die unwissendsten eingeschlossen, deren Teilhabe daran sich aus mysteriösen Quellen speist.
Wir können daher den Weg der Menschheit zu einem von Gefühligkeit und Wollust befreiten Leben beschleunigen oder hemmen. Unserem skeptischen, täglich abzutötenden Determinismus zum Hohne glauben wir an den Nutzen einer künstlerischen Propaganda gegen die apologetische Idee des Don Giovanni und die amüsante Vorstellung des gehörnten Ehegatten.
Diese beiden Worte müssen jede Bedeutung im Leben, der Kunst und der kollektiven Phantasie verlieren.
Dient der Spott über den betrogenen Ehemann etwa nicht der Verherrlichung Don Giovannis? Und macht diese nicht Hahnrei wiederum immer lächerlicher?
Mit diesen beiden Motiven werden wir uns zugleich auch vom großen, krankhaften Phönomen der Eifersucht befreien, die nichts anderes ist als ein Produkt dongiovannesker Eitelkeit.
Dergestalt ist die grenzenlose romantische Liebe zur reinen Arterhaltung zurückgestuft, und die Anspannung der Epidermen ist endlich von jedem errendem Geheimnis, von jedem appetitanregendem Pfeffer, jeder dongionvannesken Eitelkeit befreit: eine einfache Körperfunktion wie Trinken und Essen.
Der multiplizierte Mensch, den wir erträumen, wir die Tragödie des Alters nicht kennen!
Aber dazu ist vonnöten, daß die heutigen jungen Männer sich endlich vor den erotischen Büchern und der zweifachen Droge Gefühl und Wollust ekeln, daß sie, endlich immun gegen die Liebeskrankheit, methodisch lernen, alle Herzschmerzen in sich zu vernichten, ihre Gefühle täglich zu zerreißen und ihr Geschlecht mit ebenso kurzen wie souveränen Kontakten zu Frauen unendlich zu amüsieren.
Unser offener Optimismus stellt sich damit klar dem Pessimismus des bitteren Schopenhauer entgegen, der uns so oft den verführerischen Revolver der reichte, um damit den tiefen Ekel vor der großen Liebe in uns abzutöten.
Eben mit diesem Revolver werden wir fröhlich den großen romantischen Mondschein aufs Korn nehmen.“

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aus: Hansgeorg Schmidt-Bergmann: „Futurismus – Geschichte, Ästhetik, Dokumente“, Reinbeck bei Hamburg 1993, S. 107 – 110.

Peter Handke: „Wunschloses Unglück“ (1972)

„Natürlich ist es ein bißchen unbestimmt, was da über jemanden Bestimmten geschrieben steht; aber nur die von meiner Mutter als einer möglicherweise einmaligen Hauptperson in einer vielleicht einzigartigen Geschichte ausdrücklich absehenden Verallgemeinerungen können jemanden außer mich selber betreffen. Die bloß Nacherzählung eines wechselenden Lebenslaufs mit plötzlichem Ende wäre nicht als eine Zumutung.
Ich vergleiche also den allgemeinen Formalvorrat für die Biographie eines Frauenlebens satzweise mit dem besonderen Leben meiner Mutter, aus den Übereinstimmungen und Widersprüchlichkeiten ergibt sich dann die eigentliche Schreibtätigkeit.“
- Peter Handke

„Der Nachrieg; die Großstadt: ein Stadtleben wie früher war in dieser Stadt nicht möglich. Bergau und bergab lief man über Schutt durch sie hindurch, um Wege abzukürzen, und mußte doch immer wieder in den langen Schlangen ziemlich hinten stehen, abgedrängt von den zu Ellenbogen verkümmerten, in die Luft schauenden Zeitgenossen. Ein kurzes, unglückliches Lachen, Wegschauen von einem selber, wie die andern in der Luft herum, dabei ertappt, daß man ein Bedürfnis gezeigt hatte wie diese andern, gekränkter Stolz, Versuche, sich doch noch zu behaupten, kläglich, weil man gerade dadurch verwechselbar und austauschbar mit den Umstehenden wurde: etwas Stoßendes Gestoßenes, Schiebendes Geschobenes, Schimpfendes Beschimpftes.
Der Mund, bis jetzt noch wenigstens ab und zu offengeblieben, im jugendlichen Erstaunen (oder im weiblichen So-Tun-Als-Ob), in der ländlichen Schreckhaftigkeit, am Ende eines Tagtraums, der das schwere Herz erleichterte, wurde in dieser neuen Lebenslage übertrieben fest geschlossen, als Zeichen der Anpassung an eine allgemeine Entschlossenheit, die, weil es kaum etwas gab, zu dem man sich persönlich entschließen konnte, doch nur eine Schau sein konnte.
Ein maskenhaftes Gesicht – nicht maskenhaft starr, sondern maskenhaft bewegt –, eine verstellte Stimme, die, ängstlich um Nicht-Auffallen bemüht, nicht nur den andern Dialekt, sondern auch die fremden Redensarten nachsprach – „Wohl bekomm’s!“, „Laß deine Pfoten davon!“, „Du ißt heute wieder wie ein Scheunendrescher!“–, eine abgeschaute Körperhaltung mit Hüftknick, einen Fuß vor den andern gestellt… das alles, nicht um ein andrer Mensch, sondern um ein TYP zu werden: von einer Vorkriegserscheinung zu einer Nachkriegserscheinung, von einer Landpomeranze zu einem Großstadtgeschöpf, bei dem als Beschreibung genügt: GROSS, SCHLANK, DUNKELHAARIG.
In einer solchen Beschreibung als Typ fühlte man sich auch von seiner eigenen Geschichte befreit, weil man auch sich selber nur noch erlebte wie unter dem ersten Blick eines erotisch taxierenden Fremden.
So wurde ein Seelenleben, das nie die Möglichkeit hatte, beruhigt bürgerlich zu werden, wenigstens oberflächlich verfestigt, indem es hilflos das bürgerliche, vor allem bei Frauen übliche Taxiersystem für den Umgang miteinander nachahmte, wo der andre mein Typ ist, ich aber nicht seiner, oder ich seiner, er aber nicht meiner, oder wo wir füreinander geschaffen sind oder einer den andern nicht riechen kann, – wo also alle Umgangsformen schon so sehr als verbindliche Regeln aufgefaßt werden, daß jedes mehr einzelne, auf den andern ein bißchen eingehende Verhalten nur eine Ausnahme von diesen Regeln bedeutet. „Eigentlich war er nicht mein Typ“, sagte die Mutter zum Beispiel von meinem Vater. Man lebte also nach die Typenlehre, fand sich dabei angenehm objektiviert und litt auch nicht mehr an sich, weder an seiner Herkunft, noch an seiner vielleicht schuppigen, schweißfüßigen Individualität, noch an den täglich neu gestellten Weiterlebensbedingungen, als Typ trat ein Menschlein aus seiner beschämenden Einsamkeit und Beziehungslosgikeit hervor, verlor sich und wurde doch einmal wer, wenn auch nur im Vorübergehen.
Dann schwebte man nur so durch die Straßen, beflügelt von allem, an dem man sorglos vorbeigehen konnte, abgestoßen von allem, das ein Stehenbleiben forderte und einen dabei wieder mit sich selber behelligte: von den Menschenschlangen, einer hohen Brücke über der Spree, einem Schaufester mit Kinderwagen. (Wieder hatte sie heimlich ein Kind abgetrieben.) Ruhelos, damit man ruhig bleib, rastlos, um von sich selber loszukommen. Motto: „Heute will ich an nicht denken, heute will ich nur lustig sein.“
Zeitweise glückt das, und alles Persönliche verlor sich ins Typische. Dann war sogar das Traurigsein nur eine kurze Phase der Lustigkeit: „Verlassen, verlassen, / wie ein Stein auf der Straßne / so verlassen bin ich“; mit der narrensicher imitierten Melancholie dieses künstlichen Heimatliedes steuerte sie ihren Teil zur allgemeinen und auch eigenen Lustbarkeit bei, worauf das Programm zum Beispiel weiterging mit männlichen Witzerzählen, bei dessen schon im voraus zotenhaften Tonfall man erlöst mitlachen konnte. Zu Hause freileich die VIER WÄNDE, und mit diesen allein; ein bißchen hielt die Beschwingtheit noch an, ein Summen, der Tanzschritt beim Schuhausziehen, ganz kurz der Wunsch, aus der Haut zu fahren, aber schon schleppte man sich durch das Zimmer, vom Mann zum Kind, vom Kind zum Mann, von einer Sache zur andern. Sie verrechnete sich jedesmal; zu Hause funktionierten die kleinen bürgerlichen Erlösungssysteme eben nicht mehr, weil die Lebensumstände – die Einzimmerwohnung, die Sorge um nicht als das tägliche Brot, die fast nur auf unwillkürliche Mimik, Gestik und verlegenen Geschlechtsverkehr beschränkte Verständigungsform mit dem LEBENSGEFÄHRTEN – sogar noch vor-bürgerlich waren. Man mußte schon außer Haus gehen, um wenigstens ein bißchen etwas vom Leben zu haben. Draußen der Sieger-Typ, drinnen die schwächere Hälfte, der ewige Verlierer. Das war kein Leben!
Sooft sie später davon erzählte – und sie hatte ein Bedürfnis, zu erzählen –, schüttelte sie sich zwischendurch oft vor Ekel und vor Elend, wenn auch so zaghaft, daß sie beides damit nicht abschüttelte, sondern eher nur schaudernd wiederbelebte.
Ein lächerliches Schluchzen in der Toilette aus meiner Kinderzeit her, ein Schneuzen, rote Hasenaugen. Sie war; sie wurde; sie wurde nichts.“

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aus: Peter Handke: „Wunschloses Unglück“, Frankfurt/M. 1979, S. 39 – 44.