The German way of Scheitern

Die Zeit fault und kreißt zugleich. Der Zustand ist elend oder niederträchtig, der Weg heraus krumm. Kein Zweifel aber, sein Ende wird nicht bürgerlich sein.
- Ernst Bloch (1923)

Der Schritt aus dem Reich des Notwendigkeit in jenes der Freiheit, der den Geist der Menschen je beflügelte, wo sie ihn auch nicht tun konnten, glüht heute aufs Neue vor als das Ende der Knechtschaft der Menschen unter dem Terror der Ökonomie, dessen Aufhebung das Ende des Prinzips der Herrschaft selbst wäre. Wieder und wieder gilt es, den „Möglichkeitssinn“ (Musil) im Menschen zu wecken, der zunächst der geschichtlichen Entwicklung den bloß Schein des Naturhaften abstreift, indem er die Einsicht in die Genese der Institutionen als in Brüchen gewordene und daher veränderbare erheischt: die Erkenntnis der geschichtlichen Notwendigkeit wäre sodann nichts anderes als die praktische Möglichkeit ihrer Aufhebung.

Doch wo stehen wir? Was haben wir von dem, was jene verschämt „Zukunft“, wir aber die „ewige Widerkehr des Gleichen“ nennen wollen, zu erwarten?

Die Skizzierung dessen, was uns bevorstehen mag, hebt mit der einzig vergleichbaren kapitalistischen Krise an, jener der späten 20er und frühen 30er Jahre. Wenn wir die Entwicklung betrachten, so können wir zunächst grob festhalten, dass die „radikalste“ Entwicklung des Kapitals durch einen massiven Liquiditätseinbruch zuerst Protektionismus mit zunehmend planwirtschaftlichen Elementen mit sich brachte und damit die Forcierung der Produktion (30er: vorwiegend deutsche Schwerindustrie) unter relativ großem bis vorwiegend staatlichem Eingriff.
Vieles deutet darauf hin, dass das die kapitalistische Ökonomie unter der gegenwärtigen Krise, deren schwerster Schlag noch aussteht, starke planwirtschaftliche Züge annehmen wird. Diese Tendenz zeichnet sich auf supranationaler Ebene etwa in der gegenwärtigen Transformation der Europäischen Union ab, die zunehmend zur zentralistischen „Transferunion“ unter deutsch-französischer Führung wird und dabei schon beharrlich demokratische Errungenschaften wie die nationale parlamentarische Entscheidungsfindung aushebelt, um in den bedrohten Peripherieländern unerbittliche Austeritäts-Regime zu installieren, die sie zudem zu willenlosen Bütteln des Zentrums macht.
Deutschland wiederum, der Hegemon Europas, liebäugelt bei aller illusorischen Wachstumseuphorie doch mit dem Abgrund: wenn das Standbein der deutschen Wirtschaft, der Export, etwa durch eine verstärkte Rezession in den USA, vor allem aber – angesichts der wohl künftigen Insolvenzfälle Griechenland und Irland – durch die Auflösung oder Zweiteiteilung (Zentrum – Peripherie) der EU oder/und überhaupt durch den Kollaps des globalen Finanzsystems zusammenbricht, dürften sich diejenigen, die heute für den Rassisten Sarrazin oder die „rechten“ Strömungen der CDU/CSU schwärmen, in einer neuen Partei formieren oder die alte umwandeln: diese zukünftige Spaltung bzw. radikale Transformation deutet sich schon heute besonders in der CDU an.
Eine allgemeine Tendenz des ideologischen Verfalls zeigt sich da an, wo der ökonomischer Unterbau bröckelt, Realität zersplittert. Gegenwärtig wären unter anderen die ungarische „Jobbik“, die österreichische FPÖ (Freiheitliche Partei Österreichs) oder das BZÖ (Bündnis Zukunft Österreich), die schwedischen „Sverigedemokraterna“, die niederländische „Partij voor de Vrijheid“, der französische „Front National“ zu nennen; Gussformen des regressiven Bewusstseins.
Eine gewisse Ausnahme stellt die Tea-Party-Bewegung dar: sie macht zwar selbst, mehr oder minder unabhängig von der Republikanischen Partei mobil, doch den „radikalsten Kapitalismus aller Zeiten“ werden nicht jene dümmlichen Zombies, deren bezeichnendes Charakteristikum noch die alte vergorene liberalistische „Staatsferne“ ist, im Alleingang errichten, sondern eine gegenwärtige oder künftige rechtspopulistische/faschistoide Partei, die sich den gegenwärtigen Nöten des Kapitals wie den disparaten Ängsten des kleinen Mannes andient und jene eingeschrumpften Warenmonaden als soziale Träger gefügig macht.

Die bornierten Knechte wählen einen Weg, der an die dunkelsten Stunden gemahnt: Der „radikale“ Kapitalismus, als dessen unduldsame Rentiers sie sich begreifen, atmete je den Geist des Faschismus. Künftig mag eine ihm ähnliche Gesellschaftsform auferstehen, da die Produktion von Mehrwert – Existenzial des Kapitals – in Zeiten der globalen Krise die je schon gebrochenen bürgerlichen Freiheiten zum „Unbedingten“ des je schon gesetzten Terrors der Ökonomie umzustimmen droht. Es wäre the german way of Scheitern.

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Paul Krugman: „The Spanish Prisoner“, New York Times, 28.11.2010

Wolfgang Münchau: „Warum die Euro-Zone zerbricht“, Financial Times Deutschland, 2.12.2010

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Zudem der Eintrag „D. schaufelt sich ins Grab“

Außerdem ein breiter angelegter Text von mir:
„Vom Wert des Menschen oder: der Schrecken der Dinge – Kritik der politischen Ökonomie unter dem Nationalsozialismus“