Archiv für Dezember 2010

Getrübter Rest

Meinem Freund Arne Schmelzer gewidmet

Da ein Gedanke, aus der Kluft
von Sache und Begriff entblößt,
durch rauchverhangne Zeit hinweg
sich von der Schwelle löst,

dem immergleichen Kreis um Kreis
des Einst ein Jetzt er kühn entreißt,
aufs Ungewordene gespannt, ein All
des Kindes Augen sehen heißt!

Ein Wunsch im Mangel lockt ihn hin,
wo morgenrote Sehnsucht bebt:
Sein Endliches, auf leichten Schwingen,
im Traum sich himmelweit erhebt.

Lewis Nash Quintet with Regina Carter – Eleanor Plunkett & Pluxsty Burk

Kommunismus

In fact aber, wenn die bornierte bürgerliche Form abgestreift wird, was ist der Reichtum anders, als die im universellen Austausch erzeugte Universalität der Bedürfnisse, Fähigkeiten, Genüsse, Produktivkräfte etc. der Individuen? Die volle Entwicklung der menschlichen Herrschaft über die Naturkräfte, die der sogenannten Natur sowohl, wie seiner eignen Natur? Das absolute Herausarbeiten seiner schöpferischen Anlagen, ohne andre Voraussetzung als die vorhergegangne historische Entwicklung, die diese Totalität der Entwicklung, d.h. der Entwicklung aller menschlichen Kräfte als solcher, nicht gemessen an einem vorhergegebnen Maßstab, zum Selbstzweck macht? wo er sich nicht reproduziert in einer Bestimmtheit, sondern seine Totalität produziert? Nicht irgend etwas Gewordnes zu bleiben sucht, sondern in der absoluten Bewegung des Werdens ist?
- Karl Marx: „Grundrisse der Kritik der politischen Ökonomie“

Der Bruch mit dem Terror der Ökonomie, den die Emanzipation der hervorbringenden gegenüber der aneignenden Klasse setzt, vollbrächte die Aufhebung jener Verhältnisse, „in denen der Mensch ein erniedrigtes, ein geknechtetes, ein verlassenes, ein verächtliches Wesen ist“ (Karl Marx), das Ende der Herrschaft des Menschen über den Menschen.

Kommunismus hat nichts von Parteilinie noch unerbittlicher Stechuhr, kein Grau in Grau gleichförmiger Wohnburgen! Als Utopie und Realität, die allein als „ungehemmt schäumendes Leben“ (Rosa Luxemburg) sein kann, ist er seinem Wesen nach wahr nur als Werdender. Die im Bestehenden ruhende konkrete Utopie meint das gute Leben, das sich in der Freiheit zum authentischen Ausdruck, zur erfüllenden Tätigkeit, zur ungezwungenen Erregung erwiese. Denn was sich dem besonnenen Betrachter gewissermaßen als das Göttliche in der Welt mal um mal enthüllt, beflügelte das Ende der Herrschaft des Abstrakten – der Produktion von Mehrwert – zumal: den Wärmestrom der Erfahrung von der sublimen Schönheit und schöpferischen Kraft aller Differenz, die frei sich erst entfaltet in der offenen, werdenden Totalität des lebendigen Menschen – im Sein als Selbstzweck.

Darin erst fände sich das je eigene Glück wieder, welches ungezwungen das Glück des Anderen hegte.

- Eintrag vom 19.10.

Herbert Marcuse zur Frankfurter Schule

Teil II
Teil III

Teil IV

Teil V

„Thesen zur Krise“

Ein unbedingt lesenwerter Beitrag zur gegenwärtigen Krise des Spätkapitalismus.

In Marx‘ Satz, die Profitrate falle nicht etwa, „weil die Arbeit unproduktiver, sondern weil sie produktiver wird“ (MEW 25, S. 250), liegt die revolutionäre Pointe seiner Krisentheorie: Es ist gerade die historisch beispiellose Fähigkeit des Kapitals, die Produktivkräfte der gesellschaftlichen Arbeit zu entwickeln, die ihm ein ums andere Mal zum Verhängnis wird, und dieser zunehmende Widerspruch zwischen Reichtumsproduktion und Verwertung eröffnet die Aussicht auf die Commune.

Freundinnen und Freunde der klassenlosen Gesellschaft: „Thesen zur Krise“, Kosmoprolet Nr. 2, August 2009