Archiv für November 2010

Getrübter Rest

„Indem die große bürgerliche Kunst das Leid und die Trauer als ewige Weltkräfte gestaltet hat, hat sie die leichtfertige Resignation des Alltags immer wieder im Herzen der Menschen zerbrochen; indem sie die Schönheit der Menschen und Dinge und ein überirdisches Glück in den leuchtenden Farben dieser Welt gemalt hat, hat sie neben dem schlechten Trost und der falschen Weihe auch die wirkliche Sehnsucht in den Grund des bürgerlichen Lebens gesenkt.“

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Herbert Marcuse: „Über den affirmativen Charakter der Kultur“, in: „Gesellschaft und Kultur I“, 1965, S. 67

Eingang

Wer du auch seist: am Abend tritt heraus
aus deiner Stube, drin du alles weißt;
als letztes vor der Ferne liegt dein Haus:
wer du auch seist.
Mit deinen Augen, welche müde kaum
von der verbrauchten Schwelle sich befrein,
hebst du ganz langsam einen schwarzen Baum
und stellst ihn vor den Himmel: schlank, allein.
Und hast die Welt gemacht. Und sie ist groß
und wie ein Wort, das noch im Schweigen reift.
Und wie dein Wille ihren Sinn begreift,
lassen sie deine Augen zärtlich los…

- Rainer Maria Rilke

Du

Im Gewitter der Rosen

Wohin wir uns wenden im Gewitter der Rosen,
ist die Nacht von Dornen erhellt, und der Donner
des Laubs, das so leise war in den Büschen,
folgt uns jetzt auf dem Fuß.

Wo immer gelöscht wird, was die Rosen entzünden,
schwemmt Regen uns in den Fluß. O fernere Nacht!
Doch ein Blatt, das uns traf, treibt auf den Wellen
bis zur Mündung uns nach.

- Ingeborg Bachmann


„Das Gedicht ist einsam. Es ist einsam und unterwegs. Wer es schreibt, bleibt ihm mitgegeben. Aber steht das Gedicht nicht gerade dadurch, also schon hier, in der Begegnung – im Geheimnis der Begegnung. Das Gedicht will zu einem Andern, es braucht dieses Andere, es braucht ein Gegenüber. Es sucht es auf, es spricht sich ihm zu.“
- Paul Celan, Rede zum Büchnerpreis 1960

Deutsches Glück

Auf welt.de fand ich diesen Kommentar (mal taucht er unter diesem Link auf, dann verschwindet er wieder hinter einer Fehlermeldung) mit dem verzückenden Titel „Deutschland im Glück“. Dort steht: „Gerade jetzt, wo die Zeiten rosig scheinen, gönnen sich viele Bürger wieder den Luxus der System­kritik.“ Doch „Missmut und Pessimismus“, heisst es weiter, „wären Gift“ usf.

Kritik gerinnt dem warenförmigen Subjekt zum „Luxus“, den man sich ab und an „gönnt“ – als sei sie als Ausdruck des dämmernden Bewusstseins nicht wesentlich! – oder schlechthin „Gift“, das man meidet: Deutsches Glück, oh du Freud‘: Arbeit, Wachstum, Schnauze!

Den Ideologen sei gesagt: Kritik ist in sich notwendige Konkretisation von Unbehagen.

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Zum Unbehagen der Ökonomie: Irland

Kritische Theorie

In der Erkenntnis, dass das wirkliche Ganze nicht zugleich die ganze Wirklichkeit ist, wird Denken dem Falschen des Ganzen inne. Aber so Kritik am beschädigten Leben überhaupt noch teil hat, blitzt nicht die „Gesamtheit“ alles Falschen der gesellschaftlichen Totalität auf, zeigt sich die Sache nicht widerspruchsfrei im Begriff an: sie wird bestimmt negiert, nicht total.
Denken, das beansprucht, ein dialektisches zu sein, landet in einer Aporie, wenn es das abgeschlossen richtige Leben im Falschen als Unmittelbares stellen wollte. Die Sache ist allerdings komplex: die Idee der Freiheit gewinnt Wirklichkeit nur in der Erinnerung der Unfreiheit, ist ein Produkt derselben und entsprechend geschichtlich bedingt. Das heißt, die reale Möglichkeit des richtigen Lebens ist eine, die, ohne durch das Falsche hindurch zu gehen, nicht wäre. Dies markiert bis zu einem gewissen Grade selbst Verstrickung im universalen Verblendungszusammenhang und mündet im Unvermögen, positiv zu bestimmen, was das abgeschlossen Richtige im Falschen sei: entsprechend ist die Idee des Richtigen im Begriff ihrer geschichtlichen Entfaltung – die unmittelbar und unkritisch gesetzte „Verwirklichung“ erscheint dabei eher als Usurpation bürgerlicher Ideologie: sofern man nämlich von der realen, umfassenden Unfreiheit absieht, die auch das vermeintlich autonome Subjekt noch durchdringt in dem Maße, in dem sich das Bewusstsein vom je Notwendigen selbst verliert.

Die Spannung von Sache und Begriff, der der dialektische Gedanke inne wird, macht sich als „getrübter Rest“ (Bloch) geltend im Reich der Unfreiheit; dies Überschüssige steht ein für die Möglichkeit eines anderen, von jenem unterschiedenen gesellschaftlichen Seins. Doch eingrenzend gilt, dass die Idee der Freiheit, eingesenkt ins Falsche, nur Wirklichkeit gewinnt im Blick auf das aus dem Zwang gelöste praktisch Mögliche, nur in der Erinnerung der Notwendigkeit. Darin bleibt die Idee der Freiheit im antagonistischen Ganzen eingespannt in den Widerspruch auf die Sache selbst.
Der Satz, dass ein richtiges Leben im Falschen nicht sei, ist als bestimmte Negation des Falschen somit auch Kritik dessen, was das Richtige wäre: denn Denken, das sich gegen die unversöhnten Widersprüche und darin gegen sich selbst abgedichtet, wäre als ein borniert Positives schlechterdings Wiedergänger des Falschen, selbstverschuldet unmündig und unfrei.
Wo die nachbürgerliche Gesellschaft in diesem Sinne die Identität mit sich selbst feiert und angesichts der sich zuspitzenden gesellschaftlichen Widersprüche sich in die Brutalität, die der reinen Positivität innewohnt, verkrallt; wo umfassende Unfreiheit wiederum nicht allein, wie Adorno schrieb, in der Macht der Anderen, sondern zumal in der Dummheit der eigenen Ohnmacht besteht, da käme ein kritischer Begriff des Richtigen nicht zur Ruhe: bliebe bedürftig und unsicher tastend nach dem, was ein Besseres wäre.

Man hat der Kritischen Theorie Resignation, Verzweiflung vorgeworfen. Das aber bedeutete Absenz von Erkenntnis des Wirklichen schlechthin, nicht dessen gedankliche Durchdringung, die sie betreibt und darin stets ein Surplus zeugt: Kritik schlägt Fenster in den Wall des Tatsächlichen.
Wenn die gesellschaftlichen Verhältnisse bisher auch nicht das Ende der Herrschaft des Menschen über den Menschen einläuteten, im Gegenteil, Auschwitz möglich machten; wenn die Menschen auch heute – weitab vom Vermögen, sich ihres Bildes inne zu werden – sich fortgesetzt gegens Nichtidentische verhärten, rückt die Kritische Theorie doch kein Stück ab von der Idee eines Anderen, Unterschiedenen, das praktisch einzulösen wäre. Darin noch verharrt Kritik in sich selbst bewusster Erwartung, atmet Hoffnung: in der Negation der Negation, als die Erinnerung des Falschen verweist sie auf die praktische Möglichkeit eines Richtigen.