Archiv für September 2010

Gerede

Das Pathos ist ein rhetorisches Mittel, das „wie“ der Rede. Es ist als solches aber nicht indifferent gegenüber dem Inhalt, nicht bloß formal gewissermaßen. Denn das, was ich das falsche Pathos nennen möchte, ist vielleicht dasjenige, das aus latenter Gleichgültigkeit heraus fühlende Leidenschaft vorgaukelt. Es rahmt allzu oft jenen Jargon, der eine blinde Wahrhaftigkeit verheißt – im Klang hölzern und hohl, als blindes Zeichen leer und arm. Nun, wenn die Unendlichkeit höchstselbst den „Ausländer“ zu segnet, dann mag man darüber vergessen, dass man einen Menschen doch immerhin erst zu einem solchen machen muss, um seine raison d‘être herab zu würdigen. Ähnlich der Busen der „Heimat“, der den „Illegalen“ empfängt, freiwillig zumal, wie sich das nennt. Das Zeichen rückt vom Bezeichneten ab, verrät es – ja, tut ihm Gewalt an.
Eine solche Sprache ist voll von falschem Pathos, denn sie weckt Affekte gegen eine Fremdgruppe, um dem Schwätzer eine Stütze zu sein und das Unrecht, das dem Anderen angetan wird, emotional ins Recht zu setzen. Das rührt wohl daher, dass der Jargon auf der Seinweise des verdinglichten „an sich“ fußt – des Gedankens also, der nicht zu sich kommt. Darin macht er die reale Möglichkeit von Glück vergessen, die darin bestünde, seines eigenen Bildes inne zu werden.
Im autoritären Charakter fallen Ich-Sucht und Ich-Schwäche zusammen. Der Geist verhärtet sich gegen den Geist und versagt sich darin die Einsicht in das Heilsame des negativen Moments, das die Ich-Stärke erst begründete. Jede Störung aber ist ihm zuwider, jeder Fehler einem System äußerlich, das über alle Kontingenz hinweg sich zwanghaft rein halten muss. Bald mündet diese Unduldsamkeit in Waschzwang, Kontrollwut und Paranoia, nicht selten – konsequenterweise – in Antisemitismus und Antiziganismus.
Horkheimer und Adorno nannten dies die pathische Projektion: sie ist lose und äußerlich verbunden mit einer Wirklichkeit, die verblasst. Das Bezeichnende ist die Aufwechselbarkeit des Opfers: „Die Wut entlädt sich auf den, der auffällt ohne Schutz“ (Dialektik der Aufklärung). Wie bestechend ist heute die Ähnlichkeit der „gens de voyage“, wie das französische Recht die Roma nennt, und dem, was man den „Ewigen Juden“ schimpft! Sie gleichen dem gebrochenen Subjekt mehr als das, was sie bezeichnen wollen. Das leistet der dumpfe Verstand. So ähnelte nichts, wessen der Antisemit die Juden zeiht, nicht auch ihm selbst.
Was dem abstrakten Zeichen gegenüber steht ist das unbegriffene Fremde: wie die Zirkulationssphäre, die dem Subjekt fremd und irrational gegenüber tritt. Es ist das inzestuöse Zinskapital, das als „schachernder Jude“ begrifflich wird. Worin sich der Antisemit also selbst verantwortlich zeigt, gerade da ist sein Bewusstsein von aller rationalen Einsicht abgeschnitten, bleibt der Gegenstand unverstanden und undurchdrungen. Abgekapselt wie das stumpfe „wir“, das so viele Namen trägt und nicht ist. Allein, all das glänzt so verführerisch, nicht? Der Schein verleiht ihm Würde, wie der Fetisch jenes Zeichens, das die Leere füllt.

Auf fpoe.at steht, dass „ER (Heinz-Christian Strache) bringt, was WIR brauchen“. Wem würde nicht vor der faulen Frucht ekeln, die er uns hinhält? Wer fühlte sich nicht beschämt, der sähe, dass das Ich zur trüben Brühe des ER als WIR zergeht? Und wer würde sich nicht wehren, dem überhaupt noch Kritik in den Sinn kommt?
Denn der Jargon machte ihn unversehens zu etwas, das er nicht ist: zum „Österreicher“, den der Demagoge als Geisel nimmt. Oder zum „Deutschen“, den der Herr Sarrazin offensichtlich als seinen ureigensten Ausfluss betrachtet und beansprucht: Der „Muslim“ und diese „Kopftuchmädchen“ seien tunlichst deutsch und produktiv. Letztlich fügt sich das Gerede vom „Juden“, der einem Gen enspringen soll, nahtlos in den Reigen ein.

In jener Sprache verfestigt sich, was das geheiligte „man“ – die peer group – leugnet, um sich über alle Widersprüche hinweg moralisch rein zu halten. Etwa dass kein Mensch illegal ist oder sein muss, wenn nicht die falsche Notwendigkeit dazu bestünde. Oder dass der Mensch zumal keine Funktion ist und keine Zahl, die sich still dem Faktum beugt.
Eine Sprache, die in fataler Weise zur Produktion drängt und darin die verborgene Destruktion greifbar macht, bedeutet Gewalt am Bezeichneten, wo sie den Körper noch nicht ereilt. Jenen Demagogen, die sich auf die Meinungsfreiheit berufen, die die Verfassung gewährt, sei gesagt: wenn in einer Gesellschaft Pluralismus bedeutet, dass das Positive unvermittelt gleichviel gilt wie seine Verneinung, regrediert „Vernunft“ zur bloßen Dummheit. Und wenn geltendes Recht aus sich immer noch Unrecht schafft oder schaffen kann und die bürgerliche Demokratie aus sich heraus Diktatur, so bedenkt auch heute die Bedingungen zur Möglichkeit von Faschismus.

No pasarán! – voll von Pathos.