„Arbeit macht frei“ I

„Der Wert des Menschen (…) und sein Wert für die Volksgemeinschaft werden nur ausschließlich bestimmt durch die Form, in der er der ihm zugewiesenen Arbeit nachkommt.“ – Adolf Hitler

Ohne Arbeit bist du nichts.

Es ist die Lüge von der produktiven Arbeit des Kapitalisten, die das Wesen des Arbeitsvertrags verdeckt und das „raffende“ Kapital, das als Zins selbst Kapital aus sich schafft, als Unorganisches verfemt. Dieses ungeheuerlich Unverstandene, das sie selbstvergessen von sich weisen, firmiert heute unter dem weitgereisten Titel „Jude“.
Die „Verkleidung der Herrschaft in Produktion.“ (Dialektik der Aufklärung, S. 182), in der Horkheimer und Adorno den spezifischen ökonomischen Grund des bürgerlichen Antisemitismus erkennen, produziert aus sich die ohnmächtige Wut, die sich entlädt auf dem, „der auffällt ohne Schutz.“ (S. 180) Die Nationalsozialisten, die durch die bloße Funktion den Gedanken leugneten, exerzierten die totale Produktion als Vernichtung zumal an jenem Menschen, der ihnen „Jude“ hieß.

Das Heilsversprechen des „guten“ Lebens verweist heute auf die Nöte jenes falschen Ganzen, in dem sich das partikulare Interesse in den Schleier des allgemeinen hüllt. Ihm ist Glück Zwang. Die Unmöglichkeit von Humanität erscheint nur da noch als Notwendigkeit, wo der sich als Heil verhärtende Geist die Feindschaft gegen den Geist überhaupt einbekennt. Er ist sich selbst ein Fremdes.
Adorno schrieb in der Einleitung zur „Minima Moralia“ folgendes: „Die Treue zum eigenen Stand von Bewußtsein und Erfahrung ist allemal in Versuchung, zur Treulosigkeit zu mißraten, indem sie die Einsicht verleugnet, welche übers Individuum hinausgreift und dessen Substanz selber beim Namen ruft.“ Das gesellschaftliche Verhältnis, das als ein Moment in der Bewegung von Dingen erscheint, greift ein in das Ich, das – selbst warenförmig zugerichtet – zum Ding sich macht und erkaltet. Entäußerung scheint ihm die ureigene leibliche Funktion, er trägt seine Haut zu Markte. Sein Denken ähnelt dem des integrativen Apparates, der nichts neben sich duldet, namentlich den Gedanken nicht, der sich von der Funktion befreite und ein Anderes dächte. Das je Besondere zieht den Argwohn und glühenden Neid des Vereinzelten auf sich. Im Zeichen der allgemeinen Fungibilität gilt ihm das Andere der Tendenz nach als das fungible Eigene. Es ist das Subjekt, aufs Ich zurück geworfen, unter diesen Umständen nun wie eine Wunde, die offen klafft. Es kündigt Genugtuung an für das, was ihm angetan wurde – ehe es zum Schlag ausholt. Die Lüge vom „Volksvermögens“ war nie etwas anderes als mörderische Enteignung. Es stellt sich der Getriebene als Exekutor vor.

Gerade weil das Fremde vertraut lockt, weil es der allgemeinen Verwertung trotzt und seltsam anders ist, muss die beschämende Erinnerung an ein Selbst zerschlagen werden. Was der Antisemit „Jude“ schimpft, gilt ihm als ruchloser Schauspieler. Seine Gestik und Mimik scheinen dem Automaten allzu vertraut, ja menschlich. Noch sein Klageschrei ist die unerhörte Spiegelung der eigenen Hinfälligkeit. „Der Ohnmächtige ist der da“, sagt er zum Außen und meint damit sich selbst als das Innen.

Antisemitismus ist Gleichmacherei als Vernichtung. Das zuckende, an dem das triumphierende Ding sein Urteil vollstreckt, spiegelt ihm „aufreizend den Schein von ohnmächtigen Glück wider.“ (S. 181) Der Ohnmächtige, zu dem jener den Anderen erniedrigt, ähnelt ihm selbst – die Nähe von Sadismus und Masochismus ist offenkundig. Im Gewaltakt ist der Wütende ganz bei sich, das heißt an sich, aber nicht für sich als sich selbst bewusst und deshalb blind ob der eigenen Herrlichkeit: „Der Gedanke an Glück ohne Macht ist unerträglich, weil es überhaupt erst Glück wäre.“ (S. 181)
Es wäre der kritische Gedanke, der dem bloßen Ich ein Bewusstsein seiner selbst vermittelte, indem er die Grenze von Innen und Außen auswieße und schließlich die Sublimität des Nicht-Identischen, Anderen freilegte. Die Reflexion, die als „Durchdringung von Rezeptivität und Einbildungskraft“ (S. 208) Nähe durch Distanz schafft, wirkte dem horror vacui entgegen, dass heute der „Wahrnehmende (…) im Prozess der Wahrnehmung nicht mehr gegenwärtig“ (S. 211) ist.
Hegel schrieb einst: „Das Leben des Geistes gewinnt seine Wahrheit nur, indem er in der absoluten Zerrissenheit sich selbst findet. Diese Macht ist er nicht als das Positive, welches von dem Negativen wegsieht, wie wenn wir von etwas sagen, dies ist nichts oder falsch, und nun, damit fertig, davon weg zu irgend etwas anderem übergehen; sondern er ist diese Macht nur, indem er dem Negativen ins Angesicht schaut, bei ihm verweilt.“ Es ist die Erfahrung der Grenze, die mit ihrer Aufhebung zusammenfällt – Perfektion vermittels Imperfektion. Ein solcher kritischer Gedanke käme jenem Irrsinn zuvor, der sich grenzenlos dünkt. Denn wenn die Dialektik der Aufklärung in den Wahnsinn umschlägt, und die Irrationalität der Anpassung an jene unwirkliche Realität für den Einzelnen vernünftiger ist als die Vernunft, so wäre es an der Negativität des Geistes, die Grenzen der Aufklärung zu durchbrechen und das Bewußtsein ihrer selbst zu werden.

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Literaturhinweis:

Max Horkheimer und Theodor W. Adorno: „Dialektik der Aufklärung“, Kapitel „Elemente des Antisemitismus“

Außerdem ein ausgezeichneter Artikel auf zeit.de (14.6.2010) zu einer antisemitischen Attacke in Laucha, Sachsen-Anhalt

„Als Olaf Osteroth vom Bahnhof aus weiterfährt, sieht er bestürzt aus. Von selbst spricht ihn niemand auf den Angriff an. Von selbst erkundigt sich auch kaum jemand, wie es seinem Stiefsohn geht. Er muss nachfragen, er muss daran erinnern. Meist beginnen seine Gesprächspartner, von ihren eigenen Problemen zu erzählen. Als sei dies eine Erklärung für das, was in Laucha geschehen ist.“


1 Antwort auf „„Arbeit macht frei“ I“


  1. 1 „Arbeit macht Frei“ II « Linsentrug Pingback am 13. Juli 2010 um 12:18 Uhr
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