Archiv für Juli 2010

Auf einer Wanderung

In ein freundliches Städtchen tret‘ ich ein,
in den Straßen liegt roter Abendschein.
Aus einem offnen Fenster eben,
über den reichsten Blumenflor
hinweg, hört man Goldglockentöne schweben,
und eine Stimme scheint ein Nachtigallenchor,
daß die Blüten beben,
daß die Lüfte leben,
daß in höherem Rot die Rosen leuchten vor.

Lang hielt ich staunend, lustbeklommen.
Wie ich hinaus vor’s Tor gekommen,
ich weiß es wahrlich selber nicht.
Ach hier, wie liegt die Welt so licht!
Der Himmel wogt in purpurnem Gewühle,
rückwärts die Stadt in goldnem Rauch:
wie rauscht der Erlenbach,
wie rauscht im Grund die Mühle,
ich bin wie trunken, irrgeführt
o Muse, du hast mein Herz berührt
mit einem Liebeshauch!

Eduard Mörike

Die Institution

Streitgespräch zwischen Theodor W. Adorno und Arnold Gehlen (1965)

„Arbeit macht Frei“ II

Auf das Datum des 8. Juni 1933, als sich das „Reich“ mit einem Schuldenmoratorium im Alleingang seiner erheblichen Auslandskredite entledigte, fällt bezeichnenderweise eine Denkschrift des Oberkommandos der Wehrmacht (Tooze, S. 77), das für die nationale Aufrüstung Ausgaben über 35 Milliarden Reichsmark, verteilt auf 8 Jahre à 4,4 Milliarden RM, veranschlagte. Dieses Rüstungsprogramm bedurfte „des gewaltigsten Ressourcentranfers, der je von einem kapitalistischen Staat in Friedenszeiten unternommen wurde“ (Tooze, S. 16), wie Adam Tooze in der „Ökonomie der Zerstörung“ schreibt.

Um die Bedingung zur Möglichkeit des organisierten faschistischen Terrors zu beleuchten, müssen wir uns den bestimmenden „Fragen von Land, Brot und Arbeit“ (Tooze, S. 12) zuwenden. Meine Argumentation geht von der These aus, dass die kapitalistische Ökonomie unter dem faschistischen Diktat die totale Produktion als Vernichtung betrieb. Sie war eine ungeheuerliche Maschine, die ständig mit neuem Kapital und Ressourcen versorgt werden musste, um nicht einzubrechen. Dazu betrieben deutschen Faschisten den „Terror der Ökonomie“, wie ihn die Welt nicht kannte. Der eliminatorische Antisemitismus kann vor diesem Hintergrund nicht unabhängig von der ökonomischen Verfasstheit betrachtet werden. Dabei handelt es sich um eine komplexe Vermittlung, der ich mich auf politisch-ökonomischer Ebene nähern will. Meine Argumentation erhebt nicht den Anspruch, das Phänomen des faschistischen Terrors von der materiellen Seite her erschöpfend zu erklären. Doch es scheint mir von existentieller Bedeutung, überhaupt die Bedingungen zur Möglichkeit des mörderischen Terrors herauszustellen. Denn die Möglichkeit des Widerstehens und des Handelns war gegeben. Indes, wo sie nicht ergriffen wurde, fiel die gesellschaftliche Barbarei als ökonomisch bedingte zusammen mit der Ohnmacht des Einzelnen als dem selbstvergessenen Subjekts. Sein Handeln wird erklärbar.

Die Singularität des Holocausts – sein zutiefst unbegreifliches, irrationales Moment – liegt in der Verschränkung von absoluter Produktion als der rationalisierten Destruktion. Angesichts des Abgrundes, den die falsche gesellschaftliche Ordnung aus sich heraus produziert, hielte nun der kritische Gedanke, den ich hier auf den Begriff bringen will, gestern und heute hoffnungsvoll die Möglichkeit eines Anderen, von jenem Unterschiedenen fest. Im Zeichen der Humanität, benennen wir den Zauber.

Im Januar 1939 dokumentierte das Direktorium der Reichsbank folgendes: „Das unbegrenzte Anschwellen der Staatsausgaben sprengt jeden Versuch eines geordneten Etats, bringt trotz ungeheuerer Anspannung der Steuerschrauben, die Staatsfinanzen an den Rand des Zusammenbruchs und zerrüttet von hier aus die Notenbank und die Währung. Es gibt kein noch so geniales und ausgeklügeltes Rezept oder System der Finanz- oder Geldtechnik, keine Organisation und keine Kontrollmaßnahmen, die wirksam genug wären, die verheerenden Wirkungen einer uferlosen Ausgabenwirtschaft auf die Währung hintan zu halten. Keine Notenbank ist imstande, die Währung aufrechtzuerhalten gegen eine inflationistische Ausgabenpolitik des Staates.“ 1939 herrschte im „Reich“ akkute Inflationsgefahr. Der Staat hatte sich mit allerlei Mitteln Kapital verschafft. Damit finanzierte er seine „kreditfinanzierten Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen“, die sich freilich zum größten Teil und nach 1934 fast ausschließlich auf Maßnahmen zur Aufrüstung der Wehrmacht beschränkten. „Das Ausgabenpacket, das für das Militär geschnürt worden war, überragt bei Weitem alle Schritte, die man sich in Deutschland jemals zur Behebung der Arbeitslosigkeit überlegt hatte oder noch überlegen sollte.“ (Tooze, S. 79).
Die oben erwähnte Vereinbarung vom Juni 1933 umfasste ein Geldvolumen, das fast dreimal so hoch war wie die Ausgaben für sämtliche zivile Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen, die in den Jahren 1932 und 1933 dekretiert wurden. Deshalb ist das Zusammenfallen vom Schuldenmoratorium und der Denkschrift des Oberkommandos so bedeutend: Mit diesem unilateralen „Befreiungsschlag“, der die drückende Schuldenlast durchstrich, befreite sich das NS-Regime auch von der fiskalpolitischen Bevormundung der Vereinigten Staaten, die bis dahin eine beratende, in gewisser Weise auch „hemmende“ Rolle eingenommen hatten. Die Karten wurden neu gemischt. So konnten die deutsche Rüstungswirtschaft und alle affizierten Branchen künftig dank dem neuen Spielraum für die Aufnahme von frischem Kapital freier produzieren. Tooze: „(…) bereits in Hitlers zweiten Amtsjahr [forderten] die Militärausgaben über 50 Prozent aller Staatsausgaben für Waren und Dienstleistungen. 1935 stieg der Anteil sogar auf 73 Prozent.“ (Tooze, S. 87)
Die Struktur dieser Finanzpolitik könnte man wiefolgt zusammenfassen: bis 1934 stand das dürftige Programm zur „zivilen“ Arbeitsbeschaffung, etwa durch den Bau der Reichsautobahn, im Zentrum, danach aber schließlich die haltlose Aufrüstung, mit der man den großen Teil der zahllosen Arbeitslosen (1933: 6 Millionen) erfasste.
Solange Massenarbeitslosigkeit herrschte, galten „kreditfinanzierte Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen“ als „produktiv“. Sie führten „zu einer Steigerung der realen Nachfrage, Produktion und Beschäftigung, nicht aber zu einer Inflation“ (Tooze, S. 66). Doch sobald die Wirtschaft in Gang gekommen war, verpuffte dieser Effekt und führte aufgrund der einfließenden Geldströme zur Inflation.
Gerade weil diese Hybris mit gewaltigen Staatskrediten gestützt werden musste, griff man auf Mittel zurück, die Götz Aly „unseriös“ schilt. Dabei stellte die „Metallurgische Forschungsgesellschaft“ das Bindeglied von Staat und Wirtschaft dar. Dieses Schattenunternehmen, das 1934 etwa dank dem deutschen Großkapital von Siemens über Krupp bis Rheinmetall mit einem Kapital über einer Million Reichsmark gegründet worden war, sollte die Vergabe von sogenannten „Mefowechseln“ regeln. Diese waren geldlose Kreditierungsmittel, die die Reichsbank ausgab. Damit wan wollte weder den Markt mit ausländischen Krediten speisen, was die Gefahr von Inflation mit sich gebracht hätte, noch mithilfe der Notenpresse, was einen noch stärkeren Effekt auf den Kurs gehabt hätte. Ein Großteil der Staatsaufträge wurde also über Mittel beglichen, die nichts anderes waren als verzinslichte staatliche Schuldscheine, die im Kern Staatsanleihen waren.
Staatsanleihen galten als vortreffliches Mittel zur Finanzierung von Wachstum, denn sie belasteten den Kurs der Reichsmark nicht. Zudem blieben die Gläubiger an das Gedeihen des nationalsozialistischen Staates gebunden. Doch das Problem der Refinanzierung war allgegenwärtig: die Kredibilität des deutschen Staates schwand zusehends. Der Juli 1938 stellt in dieser Hinsicht den vorläufigen Höhepunkt der unheilvollen Entwicklung dar: nun musste der Staat gar eigene Staatsanleihen im Wert von 465 Millionen Reichsmark aufkaufen, um fällige Kredite zu refinanzieren, damit Liquidität vorzugauckeln und die Potenz des „Reichs“ darzutun. Ziel war es, hierin die künftige Emission von Staatsanleihen zu sichern. Doch bald stand fest, dass die deutsche Volkswirtschaft der Höhe der staatlichen und privaten Ausgaben auf längere Zeit keineswegs gewachsen war.
Es mussten andere Wege gefunden werden, um über Kredite Wachstum zu generieren, ohne aber über Auslandskredite die Inflation zu befeuern oder den deutschen Steuerzahlern politisch unverantwortliche Bürden aufzuerlegen. Es blieb eine Gruppe, die beide Merkmale in sich vereinte: dem Fiskus „deutsch“ durchaus, doch „undeutsch“ in seiner Fremdheit, weil auffallend und ohne Schutz: „Der Jude“.

Der Juli 1938 beschreibt eine grauenvolle Tendenz, die mit den Novemberprogromen im selben Jahr einen vorläufigen Höhepunkt erreicht. Auf 8. und 9. November folgte am 12. das schändliche Diktat der „Sühneleistung“, die man auch „Judenbuße“ nannte. Sie belief sich auf 1 Milliarden RM, die in Form von Staatspapieren veräußert werden sollten. Dabei verbot man den Juden nicht nur, jene Anleihen zu verkaufen, sondern verpflichtete sie auch darauf, alle ausländischen Wertpapiere in ihrem Besitz allein über die Reichsbank zu verkaufen, um im Gegenzug Reichsschatzanweisungen zu erhalten. Das erhöhte die Reichseinnahmen schlagartig um 6 Prozent, womit das Kassendefizit überbrückt werden konnte.
Diese brutale Umwandlung von jüdischem Privatvermögen in Staatsanleihen „sozialrevolutionäre Umwälzung von Eigentumsverhältnissen“ (Aly, S. 209) zu nennen, wie das Götz Aly tut, ist blanker Hohn. Denn sie schuf aus sich heraus weiter nichts als Mord und Verderbnis – kein sozialrevolutionärer, also qualitativer Bruch in der gesellschaftlichen Verfasstheit. Er nämlich kündigte sich gestern und heute an als zarte Hoffnung, dass es einmal doch zum Besseren sich wenden möge.

Im Jahre 1939 verschlingt allein der Schuldendienst des Staates bereits 3,3 Milliarden Reichsmark (Aly, S. 53) bei einem jährlichen Bruttoinlandsprodukt von etwa 50 Milliarden Reichsmark. Man kann den Ausbruch des Krieges demnach getrost als die mörderische Konsequenz einer horrenden ökonomischen Schieflage des totalitären kapitalistischen Staates deuten.
Denn das „Reich“ musste stets das Gleichgewicht von Waren und Geld halten, um seinen Fortbestand zu sichern und darüber die fälligen Kredite mit Wachstum (re)finanzieren – letztlich, als der Staatsbankrott unmittelbar bevorstand, aber blieb der räuberische Krieg. Der Enteignung der unterjochten Völkern liegt ein Muster zugrunde, das sich allmählich in Brüchen herausbildete und sich wohl schon mit der Reichsfluchtsteuer von 1931 als unheilvolles Menetekel vorstellte. Denn sie wurde unter dem NS-Regime von einem herkömmlichen Mittel zur Vorbeugung von Kapitalflucht nach 1933 zum Mittel von Ausbeutung durch Aussonderung. Die Arisierung schlägt in dieselbe Kerbe. Dieser Raubmord setzt sich in vieler Hinsicht – unendlich verdichtet – auch nach Kriegsausbruch fort: Enteignung war seit jeher das Movens der deutschen Kriegsmaschinerie. Vor und nach Kriegsausbruch schickte man sich an, die benötigten Vermögenswerte dem sogenannten „Volksvermögen“ zugeschlagen. Gestattete das faschistische Deutschland den deutschen Juden dabei noch grinsend, bei Entrichtung der „Reichsfluchtsteuer“ auszureisen, so ging die Expropriation des Vermögens im polnischen Generalgouvernement indes schon bald mit der rationalisierten, mechanisierten Vernichtung von Menschen einher.
Ganz ähnlich wie man einst mit den Vermögenswerten der deutschen Juden verfuhr, so überführte man parallel zur Deportation die sogenannten „herrenlosen Vermögensobjekte“ de jure ins Eigentum des Generalgouvernements (Aly, S. 211). Das sollte die verheerende Inflation in den besetzten oder verbündeten Staaten bremsen, denn der Schub auf der „Angebotsseite“ (vor allem durch Konsumgüter) stabilisierte die Preise. Zudem verkleinerte das räuberische Morden den Kreis der bloßen „Konsumenten“, was die Nachfrage verminderte und der Preisentwicklung stabilisierte.
Mit ungeheuerem Schmerz könnte man diesen „Terror der Ökonomie“ folgend fassen: Die Ausgesonderten wurden zunächst zu Gläubigern gemacht. Sie sollten bloß über die kümmerliche Verzinsung der angedrehten Staatspapiere leben – die Karikatur der Karikatur vom „Juden“ und all derer, die die deutschen Herren so zurichteten. Auf die gesellschaftliche und materielle Aussonderung aber folgte in grausiger Bestimmtheit die leibliche, die Vernichtung des Menschen. Hitler wusste es einst:

„Der Wert des Menschen (…) und sein Wert für die Volksgemeinschaft werden nur ausschließlich bestimmt durch die Form, in der er der ihm zugewiesenen Arbeit nachkommt“.

Arbeit macht frei.

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Literaturhinweise:

Adam Tooze: „Ökonomie der Zerstörung. Die Geschichte der Wirtschaft im Nationalsozialismus“, München 2008.

Götz Aly: „Hitlers Volksstaat. Raub, Rassenkrieg und nationaler Sozialismus“, Frankfurt/M. 2005.

Ich möchte auch auf den ergänzenden Text vom 6. Juli hinweisen, der versucht, sich dem Problem vom Blickpunkt des Subjekts zu nähern.

„Die Amsel“

„Ein Flüstern im Rauschen“ – literaturtheoretische Arbeit zur „Amsel“ von Robert Musil.

Abstract

„Die Amsel“ von Robert Musil, die 1936 im „Nachlaß zu Lebzeiten“, erschien, ist von besonderem Interesse für die Erzähltheorie. In diesem fiktionalen Text, den man als Novelle bezeichnen könnte, artikuliert sich das moderne Erzählen, das von der Autorität des klassischen Erzählers Abstand nimmt. Ein solcher eröffnet – auktorial-souverän – eine Rahmenhandlung, die wiederum für sich die Rahmenhandlung dreier kurzer Binnenerzählung darstellt. Doch die Souveränität des extradiegetischen Rahmenerzählers schwindet mit dem Auftreten des Binnenerzählers Azwei, der seinen Platz einnimmt, ohne im Gespräch mit einem zweiten Binnenerzähler Aeins dem Anspruch gerecht zu werden, Sinn herzustellen.

Die Arbeit geht von der These aus, dass die inneren Widersprüche der Wirklichkeit sich im fiktionalen Text als Probleme der Form und des in ihr vermittelten Inhalts verfestigen. „Die Amsel“ steht demnach im weiten Feld von Sinn und Bedeuten. „Sind die Kunstwerke Antworten auf ihre eigene Frage, so werden sie dadurch selber erst recht zu Fragen.“ (Adorno: „Ästhetische Theorie) Nach Hegels Erkenntnis fällt die Benennung der Grenze mit ihrer Aufhebung zusammen. „Die Amsel“ reflektiert nun nicht bloß das von allem Unterschiedene im Anderen Zustand als die bestimmte Verneinung der herrschenden Praxis, sondern auch die Bezogenheit von Kunst auf den Betrachter, als Möglichkeit und Aufgabe. In diesem Sinne verfolgt die Arbeit weniger, den Text „auseinander zu nehmen“, wie man so sagt, als vielmehr heraus zu stellen, wie der Betrachter die Wahrheit im Kunstwerk „begreifen“ mag.

Die Betrachtung von Kunst trägt den Charakter eines Rätsels, das nach Lösung verlangt. Die Geltung des Kunstwerks liegt demnach als ein Verweis verborgen, und es bedurfte eines wirklich Lauschenden, sein Wahres ins Recht zu setzen. Ihn zu retten, wo die Unschärfe, ja das Trugbild der verdinglichten Formen in der entfremdeten Arbeit obwaltet, daran mag Walter Benjamin gedacht haben, als er so treffend schrieb: „Die Langeweile ist der Traumvogel, der das Ei der Erfahrung ausbrütet. Das Rascheln im Blätterwalde vertreibt ihn. Seine Nester – die Tätigkeiten, die sich innig der Langeweile verbinden– sind in den Städten schon ausgestorben, verfallen auch auf dem Lande. Damit verliert sich die Gabe des Lauschens, und es verschwindet die Gemeinschaft der Lauschenden.“ – S. 16

„Schland der Tränen“, 8.7.

Na, dann haben sie eben nicht gewonnen. Verloren ist damit nichts. Im Gegenteil, es tut ihnen gut, entwöhnt zu werden vom Gewinnen, weil das Spiel ein falsches ist. Man kann es nicht vom Fußball trennen.

„Berlin weint mit euch, Jungs! – So zitterte und weinte Köln – Leipzig weint mit Euch, Jungs! – Flenn-Meile Frankfurt – Oje! Ganz Hannover weint – Hamburg: Fan-Fest wird zum Flenn-Fest – Spanien lacht, Bremen weint – Leipzig weint mit Euch, Jungs!“ – bild.de

„Diesmal jubelten in der Hauptstadt nur die Spanier. Im multikulturellen Berlin waren natürlich auch an diesem Abend Böller, Jubelschreie und Autohupen zu hören. Auf dem Ku‘damm gab es nach dem Schlusspfiff immerhin einen kleinen spanischen Autokorso. Geschätzte vierzig Autos fuhren den Boulevard rauf und runter. Am Kranzlereck brannte dazu noch ein Feuerwerk ab. Ein Pulk deutscher Fans hatte die Kreuzung Joachimstaler Straße Ecke Kurfürstendamm bevölkert. „Ihr fahrt alle deutsche Autos, shalala“, riefen sie den hupenden Spaniern entgegen. Klar, dass sich im „Don Quijote“ in der Bleibtreustraße besonders die Spanier, die von Geburt und die aus Sympathie, versammelt hatten. Der Mannschaft in Rot wurde zugejubelt, und dies nicht selten in Familienstärke, die Kinder dem Anlass entsprechend dekoriert, gekleidet, bemalt. Und dabei wurde auch noch mit Genuss gespeist: Fußball war die Hauptsache, aber doch nicht alles. Alles war sehr kultiviert. Am Ende dann der verdiente Riesenjubel. Und der Wirt brach in Tränen aus.“– tagesspiegel.de

„Statt wie gewohnt vor Freude zu hüpfen, erstarrten die Menschen auf den Fanmeilen und WM-Partys. (…) Insgesamt sei die Stimmung aggressiver gewesen als bei den letzten Übertragungen von Deutschland-Spielen. Dies liege vermutlich daran, dass deutlich mehr Alkohol konsumiert wurde. (…) Noch bis kurz vor Beginn des Spiels konnten sich die Besucher der Fanmeile mit schwarz-rot-goldenen Schminkstiften bemalen lassen oder sich mit Hüten oder Blumenketten in den Nationalfarben eindecken.“ – bz-berlin.de

„Nein, nein, nein!!! Hunderttausende verfolgten auf den Fanmeilen der Republik das Halbfinale der deutschen Mannschaft gegen Spanien. Wahnsinn: Das ganze Land atmete wieder Schwarz-Rot-Gold! Umsonst! (…) Dann das Tor für Spanien in der 2. Halbzeit. Und schließlich: der Schlusspfiff, aus, vorbei. Mit hängenden Köpfen machten sich die Fans auf den Heimweg. Die Vorhersage des Oberhausener Tintenfischs und Orakels Paul hatten sich bewahrheitet. Spanien gewinnt gegen Deutschland.

Berlin weint mit euch, Jungs! Tränen fließen über schwarz-rot-gold geschminkte Wangen. Viele liegen sich weinend in den Armen. Andere drehen durch, treten wütend gegen die Zäune. Oder werfen Böller. Ein Fotograf kriegt einen Faustschlag ab. Es gibt sogar Festnahmen.“ – bild.de

„Nur wenige zeigten sich als schlechte Verlierer und randalierten auf der Fanmeile. Bei vereinzelten Ausschreitungen wurden 64 Menschen festgenommen, 72 Ermittlungsverfahren wurden eingeleitet und fünf Polizisten verletzt. Insgesamt sei dies angesichts von hunderttausenden Besuchern aber eine eher positive Bilanz, hieß es bei der Polizei. (…) Vereinzelt musste die Polizeibeamte Pfefferspray gegen gewalttätige Zuschauer einsetzen. Noch vor Spielbeginn nahmen die Beamten vier Besucher der Fanmeile fest, die zuvor rechtsradikale Parolen gerufen und den Hitlergruß gezeigt hatten. Nach Spielende kam es neben der Fanmeile rund um den Potsdamer und Pariser Platz wiederholt zu Körperverletzungen und Sachbeschädigungen. Auch am Kurfürstendamm nahm die Polizei mehrere Gewalttäter fest.“ – morgenpost.de

Jemand, der mir sehr nahe ist, wurde gestern Abend zusammen mit Freunden als „Scheiß Spanier“ beschimpft. Der Einfachheit halber. Oh, Einfalt… Wie schnell schlägt euer Leiden um in Wut! Aus Ich-nicht wird Das da.