Archiv für Mai 2010

„Es bedürfte der lebendigen Menschen, um die verhärteten Zustände zu verändern, aber diese haben sich so tief in die lebendigen Menschen hinein, auf Kosten ihres Lebens und ihrer Individuation, fortgesetzt, daß sie jener Spontaneität kaum mehr fähig scheinen, von der alles abhinge.“ – Theodor W. Adorno

Im Lauf der Dinge

„Der Proceß war nichts anders, als ein großes Geschäft, wie er es schon oft mit Vorteil für die Bank abgeschlossen hatte, ein Geschäft, innerhalb dessen, wie dies die Regel war, verschiedene Gefahren lauerten, die eben abgewehrt werden mussten. Zu diesem Zwecke durfte man allerdings nicht mit dem Gedanken an irgendeine Schuld spielen, sondern den Gedanken an den eigenen Vorteil möglichst festhalten.“ – Franz Kafka: „Der Proceß“

Der erste Streich

Kann mir jemand sagen, weshalb Protest immer nur so beharrlich mit Gestank identifiziert wird? Die österreichische „Kronenzeitung“ wird nicht müde zu betonen, es habe im letzten Semester im Wiener Audimax ganz fürchterlich gestunken, und dass ihr das auch diese Woche beim Versuch einer Besetzung missfiel. Weshalb, je mieser das Blatt, desto widerlicher? Sagt, warum nur dieser Ekel?
Die Wiener Besetzungen schaffen Raum für Protest, der verzückt. — Wer ihn denunziert, leistet bloß politische Hygienearbeit, die gewaltsam glättet, wo Kritik überhaupt die herrschende Unvernunft aufzuheben verspräche.
Ein erster Streich.
Die „Krone“, die mit gestriegeltem Opportunismus ihrem „Volk“ das Besondere noch immer zu auszureden wusste, betreibt das nur in ausgesprochen unappetitlicher, weil reiner Form. Da fiepst es kleinformatig: „Der österreichische Steuerzahler soll derzeit die Welt retten, aber wer rettet den Steuerzahler?“ Passt auf, ein Lichtblick! Immerhin: „Zum Vernichtungsschlag gegen den Pakt will indes das BZÖ ausholen.“ Das rechte „Bündnis Zukunft Österreich“, das eine wahre Zukunft doch verleugnet, fabuliert jede Einsicht in Grund und Boden: Klubobmann Josef Bucher stöhnt, die Wirtschaftspolitik eines stabilen Euros sei „finanzpolitisches Harakiri“, „die jetzige Vorgangsweise“ „unverantwortlich“. Meine Rede! Dog eats dog. Seht her! sie fechten wider die Windmühlen: Die blassen Ritter verweigern sich den dringlichsten Zwängen des europäischen Kapitals derart, dass ein kleines „Nein“ im großen „Ja!“ zum Staat sich selbst erschlägt. Die „Krone“ applaudiert, man dankt es ihr. Es fröstelt.
Dass das „Volk“ nicht belastet werden dürfe, ist der Gemeinplatz der politischen Klasse. Dabei geben die europäischen Häupter allerdings ein glänzendes Schauspiel ab, wenn sie zahnlos „Spekulanten“ verfemen wie zuvor die Manager und damit die hoffnungsvolle Illusion empfehlen, sie könnten „raffendes Kapital“ noch vom „schaffenden“ unterscheiden, wie das die faschistischen Krisenkinder doch am besten wussten. Sie logen der Lüge wegen.
Sowie die griechische Wirtschaft aber erst vor dem Hintergrund eines immensen Außenhandelsdefizits einbrach, wird selbstvergessen ausgeblendet, wie die europäische Wirtschaft im Kern funktioniert. Ein österreichisches Exportvolumen von rund 753 Millionen Euro stand etwa 2008 einer Ausfuhr von 143 Millionen auf griechischer Seite unversöhnlich gegenüber (Quelle: Wirtschaftskammer Österreich). So wob das österreichische Kapital eifrig mit am eigenen Leichentuch. Die Destabilisierung des Euro expediert die wohlfeile Lüge einer „unverantwortlichen“ „Vorgangsweise“ ins Reich der Wahrheit: sie bezeugt die allerdings notwendige kapitalistische Unverantwortlichkeit eines europäischen Ungleichgewichts – eine Fluchtbewegung, die sich bei aller unglücklichen Koinzidenz noch immer an den systemischen Leitplanken ausrichtet. Die Niedriglohnpolitik, die vor allem dem deutschen Großkapital Mittel in die Hände gab, um die unterlegenen südeuropäischen Wirtschaften vollends zu Grunde zu richten, rächt sich nun: Das va banque-Spiel der deutschen Rüstungswirtschaft, die widersinnige griechische Aufrüstung zunächst und in alle Zeit sich dienstbar zu machen, umscheichelte je den Overkill. Man begegnet ihm mit Stolz --
Studentischer Protest, und darin ist er dem gewerkschaftlich organisierten ähnlich, trifft dabei den Lauf der Dinge – die Warenzirkulation – immer auch an seiner empfindlichsten Stelle, der Verteilungsfrage. Ich denke, sie ist der Punkt, an dem Kritik überhaupt ansetzen muss.
Die Damen und Herren, die wohl selbst die besten Gründe gegen jedweden Protest haben, sprechen von „Vernunft“, wenn sie verdecken. So soll unsere Kritik die einer verneinenden Unvernunft sein, damit die herrschende Vernunft der Lüge wegen schließlich uns die Wahrheit spricht! Obwohl in Wien die Besetzung dieser Woche aufgelöst wurde – gerade bei all den Unkenrufen: Im Linsentrug, wer die Linsen trug! Solidarische Grüße aus Berlin!