The signal fills its void

Hier möchte ich zum ersten Mal einen Versuch zur Kunst veröffentlichen – genauer zu einer Musik, der ich keine feste Kategorie zuteilen möchte, wie man das sonst gerne macht. Denn mag man ihre Vielfalt auch unter dem unglücklichen Titel „Post-Metal“ subsumieren, so gilt in meiner Betrachtung die Erkenntnis, dass sie der festgefügten Formensprache des Genres entsagt und damit viel eher die Auflösung der Kategorie, planvoll oder unbewusst, verfolgt. Das ist Teil ihres ästhetischen Programms nicht weniger als der Anspruch, den sie stellt: die Idee von Glück im falschen Leben, die ungelöste Frage dieser Zeit zu begreifen.
Das ästhetische Produkt im Allgemeinen zeichnet sich durch seinen Rätselcharakter aus. Aber wie könnte man nach dem Rätsel zu fragen, gäbe es niemanden, der es zu lösen vermochte? Die Hermeneutiker um Hans-Georg Gadamer, die im Text nur das sehen wollten, was da stand, sind in der Litarturtheorie an dieser Frage verzweifelt. Sie gingen von einer immanenten Vollkommenheit des Kunstwerks aus, das es als abgeschlossenes, deshalb geschichtsloses präjudizierte. Ich denke, darin gingen sie fehl. Denn die ausgezeichnete Qualität des Kunstwerks setzt sich erst mit der Betrachtung ins Recht, wird, mit den Worten Adornos, hierin erst jene „Magie, befreit von der Lüge, Wahrheit zu sein“. Das Kunstwerk ist immer schon zugleich es selbst und es nicht: sein Wert liegt gerade in seiner Unabgeschlossenheit, das heißt der Notwendigkeit von Deutung. Eine Leistung also, die nicht anders gedacht werden kann als von Menschen erbracht, die verflochten sind mit einer Struktur, einem Zusammenhang. In Abwandlung eines Wortes von Walter Benjamin zur Erzählung: Kunst senkt die Sache ins Leben ein, um sie wieder aus ihm hervorzuholen.
In der „Philosophie der neuen Musik“ weist Adorno darauf hin, dass es kompositorische Qualitäten gibt, die befremden. Es ist dies etwa die Dissonanz als das Signum der Moderne. Man erschrickt, engen diese Klänge, die keinen Raum lassen, doch so vollkommen ein, wie der Betrieb, dem sie entstammen, wie der Apparat, der das Subjekt herrschaftlich umgarnt. Doch jäh ringt ein Umschlag die kalte Monotonie nieder. Er enkleidet sie ihrer Einseitigkeit: bald varriierend in feinen Nuancen, bald in scharfen Kontrasten. Die Stimme, wo sie sich erwehrt, spendet dem Einsamen Trost. Dann schwebt das Leben plötzlich im lichten Klang einer Idee, der Möglichkeit von Versöhnung.
Das vielleicht beste Beispiel im Bereich des Instrumentalen ist, wie ich finde, das Lied „Over Roots and Thorn“ der amerikanischen Band Isis, im Bereich der Stimme und des Videos aber sicherlich „20 Minutes/ 40 Years“. Kein Musikvideo, das ich je gesehen habe, inszeniert Musik so einfühlsam und bereichernd.

„20 Minutes/40 Years“ von Isis.

Isis – 20 Minutes/40 Years

Tendrils extend from the cloudy black mass
They slither and slide through the ones and zeroes
Prophecy of collapse unfolds
Last grains of sand spiral down the hole

Chance has graced me with a gift
Grasp at gold before the dark descends
Sun beats down and panic reigns
In this time of ending

Eyes shut, feet bare
For this journey, I‘m unprepared
I walk on
Sight renewed
Seek new life
I seek new life

Walk on

Seeking her the one
I wish to see
She wanders the outerlands
From the grasp of wolves I will pluck her
Twin arteries flow with the pulse of one mighty hear

Wichtig zu bemerken wäre, dass der Stil der Band Anfang der 2000er Jahre noch radikaler an die Auswegslosigkeit der pochenden Maschinerie erinnert als heute, vielleicht da die Krise den hypostasierenden Charakter des Tauschwerts verrät und die Idee vom Wert der Dinge, ihrem wahren Kern, ins Bewusstsein hebt. Lieder wie „Celestial (The Tower)“ künden von der schlagenden Übermacht der Produktionsverhältnisse über die Produktionsmittel, vom Schein der verdinglichten Formen in den Beziehungen der Menschen.

Isis – Celestial (The Tower)

The flood is coming down
I can‘t hold it back
I can‘t see her
I can‘t even breathe

Even breathe
Breathe

The individual
Will drifts into space
And the signal
Fills its void

Void
Black hole

The eyes of greater size
Than all the oceans
Do you ever get that feeling that you‘re sinking?
I do

In manchen Liedern der ebenfalls amerikanischen Band Tool ähnelt das Spiel der Instrumente dem Klang einer Maschine. Am Ende des Liedes „Aenima“ wird das metallene Pochen lediglich vom Atem des Sängers Maynard James Keenan unterlegt. Ich denke, das ist neben einer großartigen handwerklichen Leistung vor allem ein verspieltes szenisches Arrangement, das über die Musik hinaus Anknüpfung an darstellerische Kunstformen sucht. Es kommen die Auftritte der Band denn auch großen, traumartigen Inszenierungen gleich, die den Raum Bühne inszenieren, überhöhen.
In dieser Musik ist bei aller Entstellung, die nie Draufgabe, nie Überzeichnung oder Unterschlagung ist, jene feine Ironie aufgehoben, die den Trug entkleidet. Wer Hass in ihr liest, macht sich sebst zum Ding. Eine solche Apologie vergreift sich gewaltvoll am Kunstwerk. Ich denke, es ist verfehlt, dieser Musik mit der Erwartung von Genuss zu begegnen, ähnlich der Illusion eines unbehelligten Lebens, das man nicht bloß erst um den Preis der Lüge erhielte. Denn was sie im Innersten begreift, ist vielleicht ein leises Versprechen von Erkenntnis.