Archiv für Mai 2010

Ich weiß nicht, was ich dazu sagen soll. Ich weiß es nicht. Jeder Kommentar bleibt mir im Hals stecken. Ich möchte nicht daran denken, was das bedeuten kann. Wie konnte das nur geschehen? ---

Ade, Horst

Bundespräsident Horst Köhler ist zurückgetreten. Bei der Pressekonferenz standen ihm Tränen in den Augen.

Dabei hat er es schon immer gewusst: „Eindeutig fühlen die Soldaten zu wenig Anerkennung, zu wenig Respekt in der Gesellschaft für das, was sie tun.“ (Sachsen Anhalt Heute MDR Regional – 28.08.2009) Im Interview vom 22. Mai vermisse er „Respekt und Anerkennung“ für die deutsche Tatkraft. Fehlt es an Respekt? Oder wohin geht die Reise?

„Meine Einschätzung ist aber, dass insgesamt wir auf dem Wege sind, doch auch in der Breite der Gesellschaft zu verstehen, dass ein Land unserer Größe mit dieser Außenhandelsorientierung und damit auch Außenhandelsabhängigkeit auch wissen muss, dass im Zweifel, im Notfall auch militärischer Einsatz notwendig ist, um unsere Interessen zu wahren, zum Beispiel freie Handelswege, zum Beispiel ganze regionale Instabilitäten zu verhindern, die mit Sicherheit dann auch auf unsere Chancen zurückschlagen negativ durch Handel, Arbeitsplätze und Einkommen. Alles das soll diskutiert werden und ich glaube, wir sind auf einem nicht so schlechten Weg.“ – Köhler in einem Interview des Deutschlandradio Kultur (22. Mai).

Nur das eine: Köhlers sogenanntes Deutsch liest sich nur mit großer Anstrengung. Lasst es mich sagen, Köhlers Wortwahl ist leider uninspiriert und recht uneigentlich. Die Formalhaftigkeit macht ihr den Garaus, wie man das so sagt. Das fünfmalig strapazierte „auch“ vermittelt die Abrechnung und die Einsicht als eine Abrechnung an der Einsicht. „Respekt und Anerkennung“ hält er immer gerne beieinander, so als gäbe es keinen Respekt, der nicht auch Verfallenheit bedeutete. Oder Anerkennung, die einem nicht auch Demut lehrt. Im Reich der Alternativlosigkeit gilt bloß das Eine, das die Kritik bezwingt. (Herr K., steht die Kritik im Nominativ oder Akkusativ?)

„(…) dahinter ist natürlich dann die größere Frage noch, dass wir vielleicht noch mehr tun müssen, um den Auftrag, der jetzt zum Beispiel in Afghanistan ansteht, zu erklären. Zu erklären, in der Breite der Bevölkerung.“ Hut ab! Das will ich anerkennen. Aber ganz verdutzt kassiert Horst nun den Preis für die entkleidete Wahrheit.

„It won‘t be easy, you‘ll think it strange
When I try to explain how I feel
That I still need your love after all that I‘ve done
You won‘t believe me
All you will see is a girl you once knew
Although she’s dressed up to the nines
At sixes and sevens with you

I had to let it happen, I had to change
Couldn‘t stay all my life down at heel
Looking out of the window, staying out of the sun
So I chose freedom
Running around trying everything new
But nothing impressed me at all
I never expected it to

Don‘t cry for me Argentina
The truth is I never left you
All through my wild days
My mad existence
I kept my promise
Don‘t keep your distance

And as for fortune, and as for fame
I never invited them in
Though it seemed to the world they were all I desired
They are illusions
They‘re not the solutions they promised to be
The answer was here all the time
I love you and hope you love me

Have I said too much?
There’s nothing more I can think of to say to you
But all you have to do is look at me to know that
Every word is true!“

E pluribus unum

Mein Kommentar zum 9. November 2009: „Nicolas Sarkozy, Dimitri Medwedew, Bon Jovi, Gordon Brown, Thomas Gottschalk. Hillary Clinton, Michail Gorbatschow. Paul van Dyke mit „We are one“, heißt Currywurst und Fahnenmeer. „Diese Promis schwören auf die Volks-Produkte“, „Diese Volks-Produkte wünschen Sie sich für 2010″, „Das haben wir mit den Volks-Produkten erlebt.“, „Fortsetzung volkt“ (Bild.de). Was volkt auf die Volks-Produkte? Pudding will Weile haben.“

Ich habe heute einen Griechen getroffen, der sagt, in Berlin fühle er sich noch wohl. Ich höre, Berlin sei nicht Deutschland.

--- Lena, „wir haben’s geschafft“. Und lasst sie Weltmeister sein. ---

„Eine Nation versammelt sich unter ihrem Rhythmus, denn Lena feiert eine nationale Mission wie einen Kindergeburtstag.“ (Kommentar der ARD, Quelle taz.de)

Wer spricht es aus? Man hat sich die gefällige Erscheinung (und recht viel mehr ist sie uns allen nicht, mit oder ohne Fernseher) genommen. Sie hat sich durchaus auch leicht nehmen lassen vom blassen „wir“. Damit erweist sie dem Einsamen einen Bärendienst. Es hält den Satelliten im Orbit. Denn wir sehen eine Frau, wie sie die harte Hand beschwört. Ein Mann, ein Staat, sprich mein Mann, mein Staat.

Man feixt drauf los. Das Urteil, ich sei kein „Deutscher“ – ein Trugbild war er immer – „und deshalb…“ kommt einer Vollstreckung gleich. Schaurige Fremde.

Doch gilt es nichts, den Spass noch zu befragen? Zu sagen, „durch Lena Mayer-Landrut haben wir nichts erreicht“? „Mit der Weltmeisterschaft hätten wir nichts gewonnen“?

Was zählt da ein Wunsch? Wäre es nur der, verschieden zu sein ohne Angst?

--- WE ARE ONE ist die Losung der Stunde. ---

Hier noch einmal der Hinweis auf den sehr lesenswerten Artikel: taz.de

„Die Langeweile ist der Traumvogel, der das Ei der Erfahrung ausbrütet. Das Rascheln im Blätterwalde vertreibt ihn. Seine Nester – die Tätigkeiten, die sich innig der Langeweile verbinden – sind in den Städten schon ausgestorben, verfallen auch auf dem Lande. Damit verliert sich die Gabe des Lauschens, und es verschwindet die Gemeinschaft der Lauschenden. Geschichten erzählen ist ja immer die Kunst, sie weiter zu erzählen, und die verliert sich, wenn die Geschichte nicht mehr behalten werden. Sie verliert sich, weil nicht mehr gewebt und gesponnen wird, während man ihnen lauscht. Je selbstvergessener der Lauschende, desto tiefer prägt sich ihm das Gehörte ein. Wo ihn der Rhythmus der Arbeit ergriffen hat, da lauscht er den Geschichten auf solcher Weise, daß ihm die Gabe, sie zu erzählen, von selber zufällt. So also ist das Netz beschaffen, in das die Gabe zu erzählen gebettet ist. So löst es sich heutzutage an allen Enden, nachdem es vor Jahrtausenden im Umkreis der ältesten Handwerksform geknüpft worden ist.“ Walter Benjamin – „Der Erzähler“

The signal fills its void

Hier möchte ich zum ersten Mal einen Versuch zur Kunst veröffentlichen – genauer zu einer Musik, der ich keine feste Kategorie zuteilen möchte, wie man das sonst gerne macht. Denn mag man ihre Vielfalt auch unter dem unglücklichen Titel „Post-Metal“ subsumieren, so gilt in meiner Betrachtung die Erkenntnis, dass sie der festgefügten Formensprache des Genres entsagt und damit viel eher die Auflösung der Kategorie, planvoll oder unbewusst, verfolgt. Das ist Teil ihres ästhetischen Programms nicht weniger als der Anspruch, den sie stellt: die Idee von Glück im falschen Leben, die ungelöste Frage dieser Zeit zu begreifen.
Das ästhetische Produkt im Allgemeinen zeichnet sich durch seinen Rätselcharakter aus. Aber wie könnte man nach dem Rätsel zu fragen, gäbe es niemanden, der es zu lösen vermochte? Die Hermeneutiker um Hans-Georg Gadamer, die im Text nur das sehen wollten, was da stand, sind in der Litarturtheorie an dieser Frage verzweifelt. Sie gingen von einer immanenten Vollkommenheit des Kunstwerks aus, das es als abgeschlossenes, deshalb geschichtsloses präjudizierte. Ich denke, darin gingen sie fehl. Denn die ausgezeichnete Qualität des Kunstwerks setzt sich erst mit der Betrachtung ins Recht, wird, mit den Worten Adornos, hierin erst jene „Magie, befreit von der Lüge, Wahrheit zu sein“. Das Kunstwerk ist immer schon zugleich es selbst und es nicht: sein Wert liegt gerade in seiner Unabgeschlossenheit, das heißt der Notwendigkeit von Deutung. Eine Leistung also, die nicht anders gedacht werden kann als von Menschen erbracht, die verflochten sind mit einer Struktur, einem Zusammenhang. In Abwandlung eines Wortes von Walter Benjamin zur Erzählung: Kunst senkt die Sache ins Leben ein, um sie wieder aus ihm hervorzuholen.
In der „Philosophie der neuen Musik“ weist Adorno darauf hin, dass es kompositorische Qualitäten gibt, die befremden. Es ist dies etwa die Dissonanz als das Signum der Moderne. Man erschrickt, engen diese Klänge, die keinen Raum lassen, doch so vollkommen ein, wie der Betrieb, dem sie entstammen, wie der Apparat, der das Subjekt herrschaftlich umgarnt. Doch jäh ringt ein Umschlag die kalte Monotonie nieder. Er enkleidet sie ihrer Einseitigkeit: bald varriierend in feinen Nuancen, bald in scharfen Kontrasten. Die Stimme, wo sie sich erwehrt, spendet dem Einsamen Trost. Dann schwebt das Leben plötzlich im lichten Klang einer Idee, der Möglichkeit von Versöhnung.
Das vielleicht beste Beispiel im Bereich des Instrumentalen ist, wie ich finde, das Lied „Over Roots and Thorn“ der amerikanischen Band Isis, im Bereich der Stimme und des Videos aber sicherlich „20 Minutes/ 40 Years“. Kein Musikvideo, das ich je gesehen habe, inszeniert Musik so einfühlsam und bereichernd.

„20 Minutes/40 Years“ von Isis.

Isis – 20 Minutes/40 Years

Tendrils extend from the cloudy black mass
They slither and slide through the ones and zeroes
Prophecy of collapse unfolds
Last grains of sand spiral down the hole

Chance has graced me with a gift
Grasp at gold before the dark descends
Sun beats down and panic reigns
In this time of ending

Eyes shut, feet bare
For this journey, I‘m unprepared
I walk on
Sight renewed
Seek new life
I seek new life

Walk on

Seeking her the one
I wish to see
She wanders the outerlands
From the grasp of wolves I will pluck her
Twin arteries flow with the pulse of one mighty hear

Wichtig zu bemerken wäre, dass der Stil der Band Anfang der 2000er Jahre noch radikaler an die Auswegslosigkeit der pochenden Maschinerie erinnert als heute, vielleicht da die Krise den hypostasierenden Charakter des Tauschwerts verrät und die Idee vom Wert der Dinge, ihrem wahren Kern, ins Bewusstsein hebt. Lieder wie „Celestial (The Tower)“ künden von der schlagenden Übermacht der Produktionsverhältnisse über die Produktionsmittel, vom Schein der verdinglichten Formen in den Beziehungen der Menschen.

Isis – Celestial (The Tower)

The flood is coming down
I can‘t hold it back
I can‘t see her
I can‘t even breathe

Even breathe
Breathe

The individual
Will drifts into space
And the signal
Fills its void

Void
Black hole

The eyes of greater size
Than all the oceans
Do you ever get that feeling that you‘re sinking?
I do

In manchen Liedern der ebenfalls amerikanischen Band Tool ähnelt das Spiel der Instrumente dem Klang einer Maschine. Am Ende des Liedes „Aenima“ wird das metallene Pochen lediglich vom Atem des Sängers Maynard James Keenan unterlegt. Ich denke, das ist neben einer großartigen handwerklichen Leistung vor allem ein verspieltes szenisches Arrangement, das über die Musik hinaus Anknüpfung an darstellerische Kunstformen sucht. Es kommen die Auftritte der Band denn auch großen, traumartigen Inszenierungen gleich, die den Raum Bühne inszenieren, überhöhen.
In dieser Musik ist bei aller Entstellung, die nie Draufgabe, nie Überzeichnung oder Unterschlagung ist, jene feine Ironie aufgehoben, die den Trug entkleidet. Wer Hass in ihr liest, macht sich sebst zum Ding. Eine solche Apologie vergreift sich gewaltvoll am Kunstwerk. Ich denke, es ist verfehlt, dieser Musik mit der Erwartung von Genuss zu begegnen, ähnlich der Illusion eines unbehelligten Lebens, das man nicht bloß erst um den Preis der Lüge erhielte. Denn was sie im Innersten begreift, ist vielleicht ein leises Versprechen von Erkenntnis.